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So ist es, blind auf einer Party zu sein3 min read

28. Juni 2018 2 min read

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So ist es, blind auf einer Party zu sein3 min read

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Wie ist es, blind zu sein? Und wie ist es, an einer Party blind zu sein? Einerseits braucht es volles Vertrauen in die Menschen, die sich in unmittelbarer Nähe zu dir aufhalten und andererseits einen guten Gehörsinn.

Hier ein Erlebnisbericht vom „Blind Walk“ am Südpol Sommerfest vom letzten Freitag:

Ein Raum, den ich nur vom Mittagessen kannte, Musik, die dort echt selten aus den Lautsprechern dröhnt und biertrinkende Menschen, die einen geselligen Abend verbringen. Die Shedhalle vom Südpol wurde am letzten Freitag und Samstag in eine dunkle, grosszügige und gemütliche Bar umgestaltet, in der nebst Club, Hallen und Terasse, das Sommerfest über die Bühne ging. Es sah alles wunderschön aus. Es wurde wert darauf gelegt, nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen ein Festmahl zu bereiten.

Doch dann kamen zehn Minuten kompletter Blindheit. In einer dunklen Ecke des Bistros, am Verkehrskreuz Bar-Halle-WC-Club, fand man, in Form von zu einem Kreis angeordneten Goldfäden, die von der Decke runterhingen, eine „Umkleidekabine“. Eine Dame mit Cap, auf dem der Name des Experiments „Blind Walk“ zu entziffern war, kam auf mich zu, sobald ich mich ins Magnetfeld der Kabine bewegte. Nachdem die Frau mich in die Kabine stiess, wurde mir klargemacht, dass in den nächsten zehn Minuten folgende zwei Sachen absolut verboten sind: Reden und Sehen. Danach ging es los. An der Hand geführt, schlichen wir durch feiernde Menschen, laute Musik und lachende Stimmen.

Zu Beginn war es nicht einfach, das komplette Vertrauen einer fremden Person zu übergeben. Doch die Hand,  welche mich angenehm führte, bot mir genug Sicherheit, um ihr zu folgen. Treppe, Lift, Tür und schliesslich der Club – all das waren Stationen, an denen der blinde Gang durch das nächtliche Kulturzentrum vorbei- und durchführte.

Im Verlaufe des Experiments war ich immer mehr auf mich alleine gestellt. Die Hand löste sich von mir und die Frau rannte davon. Auch hier wäre es ohne eine komplette Lösung von Ängsten, gegen etwas zu knallen, nicht möglich gewesen, in diesem Tempo den richtigen Weg zu finden.

Durch dieses Experiment wurde mir persönlich etwas klarer, wie es sich anfühlen könnte, blind zu sein. Klar, jeder hat als Kind schonmal sowas gespielt, aber so komplett unerwartet und irgendwie auch „unfreiwillig“ wurde ich noch nie in eine solche Situation geschmissen. Und schon gar nicht in einer solchen Umgebung. Man fühlt sich unsicher und unbeholfen. Die Orientierung passiert durch Gehör- und Tastsinn. Trotzdem: Dadurch, dass man nichts sehen kann, konnte ich mir oftmals selbst ein Bild davon ausmalen, wie die Situation aussähe. Das mag schön sein für den Moment, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das auf Dauer der komplette Horror zu sein vermag. Nach zehn Minuten an einer Hand geführt zu werden und durch Pfiffe durch die Menschen zu navigieren, war ich froh, wieder sehen zu können. Wie es sein kann, wenn man ein Leben lang nichts sehen kann und wie man sich die Welt vorstellt, wenn man sie noch nie mit den Augen gesehen hat, ich weiss es nicht. Das muss sehr krass sein. Manchmal ist es aber auch schön, sich auch einmal auf Gehör, Geruch und auf das Tasen zu reduzieren. Wie anders man die Welt dann wahrnimmt ist unglaublich und für eine gewisse Zeit irgendwie auch wunderschön.