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Tote Korallen leben nicht7 min read

13. Oktober 2020 5 min read

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Tote Korallen leben nicht7 min read

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Das erste tote Korallenriff der Schweiz: So beschreiben die Organisator*innen vom «Biotop der Relevanz» ihr Kunstprojekt vor dem Löwendenkmal. Das Studimagazin Lumos und das Kulturmagazin frachtwerk haben sich gemeinsam mit der Ausstellung auseinandergesetzt.

 

Die Vernissage war eine Zumutung. Dystopie pur. Die Mitglieder des Kunst-Kollektivs «Biotop der Relevanz» hielten nichts zurück: «Wir sind gerade dabei, das Meer als Ökosystem weitgehend zu verlieren und begreifen es nicht einmal.» Schaulustige wurden zu Schautraurigen; mitgenommen von den Worten des Unmutes. Das Biotop mit den Korallen wurde zum Nekrotop; mitgenommen von den Untaten ihrer Gesell*innen. Seien ausgerottet von Erdgenossen; ertränkt in der Flut menschlicher Gier.

Sobald die Korallen im Becken vor dem Löwendenkmal von blau zu weiss wechseln, verblasst die Vorstellung der farbenprächtigen Unterwasserwelt aus den Kinderbüchern zur Utopie. Die Realität wird zur Dystopie. Geht mit dem Amazonas die Lunge, so gehen mit den Korallenriffen die Kiemen der Erde vor die Hunde. Am Rande des Bewusstseins opfert homo deus in anthropozentrischer Manier seine Mitwelt.

«Nichtstun ist die Lösung»

«Gratulation zu 70 Jahren Hyperfortschritt»: Die Ausstellung «Whitening Out» überrascht mit einer Kombination aus farbenprächtig beleuchteter Installation und düsteren, gar sarkastischen Texten. Was steckt hinter dem inszenierten Korallensterben vor dem Löwendenkmal?
Wir haben Fabian Takacs, Mitinitiant und Vorstandsmitglied des Vereins «Biotop der Relevanz» zu einem Gespräch getroffen.

Fabian Takacs, wie würdest du die «Kunstinstallation» in drei Worten beschreiben?

Gute Frage (lacht). Leuchtend, eindrücklich und … deprimierend.

Klingt ambivalent. Welche Reaktionen habt ihr darauf erhalten?

Die Rückmeldungen fielen erstaunlicherweise sehr positiv aus, trotz der düsteren Inhalte. Das liegt wohl auch an der Ästhetik, die berührt und gefällt. Natürlich erreichen wir jetzt nicht tausende Tourist*innen, die das Ganze vielleicht auch anders betrachten würden. Aber viele Besucher*innen aus der Region haben sich auch tiefer mit unseren Texten beschäftigt. Das ist sicher ein Kompliment an die Ausstellung und hinterlässt das gute Gefühl, doch ein paar Leute erreicht zu haben.

Wie ist die Idee «Whitening Out» entstanden?

Claudia Schildknecht hatte die Idee letzten Sommer. Ich weiss noch, dass sie es mir damals im Ausgang gesagt hat. Im September hatten wir die erste Sitzung. Danach wurde die Gruppe immer grösser und im Januar gründeten wir den Verein «Biotop der Relevanz». Aber die Idee, wie es etwa aussehen sollte, hatten wir schon im Oktober – mit dem Löwendenkmal als dem perfekten Standort.

In euren Texten sprecht ihr von über 100 Menschen, die am Projekt mitgewirkt haben. Wie kamen die zusammen?

Wir bekamen unerwartet viele Anfragen von Leuten, die mithelfen wollten. Schliesslich kamen zu unserem Team rund 70 Externe hinzu. Dadurch erhielt das Projekt überraschend einen krassen Drive.

Das hat dann wahrscheinlich auch zusammengeschweisst.

Ja, vor allem hat es auch sensibilisiert. Wenn du nämlich so eine Stunde lang eine tote Koralle bastelst, überlegst du dir vielleicht, wieso diese Koralle tot ist.

Magst uns den Weg vom «Tonklumpen» bis zur Koralle schildern?

Du nimmst einen Tonhaufen und schaust dir eine Vorlage an. Vorzugsweise bastelst du keinen Hybrid, damit es ein bisschen natürlich aussieht und nicht wie so eine «Space-Ausgeburt». Du knetest dann einfach, bis du zufrieden bist. Dann stellst du sie schön hin, damit sie ein paar Tage trocknen kann. Schliesslich wird sie in einem Ofen gebrannt, danach glasiert und nochmals gebrannt. Voilà!

Ursprünglich hätte die Ausstellung im März starten sollen, musste aber wegen der Pandemie verschoben werden. War die dadurch gewonnene Zeit ein Vorteil für euch?

Sie hat uns sicher erlaubt, das Projekt in einer grösseren Dimension durchzuführen. Jetzt haben wir knapp 500 Korallen, im März wären es 250 gewesen. Gleichzeitig haben wir die Ausstellung aufgrund der veränderten Situation auch anders ausgerichtet, eher auf ein heimisches Publikum. So haben wir auf eine Übersetzung der Texte in asiatische Sprachen verzichtet.

Davon abgesehen war die Corona-Zeit auch interessant, weil sie uns die Kapazitätsgrenzen unseres Systems vor Augen geführt hat. Das haben wir auch in die Ausstellung integriert. Sie beginnt mit einem Plakat mit dem Titel: «Nichtstun ist die Lösung. Was ist dein Beitrag?» Das ist der Startschuss für unsere Abhandlung, eine Art Widerspruch. Wir machen zu viel auf dieser Welt. Ich denke, dass die Lösung eben im «Weniger» liegt – und das hat sich in dieser Zeit gezeigt.

Kommen die Leute nach dieser Krise mit einem grösseren Bewusstsein für das Problem an eure Ausstellung als sonst?

Das ist eine schwierige Frage: Was bleibt von dieser Zeit übrig? Einerseits konnten wir während des Lockdowns eindeutige Reaktionen im ökologischen System feststellen. Andererseits war die direkte Krise, also die Phase der Einschränkungen von Konsum und Mobilität, für einen langfristigen Einfluss vielleicht zu kurz. Aber die Pandemie ist ja auch noch nicht vorbei.

Sprichst du hier von einem Beitrag als Individuum oder von einer grösseren Verantwortung, etwa für Konzerne?

Die Ausstellung zielt klar auf den Individualbeitrag ab. Du hast nur deinen Wirkungskreis als Mensch. Du hast das, was du um dich herum beeinflussen kannst. Diese Verantwortung auf das System zu schieben, oder eben auf Konzerne, lenkt von der Auseinandersetzung mit dem eigenen Impact ab. Ein Flug nach New York und zurück verbraucht vier Tonnen CO2 – mit ein bisschen Verzicht auf Plastiksäcke holst du das in 15 Leben nicht auf. Wir haben ganz klar einen Einfluss, wenn wir auf gewisse Sachen verzichten und mehr «nicht tun».

Die Ausstellung läuft bis zum 20. September1. Was geschieht danach mit den 460 Tonkorallen?

Das steht noch zur Diskussion. Ein Teil der Gruppe möchte gerne den Grossteil zerstören, weil das Material abbaubar ist und wir uns der kapitalistischen Logik des «Geldeinnehmens» entziehen wollen. Ein anderer Teil würde sie lieber im Umlauf behalten – als Ausstellungsobjekt – und wieder andere wollen sie als Deko zuhause haben. Wir haben das daher noch nicht abschliessend entschieden.

1 Redaktionsschluss für diese Ausgabe war der 16. September, 21:59

 

Aus der Ausstellung: 70 Jahre Hyperfortschritt

Gleich neben dem inszenierten Korallensterben im Becken vor dem Löwendenkmal steht die Realität auf Stelzen: Mit zynischem Unterton erzählen elf Plakate die Geschichte von der Nutzung der Welt: Graphen veranschaulichen die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ansteigende Ressourcennutzung; die Geschichte der Moderne. Nur diesmal eben als Tragödie.

Was immer wir Menschen auch täten; es trage seine Früchte weiter als wir denken. Die Spuren unseres Konsums seien auf dem Planeten sichtbar. Die mit unseren Handlungen ausgestossene Treibhausgase (u. a. CO2) verursachen einen Teufelskreis der Erderwärmung – den Treibhauseffekt. Die zunehmende Temperatur strapaziere unser Ökosystem, bis es aufgebe. Absterbe. Abserble. Korallensterben? Gletscherschmelzen? Unwetterzunahme? Wurde gleich mit dem McDonalds-Menü miteingekauft. Nur ohne Bezahlung.

Das sei gerade die grundlegende Struktur des menschengemachten Klimawandels, dieser «Meisterleistung»: Die ungleiche Verteilung der Kosten und Verantwortung, die mit dem Erderwärmungsprozess zusammenhangen. Alleine 90 Unternehmen vereinen über 60% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen zwischen 1850 und 2015. Auch die Schweiz bildet mit ihren hohen Importzahlen keine Ausnahme; und nicht zuletzt finanzieren die zwei grössten Schweizer Banken rund doppelt so viele Treibhausgase wie das ganze Land (über 93 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente). Es wäre eines, wenn die Verursacher*innen auch die Konsequenzen ihrer Handlungen tragen würden. Aber, wer hätte es gedacht; die Folgen lasten auf den Schultern anderer Teile des Ökosystems, anderer Lebewesen, anderer Menschen. Zum Beispiel auf denen der Korallenriffe, wovon seit der Industrialisierung bereits zwei Drittel zerstört wurden. Allein im Great Barrier Reef starb bei den globalen Korallenbleichen 2016 und 2017 die Hälfte des Riffs ab – ein kaum widerruflicher Schaden am lokalen und globalen Ökosystem im Meer, das mit seinem Fischbestand die Lebensgrundlage von über 400 Millionen Menschen bildet.

Dabei wären die Lösungen längst da: Mehr pflanzlich basiert essen, Fahrzeuge teilen, Bus oder Fahrrad fahren, Second Hand shoppen oder der Statussymbolik insgesamt einen Korb erteilen, und – last but not least – den Klimawandel politisch bekämpfen.

Mit den 466 aus weissem Ton gefertigten Korallen erinnert «Whitening Out» daran, dass unsere Entscheidungen direkte Konsequenzen auf unsere Umwelt haben. Damit will das Kollektiv zum Handeln anregen, oder eben gerade nicht: «Nichtstun ist die Lösung». Wie die angesprochenen Probleme ist auch dieser Ansatz alles andere als neu. Wissen wir nicht alle, wovon hier die Rede ist? Und was wollen wir wirklich tun – worauf sind wir tatsächlich bereit, zu verzichten – damit sich etwas verändert?

 

Text: Flavia Schnyder (frachtwerk), Jonathan Biedermann (Lumos) und Léonie Hagen (Lumos)
Bilder: Jonathan Biedermann, Philosophy, Politics & Economics
Layout: Laura Kneisel, Kulturwissenschaften

Dieser Artikel ist Teil unserer Partnerschaft mit Lumos – dem Luzerner Studimagazin. Mehr Infos: www.lumosmagazin.ch