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Wie archiviert man einen Gletscher?3 min read

29. September 2020 3 min read

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Wie archiviert man einen Gletscher?3 min read

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Mit schützenden Tüchern wie es am Rhonegletscher versucht wird? Oder über die Sprache und über Medien? Der Basler Medienkünstler Janis Lionel Huber erschafft gemeinsam mit dem Soundkünstler Gerome Johannes Gadient im «Kein Museum» ein digitales Archiv: Die Mehrkanalinstallation *gel- [ein Gletscherarchiv].

Was betrauern wir, wenn die Gletscher der Alpen und das ewige Eis der Polarregionen weggeschmolzen sind? Die Wasserreserven? Vom Eis abhängige und regulierte Organismen und Strömungen? Das in ihnen gespeicherte Wissen über die Erdgeschichte oder ihre physischen Präsenz?

Das Thema der Ausstellung ist laut Janis Lionel Huber mit einer kollektiven Nostalgie verbunden. Eine Nostalgie, die den Wunsch in sich trägt, die Gletscherschmelze und ihr Auslöser, die Erderwärmung, rückgängig zu machen. Denn Bilder des schmelzenden Eises sind heute ein Symbol der durchs Klima bedrohten, menschlichen Existenz. In der Ausstellung *gel- [ein Gletscherarchiv] spielt Huber mit dem Gedanken Gletscher medial zu archivieren, um sie so im urbanen Raum zu konservieren.

Gel- ist eine indogermanische Wortwurzel des heutigen Wortes Gletscher. Es bedeutet soviel wie kalt oder frieren. Sprache erfüll für das kulturelles Gedächtnis eine wichtige Funktion. In einem Interview mit der Kuratorin Carla Peca sagt Huber:

«Sprache schafft wie Archive Ordnung. Durch die Sprache und den damit verbundenen Rationalisierungsprozessen übernehmen wir die Verantwortung Dinge zu bezeichnen und zu strukturieren. Die Sprache ist gewissermassen eine Strukturierung ersten Grades, durch die erst weitere Strukturierungsprozesse, wie das Archivieren, möglich werden.»

Mit seiner Arbeit will Huber das Archivieren selbst als scheinbar selbstverständliche kulturelle Technik vorführen und transparent machen.

«Mit dem Wegschmelzen der Polarregionen und der ikonischen Alpengletscher schmilzt nicht nur ihr archiviertes Wissen, sondern auch die Vorstellung des ewigen Eises, die an sie geknüpft ist», sagt Huber.

Doch auch mögliche konservatorische Massnahmen wären produktionsbedingt immer mit einem erneutem CO2-Ausstoss verbunden. Eine Widersprüchlichkeit, die er mit seinen filmischen und fotografischen Aufnahmen sichtbar macht.

«Aus einer kapitalistischen Perspektive gesprochen, liesse sich auch sagen, dass wir uns die Gletscherkonservierung einfach nicht leisten wollen: Schneekanonen für die Skipisten lassen sich kommerzialisieren, aber als Schutzmassnahme für einen Gletscher – wie es beispielsweise beim Morteratschgletscher ein Vorhaben ist – nicht», sagt der Künstler.

Die Aufnahmen, welche Janis Lionel Huber im Kein Museum inszeniert, sind über mehrere Jahre an verschiedenen Orten in der Schweiz und den USA entstanden. Im Zentrum stehen Fotografien der diesjährigen Expeditionen nach Südpatagonien. Aber auch Eisflächen in der Antarktis und der Schweizer Alpen, die stark von der Erderwärmung betroffen sind. Zusätzlich untermalen Soundinstallationen von Gerome Johannes Gadient die Ausstellung.

«Jedes Geräusch, welches in der Ausstellung gehört werden kann, hat seinen Ursprung auf dem Gletscher und in dessen Spalten und Vertiefungen,» sagt er.

Klänge, die für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Dabei überführt er die Töne in eine raumfüllende Soundinstallation und spielt mit den Vorstellungen, wie ein Gletscher klanglich archiviert werden kann. Eingebettet ins Kein Museum wird die Installation durch die szenografische Arbeit von Jeanne-Vera Bourguignon und Rebecca Zesiger, welche die Ästhetik des Archivs inszenieren.

Neben einem Besuch der Ausstellung ist auch das Werkgespräch oder das am folgenden Wochenende stattfindende Themengespräch sehr zu empfehlen (weitere Infos gibt es hier).

Das ganze Interview von Carla Peca mit Janis Lionel Huber und Gerome Johannes Gedient gibt es hier.

Informationen zur Ausstellung

Kein Museum
Raum für Experimente
Mutschellenstrasse 2
8002 Zürich

Vernissage:
Do 01.10. 18 – 21 Uhr

Ausstellung:
Fr 02.10. 18 – 21 Uhr
Sa 03.10. 16 – 21 Uhr
Fr 09.10. 18 – 21 Uhr
Sa 10.10. 16 – 21 Uhr

Werkgespräch:
Sa 3.10 18:30 Uhr

Themengespräch:
Sa 10.10 18:30 Uhr