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Wir und unser Musikkonsum: Im Gespräch mit Walter Beer11 min read

14. Juni 2018 7 min read

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Wir und unser Musikkonsum: Im Gespräch mit Walter Beer11 min read

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Musik. Wir hören sie immer und überall. Beim Kochen, auf der Arbeit, im Zug, beim Einschlafen oder beim Sport – überall ist Musik, ja sogar auf der Toilette im Restaurant. Hören wir sie vielleicht manchmal sogar zuviel? Ein paar Jahrzente früher war das Bedürfnis vielleicht nicht minder, Musik zu hören, doch man musste dafür auf Konzerte gehen, Vinyls kaufen oder das Radio anmachen und auf den Lieblingssong warten. Heute gibt es dafür unzählige Streaming-Dienste wie Deezer, iTunes, Soundcloud, YouTube und natürlich das wohl meistverwendete Streaming-Portal Spotify.

«Vermutlich hat sich die Digitalisierung ein bisschen ins eigene Fleisch geschnitten, da sie mit der Zeit das Verlangen nach etwas Physischem gestärkt hat.», meint Walter Beer, Besitzer vom Comix Remix, einem Platten-, Spray-Accessoires- und Comicsladen an der Pfistergasse. Als die Compact Disc in den Achzigern aufkam, wurde die Langspielplatte schnell verdrängt. Dies hatte zur Folge, dass die Schwarze Scheibe von den grossen Labels nicht mehr gross gepresst wurde. Indielabels und kleine Plattenfirmen konnten sich durch die starke Preiskompression ihre Auflagen leisten. Es entstand eine unheimliche Diversität und verschiedenste Subkulturen konnten ihren Stoff auch analog verewigen.

Nachdem auch die CD durch das Streaming an Käufern verlor, landete auch diese, etwas kleinere Art von Scheibe häufig im verstaubten Dachboden. Etwas überrascht war ich, als Plattenliebhaber Beer sagte, dass er das Streaming als Chance sehe. «Die Musikkonsumation war noch nie so einfach wie jetzt. Auch mir hilft die heutige, digitale Konsumation. Ich kann sehr viel entdecken, ohne grossen Aufwand betreiben zu müssen und kann dann daraus mein Sortiment zusammenstellen.» Auch Musikkonsumenten und -Konsumentinnen können in einer ähnlichen Form davon profitieren, da sie die Möglichkeit haben, Musik online anzuhören, um diese dann später vielleicht physisch in der Hand halten zu können. Und dies ist durchaus positiv zu sehen, denn der Austausch von Musik geschieht dadurch um ein Vielfaches schneller und kann sich in verschiedene Richtungen verändern, von denen niemand zuvor auch nur geträumt hätte.

Das Problem könnte vielmehr sein, dass Musik sehr oft kostenlos konsumiert wird. Kaum eine Band ist nicht im Internet zu finden und zu hören, ohne dass man die Titel zuvor kaufen muss. Durch Werbeeinblendungen und Qualitätskompromisse, auf die man sich dabei einlassen muss, kann die Musikbranche davon leben. Doch wollen wir das? Wir besitzen alle eine unendliche Musiksammlung in unserer Hosentasche und können alles überall und immer abrufen, während man vor zwanzig Jahren noch dem Recordstore den obligaten Besuch abstatten musste. Das Albumcover fehlt oft oder wird durch einige klägliche Pixel abgebildet und höchstens während des zehnsekündigen und jeden fast zum dürftigen Durchdrehen bringenden «Laden-Prozesses» kurz angeschaut. Eine wirkliche Bindung zu einem Album ist meiner Meinung nach in digitaler Form sehr schwer. Durch den Kauf der analogen Scheiben verbindet man sich automatisch mit der Biographie und den Beteiligten dieses Werkes. Man nimmt sich Zeit, sich der Kunst, die verschiedensten Menschen entsprossen ist, anzunehmen und unterstützt nicht zuletzt auch noch die «gesunde Finanzierung» der Musikbranche und von deren Angehörigen. Es hat mit dem Respekt und der Ehre gegenüber den Künstlern und Künstlerinnen zu tun, denn man geht ja auch nicht in einen Supermarkt und nimmt sich all das mit, was einem gefällt, ohne es zu bezahlen oder es sich sogar kostenlos nach Hause liefern zu lassen.

Trotzdem: Die Umsatzzahlen des Schweizer Musikmarktes sind zwar in den letzten 15 Jahren immer weiter gesunken, doch seit 2016 steigen diese laut einer Statistik von ifpi Schweiz wieder an.

Die Onlinekäufe, und aber je länger desto mehr auch wieder die Plattenkäufe, lassen Hoffnung erblicken, denn die Menschen verspüren, wie anfangs von Walter Beer erwähnt, den Wunsch, wieder physischen Kontakt mit der Musik zu haben, immer mehr und lassen sich dadurch wieder mehr Zeit, sich einem solch tollen Medium auszusetzen.

Musik ist eben mehr als nur das nervende Geräusch, das aus grässlich klingenden «Lautsprechern» einer unromantischen Bahnhoftoilette dümpelt.

Text: Jan Rucki

 

Walter Beer im gespräch:

Jan, frachtwerk: Aus welcher Überzeugung verkaufst du Musik in Form von Vinyl?

Beer: Das hat extrem viel damit zu tun, wie es bei mir mit Musik angefangen hat und wie ich früher die Musik entdeckte. Sehr viel ist meinen Eltern verschuldet, weil sie einfach absolute Vinylfanatiker sind und mein Vater selber Plattenspieler bastelt. Dazumal bekam ich durch ihn den Bezug zur Musik und als ich in die Lehre zum Buchhändler kam, hatte ich einen Oberstift, der eine riesengrosse Plattensammlung hatte und ich dachte mir da immer: «Fagg das wott ech au emole! – A dere Stell es härzlechs Dankeschön a Urs Stämpfli!». Auf jeden Fall habe ich dann meine Lehre mit Comics verbracht und viele Vinyls bestellt. Mit der Zeit habe ich dann halt eben für Freunde mitbestellt und so hat sich das dann mit der Zeit zum Laden entwickelt.

Was ist denn deine Haltung gegenüber CDs und Kassetten?

Ich habe das Vinyl auch einfach sehr schnell aus dem «DJ-Grund» kennengelernt und zu kaufen begonnen, oder weil es vielleicht im Bereich vom Funk, Soul und HipHop auch einfach nur Vinyl gegeben hat. Ich finde auch das Feeling, technisch mit Platten zu arbeiten sehr nice und viel toller als mit CDs oder in digitaler Form. Das Format an sich, die Grösse, das Cover, die Liner Notes und so weiter, machen das Vinyl zu etwas ganz speziellem. Vinyl ist wie eine Droge – entweder du findest sie geil, oder eben nicht und Vinyl ist einfach meine Droge. Ich finde alles schön.

Musikstreaming macht man schon seit einigen Jahren und es wird immer mehr. Siehst du das als Gefahr oder als Chance für die Musikvielfalt in der Zukunft?

Das wird sich wohl herausstellen, doch ich sehe das schon eher als eine Chance. Es geht ja darum, wie man Musik entdeckt. Und füher, denke ich, ohne Internet, als ich damit begonnen habe Platten zu sammeln, habe ich irgendwelche Excel-Listen von Ami-Lieferanten durchgeackert und als ich dann bestellt habe, war die Hälfte schon wieder weg. Das war auch nicht sehr geil. Und jetzt, mit der ganzen Digitalisierung, wird eben der Zugang zu sowas um einiges leichter. Das finde ich auch etwas Schönes, denn bei digitaler Musik kannst du sehr viel entdecken, ohne dafür einen grossen Aufwand betreiben zu müssen, was grundsätzlich etwas sehr Positives ist. Auf der anderen Seite muss man sich fragen, was man dann damit macht. Reicht dir dies in digitaler Form? Sagst du, «okay, das find ich schön», oder entdeckst du digitale Sachen, die du dann trotzdem noch physisch willst? Ich glaube dieser Prozess wird nicht weniger, denn ich merke auch bei mir im Laden, wie auch wieder mehr junge Leute hinkommen, die digitale Sachen entdeckt haben und mich fragen, ob ich es ihnen auf Vinyl besorgen kann. Ich glaube daher nicht, dass sich das Digitale nur aufs Digitale beschränkt, sondern dass es eher ein anderer Weg, im Vergleich zum früher obligaten Record-Store-Besuch ist, um neue Musik zu entdecken. Der Zugang dazu hat sich einfach etwas verändert, doch ich finde den grundsätzlich geil.

Als die CD entstand, ging der Verkauf von Vinyls stark zurück. Jetzt gibt es aber wieder einen «Hype» rund um die Platten. Was hältst du davon und wie kannst du dir das erklären?

Vermutlich hat sich die Digitalisierung ein bisschen ins eigene Fleisch geschnitten, da sie mit der Zeit das Verlangen nach etwas Physischem gestärkt hat. Man kann das mit einer Wellenbewegung vergleichen: Einmal sind alle digital unterwegs und dann gibt es wieder andere Menschen die merken, dass analog schon auch sehr toll ist und ich vermute auch, dass es ohne diese ganze Digitalisierung der Musik gar keine so krasse «Platten-Reunion» gegeben hätte.

Durch die CD, die in den Achzigern das Vinyl stark verdrängt hat, sind die Preise für Vinylproduktionen stark gesunken. Das hatte zur Folge, dass ganz viele Independent-Labels die Möglichkeit hatten, zu einem fairen Preis Platten zu pressen. Das gab unglaublichen Aufschwung. Die einzige Gefahr, die ich jetzt sehe ist, dass jetzt grosse Major-Labels kommen und wieder Platten zu pressen beginnen, was dann die Indie-Labels schnell zum Stopp brächte. Das hätte zur Folge, dass dann wieder ein Teil des Publikums wegbrechen würde, da dieser in den letzten 20 Jahren ja genau deswegen Vinyl gekauft hat. Da sehe ich gewisse Gefahren, die sich aber bestimmt auch wieder legen werden.

Justin Bieber wird nicht für immer auf Vinyl gefragt sein. Das ist auch ein ganz anderes Publikum. Die Labels haben unglaubliche Angst, kein Geld mehr mit ihrer Musik zu machen und es funktionieren nur noch Konzerte, von denen das Label jedoch auch sehr wenig hat. Deswegen gehen sie jetzt mit dem Hype und pressen alles auf Vinyl. Ich glaube in zehn Jahren machen sie dann auch nicht mehr alles.

Momentan hast du durch die ganze Altersbandbreite an Leuten, die in den Laden kommen. Du hast ältere Leute, die das Vinyl wiederentdecken und die denken wie geil das denn ist, dass es wieder Plattenläden gibt und dass sie jetzt auch gleich wieder den Plattenspieler vom Estrich runterholen werden, um sich die alte Sammlung durchzuhören und um auch neue Records kaufen können. Bei uns im Laden, mit dem Schwerpunkt auf HipHop und neuerem Sound, der eher ein jüngeres Publikum anspricht, hast du natürlich auch ganz viele junge Menschen. Ob DJs oder leidenschaftliche Sammler, schlussendlich sind es alles Leute, die Platten verdammt nice finden.

Wie würdest du die Kunden in deinem Laden in drei-vier Wörtern beschreiben?

Cool. (lacht) Schön auch. Sehr viele sind schön. Nein, Blödsinn, vom Alter und von den Geschlechtern her ist es auch sehr durchmischt und alle sind leidenschaftlich. Das verbindet und macht Arbeit zu «Nicht-Arbeit».

Wie hörst du selber Musik? 

Ich höre nur Spotify. (lacht) Nein, also ich höre extrem viel Platten, aber auch sehr viel digitale Sachen, die auf Vinyl halt erst rauskommen, da dies ein grosser Teil der Sortimentgestaltung ist. Dann ist es halt am geilsten, wenn du überall reinhören kannst. Weil dann kannst du auch problemlos sagen, was du nimmst und vorallem wie viel davon. Ich brauche alle Medien, bis auf CDs, da ich auch gar keine Abspielmöglichkeit mehr dafür habe. Kassetten nehme ich auch ab und zu wieder nach vorne.

Ihr habt ja im Co-mix Remix massiv ausgebaut. Hat sich die Atmosphäre in eurem Laden seither stark verändert?

Früher gab es eine komplette Vermischung zwischen den Vinyl- und den Comicskäufern. Die ist jetzt durch die Trennung ziemlich verloren gegangen, was ich ein wenig schade finde. Durch die krasse Enge im Laden, stiessen die absoluten Manga-Nerds auf die Vinylfanatiker, was ich sehr cool fand, da dies zwei komplett verschiedene Welten waren. Trotzdem hatten sie eine grosse Verbindung miteinander – und zwar die Leidenschaft. Das ist jetzt aber auch echt das einzige, was irgendwie ein bisschen verloren ging. Trotzdem: Die meisten gehen auch jetzt mal kurz noch hoch um vorbeizusehen und sich auszutauschen.

Das Positive jetzt ist, dass wir viel mehr Platz haben für das Sortiment und die Leute können sich setzen um die Platten in aller Ruhe anzuhören und einen Kaffee zu trinken. Es ist viel mehr Ruhe in das Ganze gekommen, denn früher ist es fast etwas zu hektisch gewesen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Musik! Ich wünsche mir, dass das mit den Platten nicht ganz überbordet, sodass sich die kleinen Labels auch weiterhin die Pressung leisten können. Den Stand von momentan finde ich grundsätzlich recht cool, da jeder etwas Platz für sich hat und es eine grosse Vielfalt an verschiedener Musik gibt. So macht es unheimlich Spass, das Sortiment zusammenzustellen, denn alle geben sich auch so Mühe, alles perfekt rauszubringen. Es soll ja auch etwas Spezielles bleiben. Ich hoffe, dass es so etwas im Geiste von jetzt bleibt und dass es sich nicht komplett kommerzialisiert, das fände ich verdammt schade.

Wenn du «den perfekten Abend in Luzern» beschreiben müsstest, wie sähe der aus?

(Lacht) Klein und fein mag ich immer sehr gerne. Ich lasse mich vorallem immer sehr gerne überraschen. Gerne gehe ich an irgendwelche „Tropical-Latin-Experimental-Chrut-Komischer-Sound-Anlässe“ und lasse mich überraschen. Es ist vermutlich so, dass du, je mehr du mit Musik zu tun hast, auch weniger schnell weggeflasht wirst, weil du das noch nicht kanntest. Ich gehe deswegen gerne komplett erwartungslos an Orte, wo ich sehr selten bin und habe dann häufig einen riesengeilen Abend. Das ist für mich das Grösste.

Walter Beer ist Mitbegründer vom legendären Plattenladen „Co-Mix Remix“ an der Pfistergasse 11 in Luzern. Die Türen des Ladens stehen von Montag bis Samstag von 10:00 Uhr offen. Schau vorbei! – Zur Website