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«Ich schreibe Songs, wenn es mir schlecht geht» – Jäde über die Botschaft ihrer Musik6 min read

8. November 2020 4 min read

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«Ich schreibe Songs, wenn es mir schlecht geht» – Jäde über die Botschaft ihrer Musik6 min read

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In ihren Liedern singt die junge französische Newcomerin Jäde über sich selbst. Das klingt unspektakulär – und erweckt auch erstmal diesen Eindruck. Mit ihrer Musik zeigt sie sich kindlich, verführerisch und «real». Das behauptet sie zumindest von sich selbst. Im Gespräch erklärt sie, weshalb sie gerade so ist wie sie ist.

Sie malt die Frau, wie sie im Jahr 2020 lebt. Das sagt der Pressetext von ihr. Doch was bedeutet das? Oder anders gefragt: Ist es überhaupt das, was sie macht? Die französische Musikerin Jäde hat mit ihrer Musik einen speziellen Weg eingeschlagen. Und er ist riskant, denn die Messages versteckt sie in ihrer Musik so gut, dass sie kaum mehr sichtbar sind. Findet man aber heraus, was die junge Frau der Welt mitteilen will, ist ihre Musik bereichernd. Mit ihrem RnB und Trap gibt sich Jäde nämlich voller Intimität und Stolz – Unschuld und Verführung schwingen mit.

Und zwar so richtig. Als aufstrebende französische Künstlerin brachte sie im vergangenen Mai ihre Debüt-EP «Première fois» bei Sony Music France heraus und überzeugt in musikalischer und lyrischer Form. Im Gespräch verspricht sie uns einen Blick in ihre Gedanken und erzählt von ihrer eigenen Naivität, der Art des Feminismus, der sie nie angehören will und präsentiert uns ihre fünf Lieblingstracks «of the moment».

Im Gespräch mit Jäde

Jan Rucki: Siehst du dich mit deiner Musik als Verführerin?

Jäde: Ich habe das Gefühl, dass ich in meiner Musik vielleicht die Hälfte der Zeit verführerisch bin. Die andere Hälfte besteht mehr aus Sentimentalität.

Du wirst als Teil einer pragmatischen Generation mit einer modernen, akzeptierten Weiblichkeit beschrieben. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass ich in meinen Liedern so spreche, als würde ich mit einem Freund sprechen. Ich habe keinen Filter. «I don’t try to be smooth.» Ich schaffe keine Happy-Ends, wo es keine gibt. Ich versuche nur, so ehrlich und so realitätsnah wie möglich zu sein.

Wie gelangst du möglichst nahe an die Realität?

Ich spreche einfach von mir selber, von meiner eigenen Geschichte. Ich denke nicht darüber nach, dass dies später jemand hören wird. Ich denke nicht einmal daran, dass es als Ganzes dereinst zu einem Song werden soll – von der Veröffentlichung ganz zu schweigen.

Häufig schreibe ich Songs weil es mir schlecht geht. Das Schreiben eines Songs hilft mir dabei, mich zu heilen. So gelingt es mir, real zu sein.

Weshalb fühlst du dich beim Songwriting schlecht?

Bei der EP, die demnächst von mir herauskommen wird, geht es um eine Liebesgeschichte. Sie nahm überhaupt kein gutes Ende. Das hört man der Musik vielleicht nicht an, denn sie ist nicht traurig. Die Geschichte und somit auch ich hingegen schon.

Du verkörperst für viele die Frau, wie sie 2020 in der Gesellschaft ihre Position einnehmen soll. Wie geht das?

Ich bin Künstlerin, weil ich mich selbst in einer Kunstform ausdrücke: Musik ist meine Grunddefinition. In meinen Liedern gebe ich viel von mir preis. Ich schreibe Dinge, die ich mich im wirklichen Leben nicht zu sagen trauen würde. Ich tue es für mich. Es hilft mir, mich selbst zu befreien. Und wenn den Leuten gefällt, was ich tue, um so besser.

Jäde
Prägt den französischen Trap und RnB zurzeit klar mit: die junge Musikerin Jäde. (Bild: Better Things)

Konkret heisst das?

Eigentlich will ich überhaupt nichts repräsentieren. Das ist genau das Ding: Auch wenn ich es täte, der ursprüngliche Zweck war das nicht. Ich bin einfach genau so wie ich bin. Ich habe es mir nicht ausgewählt, die Frau zu sein, die ich bin.

Zurzeit gibt es viele Feministinnen im Internet und im Fernsehen. Sie sprechen Themen an, die wichtig sind und sie protestieren dagegen. Sie suchen nach Kanälen, wo sie ihren Unmut kundtun können.

Ich wollte aber nie so sein. Ich bin nur ein normales Mädchen. Ich finde das stimmt für mich. Man spricht immer vom Problem, dass Männer nicht auf die Meinungen von Frauen hören. Für mich ist es aber selbstverständlich dass man das tut. Ich fühle mich nicht bereit dazu, Dinge zu sagen, die in meiner Rolle nicht nötig sind.

Also hast du nicht viel mit politischem «Women Empowerment» am Hut.

In meiner Szene gibt es viele Frauen. Und es gibt auch grosse Sängerinnen, die wichtige Dinge ansprechen. Aber auch da spüre ich, dass sie sich nicht alles zu sagen trauen, da sie sich davor scheuen, jemanden zu verletzen. Ich habe das Gefühl, dass ich offener sein kann, wenn ich einfach von mir selbst spreche. Und zwar ungefiltert. Was das ist, spielt keine Rolle. Und sollte es eine solche, von dir beschriebene Wirkung haben, dann ist das auch möglich. Das macht mich aber auch nicht spezieller.

Könnte das nicht etwas naiv wirken?

Ich bin ein naives Mädchen. Ich vertraue den Menschen, die mich umgeben, sehr fest. Ich glaube, das kommt daher, dass mein Kopf oft in den Wolken steckt. Ich träume gerne.

Du bist ein naives Mädchen?

Ja, ich schaue zu viele Filme. Ehrlich gesagt kann ich dir gar nicht sagen, weshalb ich so naiv bin. Ich versinke einfach schnell in Gedanken. Ich habe grosse Träume und wirke wie ein kleines Mädchen, wenn ich davon spreche.

In welcher Rolle siehst du dich in der weiblichen Musikszene Frankreichs? Schliesslich bist du ja eine aufstrebende Künstlerin.

Ich glaube, dass das französische Publikum bereit ist, weibliche Trap-Künstlerinnen zu hören. Das ist nicht sehr überraschend, da es immer mehr solche Künstlerinnen gibt. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich ziemlich viel Unterstützung aus der Rap- und Trapszene bekomme. Entweder von anderen Künstlerinnen, die ich schätze, oder von den Medien. So fällt es mir auch leichter, mich abzuheben.

Jäde: Top 5 «of the Moment»

Kaash Paige – Jaded
Es ist der RnB, dem ich zuhöre, den ich liebe. Das Lied lässt eine sexy Stimmung entstehen. Es ist minimalistisch, es verleiht diese Nacht- und Fahratmosphäre. / Hör es auf Spotify.

Gracy Hopkins & Tayc – Melody
Ich denke, diese Leistung ist ziemlich überraschend. Ich mochte beide Künstler einzeln, aber zusammengenommen ist das Ergebnis noch besser. Englisch gemischt mit Französisch irritiert mein Ohr leicht, aber hier funktioniert es einfach. Tayc ist ein großartiger französischer RnB-Künstler und «he fucking destroys it». / Hör es auf Spotify.

Aya Nakamura – Doudou
Ich interessiere mich im Moment für diese Art von Produktion. Bei Aya dreht sich alles um Musikhits. Nach einer Weile bewegt man den Kopf, dann lernt man den Text. Ab diesem Zeitpunkt ist man darin gefangen. / Hör es auf Spotify.

Khali – Annihilation
Dies ist einer der letzten Pater Rap, den ich entdeckt habe. Seine Stimme gefällt mir sehr gut, und die Tatsache, dass er in verschiedenen Sprachen singt, gibt ihm eine echte Identität.

Freezer Corelonne – Freeze Rael
Er ist ein Künstler, den ich vor einigen Jahren auf Soundcloud entdeckt habe. Es ist schön zu sehen, dass diese «Underground»-Szene im Entstehen begriffen ist. / Hör es auf Spotify.

 

Bilder: Better Things