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Die drei schönsten Tage in Luzern: Das B-Sides Festival 2018 im Rückblick – Teil 14 min read

21. Juni 2018 3 min read

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Die drei schönsten Tage in Luzern: Das B-Sides Festival 2018 im Rückblick – Teil 14 min read

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Als in Luzern Aufgewachsener kenne ich den Sonnenberg schon aus der Sicht eines Windelträgers. Und ein paar Jahre nach zweitausend habe ich dann auch zum ersten Mal von zweitausendundjetzt Wind bekommen. Ob das damals schon der Slogan war – ich weiss es nicht. Ich konnte damals erst seit ein paar Jahren reden und staunte aber schon da über die dumpfen Bässe, die man unten in der Stadt noch hören konnte. Klein und fein, so begann diese Geschichte des gewissen Etwas, das heute etwas grösser und noch feiner ist. Und jetzt, immer noch zweitausendundjetzt, ging das B-Sides Festival auf dem Sonnenberg in die 13. Runde und fühlte sich wie ein Riesenerfolg an. Laut Presseberichten verbrachten während diesen drei Tagen über 4000 Menschen eine wunderbare Zeit auf dem Hügel. Und es war wie jedes Jahr für jede und jeden etwas mit dabei. Die altbekannte, liebevolle Dekoration fehlte auch in diesem Jahr nicht und lud dazu ein, sich einfach mit einem Bierchen hinzusetzen und zu geniessen. Wunderbare Musik, eine einzigartige Umgebung, schöne Menschen und eine gelassene Atmosphäre, so perfekt und beinahe kitschig könnte es klingen, wenn man zusammenfassen müsste, wie es war. Etwa dreissig Bands erfüllten den Sonnenberg und seine Umgebung mit Klängen, die zum Träumen, Tanzen, Schreien und Weinen verleiteten. Zu meinen persönlichen Highlights gehören nun vier Acts:

Long Tall Jefferson, der mit seiner Band, den Gute-Laune-Gitarrenriffs und dem angenehmen Mass an Country den perfekten Soundtrack für die Goldene Stunde und der idyllischen Atmosphäre servierte. Auch Kinder waren von der Band hingerissen und standen gespannt auf den Subwoofern ganz vorne vor der Bühne. Die Band stellte einen perfekten Anfang für den ganzen Abend dar. Und trotzdem waren sie nicht bloss ein „Anfang“, sondern setzten die Messlatte für alle kommenden Acts ziemlich hoch.

Und dann standen da Chocolat aus Montréal auf der Zeltbühne. Für mich persönlich stellten sie das absolute musikalische Highlight dar. Die Jungs aus Kanada bliesen alle davon. Durch ihre schrillen und extrem verzerrten Gitarren, die prägnanten Snares und fetten Synthis, sowie das Aussehen des Sängers an der Front, der ein Double John Gourleys zu sein vermochte, konnte ich den Gedanken an einen Auftritt von Portugal. The Man, als man sie noch ganz klar dem Indie-Rock zuordnen konnte (und die übrigens auch schon am B-Sides gespielt haben), nicht verkneifen. Die Zuschauer waren anfangs etwas verhalten, was sich jedoch schnell änderte und gegen Schluss in einem wilden Moshpit endete.

Das Grösste am ganzen Festival war vermutlich der Zöpfchen-Herr. Romano brachte die grosse Masse vor der Hauptbühne zum Toben. Sein Auftreten könnte man als Vorlage für einen perfekten Show-Act bezeichnen. Er holte etwa 50 Menschen aus dem Publikum auf die Bühne und gab allen einen „Klaps auf den Po“, erzählte Geschichten, spielte mit Julia auf der Bühne und vertickte Geld. Musikalisch ist es wohl Geschmackssache. Mir persönlich wurde es zum Teil etwas zu stadiontauglich. Einiges ist darauf ausgerichtet, dass es bei sehr vielen Menschen sehr gut ankommt. Dadurch kann es dann passieren, dass der Sound sich verändert und nicht mehr nur noch ganz genau das ist, was der Künstler selber im Kopf hatte. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich nicht zu den grössten Hip-Hop Fans auf dem Gelände gehörte, denn ich finde dies eine durchaus legitime Art und Weise Musik zu präsentieren und so kam es an diesem Abend auch rüber. Die Menschen waren glücklich und Romano auch.

Übrigens: Hier geht es zur wunderschönen B-Sides-Fotogalerie.

Muthoni Drummer Queen, das Musikprojekt von Muthoni Ndonga aus Kenia und der Produzent gr! aus der Westschweiz, wirkte ähnlich wie Romano auch nach dem Konzert länger nach. Über zehn Personen, die zusammen Musik machten, nur schon das könnte einen mitreissen. Doch vom Hip-Hop dieser Menschen konnte sich keiner lösen. Die Musiker und Musikerinnen nahmen ziemlich viel Bezug auf die Menschen im Publikum, was eine sehr intensive Nähe zwischen Künstler und Publikum schuf. Der Hip-Hop war unverfälscht in dem Sinn, dass sie das Ding durchziehen, das sie lieben. Und genau das liebten die Zuschauer dort auch.

Das B-Sides ist und bleibt ein unvergessliches Festival, das eine krasse Entwicklung hinter sich hat und mit jedem Jahr noch mehr zu bieten hat. Es ist ein dreitägiger Schmaus für Ohren, Augen, Mund und den ganzen Rest des Körpers. Ein letztes Highlight ist doch auch die Location. Und ein Spaziergang runter vom Sonnenberg bei aufgehender Sonne am Sonntagmorgen. Gibt es etwas Schöneres? – Genau, nein. Deswegen freue ich mich bereits jetzt darauf, wenn es heisst: „zweitausendundjetzt. Geniesst das Leben!“

Weitere Beträge zu einzelnen Auftritten von Musiker*innen auf dem B-Sides Festival und diverse Interviews gibt es im Verlauf von dieser und der nächsten Woche auf frachtwerk.ch zu lesen und sehen.

Text: Jan Rucki
Bild: Sam Aebi