Film Gesellschaft

„Mir ging es weniger um ‚Augenhöhe‘, als um Ermächtigung“5 min read

25. August 2020 4 min read

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„Mir ging es weniger um ‚Augenhöhe‘, als um Ermächtigung“5 min read

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2020 feierte “Sitting in Cabdi’s Container” seine Premiere an den Solothurner Filmtagen. Das Doppel-Portrait zweier Asylsuchenden ist eine hautnahe Kritik am Schweizer Asylverfahren. Aber mit geflüchteten Menschen gemeinsam einen Film zu machen, ist nicht immer einfach.

Florian Rudolph: Worum geht es in deinem Film “Sitting in Cabdi’s Container”?
Natalie Pfister: Es geht darum, wie wir hier in der Schweiz mit Menschen umgehen, die aus einem anderen Land zu uns kommen, um bei uns ein besseres Leben finden. Was bieten wir und was fordern wir von ihnen?

Der Film präsentiert zwei Asylsuchende als Protagonisten: Cabdi (Nachname gechützt) und Irshad Nasir. Wie würdest du die beiden beschreiben?
Cabdi ist ein fröhlicher, aufgestellter, ewig optimistischer, aber doch auch reflektierter, junger Somalier. Irshad ist zehn Jahre älter und ein sehr nachdenklicher Typ, der mich immer wieder mit seinem intelligenten Humor überrascht. Er hat sich in Belutschistan – ein von Pakistan besetztes Gebiet – für die Unabhängigkeit der Belutschen* eingesetzt und musste deshalb fliehen. Er ist gleichzeitig Erzähler und Co-Autor des Films.

Wie ist es zu diesem Film gekommen?
Ich bin seit 2015 im „Solinetz“ tätig. Das ist ein Verein, der sich für die Integration von Geflüchteten einsetzt, indem er sie mit Schweizerinnen und Schweizern zusammenbringt. Dort habe ich herumgefragt, ob es Leute gibt, die interessiert sind, ein eigenes kleines Filmprojekt anzugehen. So hat sich eine kleine Gruppe zusammengefunden. Statt ihre eigenen Filme zu machen, wollten lieber einen gemeinsamen Film über ihren Alltag realisieren. So entschieden wir uns, Cabdis Geschichte zu erzählen. Und mit der Zeit, als es aufwändiger wurde, ist die Gruppe zusammengeschrumpft, bis es nur noch Cabdi, Irshad und ich waren.

Wo bist du an deine Grenzen gestossen?
Die grösste Schwierigkeit war es, die Beteiligten bei der Stange zu halten. Auch Cabdi fehlte die Motivation für den Film, nachdem sein Asylgesuch abgelehnt wurde. Ich glaube, er hatte die Hoffnung, der Film könne Aufmerksamkeit erregen und ihm zur Bewilligung seines Asylgesuchs verhelfen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Cabdi für dich?
Es war schwierig, ihm die Reichweite und Gestalt des Films zu vermitteln. Und es war auch nicht immer einfach, ihm zu entlocken, wie die rechtlichen Abläufe in seinem Asylverfahren funktionieren. Irshad und ich fanden das interessant und wichtig für den Film. Er hat die rechtlichen Abläufe aber nicht immer ganz verstanden. Diese sind ja auch sehr komplex und die Entscheide wenig verständlich formuliert.

Wie war die Zusammenarbeit mit einem belutschischen Co-Autor?
Irshad hat in Belutschistan einige Journalismus-Erfahrungen gesammelt und auch schon Filmaufnahmen gemacht. So war ich froh, dass er die Kameraarbeit grösstenteils übernehmen konnte. In Fragen der Dramaturgie und der Gestaltung gab es aber sicher ein Ungleichgewicht im Know-How, da ich ja einen Masterabschluss in Dokumentarfilm und schon zwei Filme realisiert habe.

Wie war es für dich, als europäische Frau mit Männern aus einem anderen Kulturraum einen Film zu machen? Gab es Barrieren?
Am schwierigsten war wirklich diese Ungleichheit im filmischen Wissen. Aber ich konnte ihnen ja nicht gut eine ganze Filmschule ersetzen. Und das war ehrlich gesagt auch nicht meine Absicht. Ursprünglich wollte ich ihnen einfach einen kleinen Einstieg bieten. Als sie dies ablehnten und lieber gemeinsam einen Film unter meiner Anleitung über ihren Alltag realisieren wollten, entschied ich pragmatisch, in diesem Fall also eher den Lead zu übernehmen.

Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe?
Entscheidend ist, dass die Idee zusammen entstand. Mir ging es weniger um «Augenhöhe», als um «Ermächtigung». Film war für die Beteiligten Neuland und ich wollte ihnen zeigen, wie man so etwas machen kann, weil das ja mein Beruf ist und ich deshalb weiss, wie es geht.

Am Anfang des Filmes sagt Irshad, ihr beiden seid nicht mit allem einverstanden, was die Medien über flüchtende Menschen sagen. Was findest du, muss sich grundlegend ändern?
Damals haben die Negativbeispiele von Geflüchteten sehr viel Raum bekommen. 2015 und vorher ging es stark um die Flüchtlingswelle und darum, wie Flüchtlinge aus dem arabischen Raum kriminell werden; Einzelbeispiele, die in den Medien breitgeschlagen wurden. Zum Glück hat sich das verändert. Aber auch heute wird noch mehr mit Angst gearbeitet, als mit den positiven Seiten der Migration.

Was muss sich in der Asylpolitik ändern?
Ich finde es furchtbar, dass wir uns als Gesellschaft nicht verantwortlich fühlen, Leuten zu helfen, denen es weniger gut geht als uns. Ich finde, wir sollten sehr viel mehr Menschen aufnehmen.

Hauptsache, unser Kuchenstück bleibt gleich gross.
Genau. Es geht darum, möglichst alles abzuwehren, um ja nicht kürzer treten zu müssen. Es ist egoistisch.

Was war deine wichtigste persönliche Erkenntnis beim Produzieren dieses Filmes?
Es war für mich schwierig, meinen künstlerischen Anspruch und eine Zusammenarbeit mit filmischen Laien unter einen Hut zu bekommen. Das war eine ständige Gratwanderung.

Was würdest du anderen Dokumentarfilmenden und Medienschaffenden empfehlen, die mit geflüchteten Menschen zusammenarbeiten?
Das kommt auf ihre Absicht an. Es gibt ja zwei Varianten: über sie zu berichten, oder mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und wenn man sich für “mit ihnen” entscheidet, kann man diese Zusammenarbeit natürlich sehr unterschiedlich organisieren. Die Schwierigkeit entstand ja nicht daraus, dass diese Menschen geflüchtet waren und deshalb nicht wussten, wie man Filme macht, sondern dass sie einfach keine Filmschaffenden waren. Dieses Problem stellt sich in jeder Zusammenarbeit, wenn sozusagen Profis mit Laien zusammen arbeiten.

* Die Belutschen sind ein Volk, das unter anderem im Länderdreieck Pakistan, Afghanistan und Iran lebt und für seine Unabhängigkeit kämpft. 

Hatim Baloch und Natalie Pfister beim Dreh von „Sitting in Cabdi’s Container“
Cabdi (Mitte) beim Unterricht im Solinetz

Text & Interview: Florian Rudolph
Titelbild: www.nataliepfister.ch

„Sitting in Cabdi‘s Container“ ist jetzt online verfügbar: www.nataliepfister.ch/cabdi