Kolumne Kultur Kunst

KUNST-KARAMBOLAGE – Isa Genzken, Werke von 1973 bis 19837 min read

1. Dezember 2020 5 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE – Isa Genzken, Werke von 1973 bis 19837 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE sind freie, subjektive Texte zu ausgewählten Ausstellungen geschrieben von Aline, Anica und Florian.
Diesmal über die Ausstellung von Isa Genzken im Kunstmuseum Basel.

Offizieller Ausschnitt des Ausstellungstext
Die Künstlerin mischt konzeptuelle Ansätze mit persönlichen Themen. Viele Werke, die zunächst abstrakt und geometrisch erscheinen, werden auf den zweiten Blick als Spuren der eigenen Existenz erkennbar und erzählen von persönlichen Beziehungen und Begehren.

Isa Genzken – Da sind diese rauen Oberflächen, technische Sorgfalt und eine ästhetische Formgebung

Ich stellte mir sie gerne vor als junge Künstlerin. In der Ausstellung hat es zwei Arbeiten die sie zusammen mit Gerhard Richter realisiert hat. Bevor Isa Genzken mit Gerhard Richter verheiratet war, war sie eine Schülerin von ihm. Ich frage mich was es künstlerisch für sie damals bedeutete als «Frau von Gerhard Richter» zu gelten. Ihre Werke stehen mit Sicherheit im Vordergrund im Kunstmuseum Basel und immer wieder schimmern humorvolle Anspielungen auf die Kunstwelt durch. Isa Genzken hat sich mit Skulpturen beschäftigt, die Hyperboloide und Ellipsoide darstellen. Diese Werke hat sie auf Basis von Computerzeichnungen entworfen. Ich war beeindruckt von dieser Präzision und Sorgfalt die Isa Genzken mir zeigte, damals noch Kunststudentin. Nichts hat sie dem Zufall überlassen. Isa Genzken hat sich nicht davor gescheut auf dem neusten Stand zu sein und hat zusammen mit einem Physiker und einem Mathematiker, die Kurven der Skulpturen berechnet. In der Ausstellung sind die Computerzeichnungen, Pläne, Skizzen, grafische Umsetzungen und digitalisierte Fotoalben zu den Skulpturen ausgestellt worden. Ich kann mir gut vorstellen, dass Bertrachter*innen überdimensionale Nadeln sehen. Ich glaube das Isa Genzken, diese Aussagen akzeptiert und eine Offenheit für narratives Erzählen erlaubt. Ich musste meinen Gehirnmuskel anstrengen. Für mich war die Ausstellung herausfordernd und anregend. Ich musste die am Boden liegenden, eleganten Hyperboloide und Ellipsoide umrunden um sie ganz zu sehen. Ein Ellipsoid besteht aus zwei Kurven welche sich nur in ein einem Punkt am Boden berühren und ein Hyperboloid ist das Gegenteil davon. Vereinfacht gesagt, sind es extrem in die Länge gezogene und verformte Kugeln. Sie sind zum Teil extrem lang, der grösste Ellipsoid ist elf Meter lang.

– Anica

 

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Radiowellen, Funk-kurven In allen Möglichkeiten um den Scheitel gedreht. Ein Weltempfänger Radio versammelt die Schwingungen um sich im Ausstellungsraum. In der Ausstellung zu Isa Genzkens Frühwerk, im Kunstmuseum Basel, treffe ich auf Form und Berechnung. Geometrische Formen die mir bekannt vorkommen als Elemente aus Architektur, der Stadt oder abstrakten Erklärungen über Bewegungen im Universum. Ich laufe den Umlaufbahnen entlang. Ich bekomme ein Gefühl für die Länge, ich kreise um das Anwesende und verändere das Gesehene. Es entstehen Bewegungsmuster. Ich folge dem Langen und drehe mich um die abrupte Kurve. Zwischen den beisammen liegenden Skulpturen gehe ich hindurch. Die liegen auf dem Boden, ohne Sockel. Schmal und elegant, lange Gestalten. Sie wirken leicht, es könnte sich auch um Modellflugobjekte handeln. Im Licht reflektiert das bemalte Holz. Die einzelnen Elemente sind ineinander gelegt worden, bilden eine Binnenform. Verschiedene Höhen, verschiedene Verläufe in unterschiedlichen Farben, aufeinander abgestimmt. Die Farbformen überlagern sich, sie zeigen Einschnitte und verzahnen sich ineinander. Einmal gibt der Titel eine Referenz zur russischen Avantgarde, zu Popowa und ihren gemalten Architektoniken.
Manchmal sind die Figuren so schmal, dass man sie als Ganzes kaum noch wahrnehmen kann. Sie stehen dann wie Speere an der Wand und verändern ihre Struktur und Farbe je nach Blinkwinkel wieder in Neues.
Auf Endlospapierblöcken zeigen sich die mathematischen Skizzen. Einmal mit eingezeichneten Querschnitt Ellipsen, parallel von zwei Seiten gesehen. Spannend finde ich es als in der Hälfte eine zweite Form sich in die erste Setzt und die Ellipsen in andere Zeichen verwandelt, die sich ständig verändern.
In grossen Serien von minimalistischen Zeichnungen ergeben sich im ganzen wieder Elliptische Formen. Einzeln betrachtet, zeigen sie minimale Abweichungen zweier Kurven Verläufe und Gegenüberstellung von Farben. Alle Möglichkeiten wurden ausprobiert.
Einer von den Hyperboloiden ist hohl und gibt den Blick frei in sein Inneres. Von der einen Seite ist er ein Tunnel, der immer schmaler wird. Von der Anderen eine geschwungene Linie die offen bleibt. In einem anderen Raum gibt es ein Architekturmodel einer Tunnelbrücke, die auch an gewissen Stellen offen liegt und mich an den Hyperboloiden erinnert. Bevor ich aus der Ausstellung raus und wieder in die Stadt gehe, sehe ich mir noch eine Zeichnung an. Eine mit Bleistift überzeichnete Fotografie eines Strassensystems. Die Strassenlinien, Kreisel, Kreuzungen und Gebäude bewegen sich in diesen Kreisen. So wird die Stadtstruktur Teil der Komposition des Bildes. Ich sehe in dieser Fotografie Formen, die sich überschneiden, die übereinandergelegt sind. Es entstehen Relationen zwischen der fotografierten und gezeichneten Geometrie. Schlussendlich, glaube ich, schärfte diese Ausstellung meine Beobachtung für die Räume in denen ich mich befinde und die ich ablaufe in meinem Leben.

 

– Florian

 

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Liebe Isa

In den Räumen hast du sie ausgebreitet, deine langen Ellisoiden und Hyperbolos, wie antike Kanus liegen sie da. An den Wänden hängt dein Denken, eingerastert in Millimeterpapier, gedruckt, mehrmals, analysiert, berechnet, von allen Winkeln aus. Die entstandenen Objekte sind unglaublich präzise passend in ihrer Un­an­ge­passt­heit. Es sind frühe Werke von dir. Wahrscheinlich sind sie ein Detail an dir, eine Wimper, ein Staubkorn und man müsste alles sehen, um das Detail im Zusammenhang zu erkennen. Vielleicht nicht. Ich bemerke, wie ich ins Stocken gerate. Ich betrachte deine Genauigkeit, bin fasziniert und beeindruckt. Und dann? Und mehr? Es kommt nichts, nichts Automatisches. Keine Abwehr, keine Wärme, keine zufällig berührte Stelle in mir, die kurz nach Luft schnappt. Ich fühle: Gleichgültigkeit. Natürlich könnte ich jetzt sagen, ah interessant und diese eine Leerstelle da, die könnte mir ja sagen, dass Leerfühlen auch Raum einnimmt blablablablablablablabla.
Schwachsinn. Das wäre intellektuelles Erstinken und Erdichten einer Daseinsberechtigung. Ein: ja, Kunst macht etwas mit mir, mit den Leuten, mit der Gesellschaft, Kunst sagt etwas, der Mensch braucht Kunst. Irgendeine Assoziation findet man immer, aus einem weit entfernten Winkel zieht man irgendwelche bedeutsungsschwangeren Interpretaitionsansätze herbei und zack ist die Diskussion über die Zeigeberechtigung abgeschlossen, die aufkeimenden Zweifel ruhiggestellt. Ich höre alle sagen: ah interessant, diese Form, so geometrisch, so gewählt, so zufällig, so antiästhetisch. Und mehr? Interessant, aber mehr nicht? Gezeigtes muss doch irgendwo eine weitergreifende Relevanz haben. Und wenn ich die Leute frage, was genau interessant ist und immer weiterfrage, wie ein Kind, dass die Welt zu verstehen beginnt, dann höre ich nur unkonkrete Antworten, Gewabertes, Geleiertes, nicht zu Fassendes. Und es kommt mir vor, als wüssten sie es selbst nicht, könnten es sich aber nicht eingestehen, nicht zu verstehen. Ich will mich weigern, mein Stocken zu ignorieren, «so zu tun als ob», des Prestiges Willen.
Ich bin noch ganz am Anfang meines Denkens über Kunst, frage mich, ob ich noch zu wenig weiss oder mich einige Werke wirklich nicht bewegen, durch welche andere bestimmt in Freudeschreie verfallen lassen. Dass dieser Text jetzt so entsteht, liebe Isa, das hat nicht viel mit deinen Werken zu tun, vielmehr ist es die Orientierungslosigkeit im Kunstkuchen, die mich immer wieder willkürlich erwischt. Die endlose Sehnsucht nach Erkenntnis. Eine konkrete Definition zu finden, was Kunst ist und weshalb Kunst ist und sein darf. Und hier stossen wir eventuell schon auf die Problematik. Vielleicht entzieht sich die Kunst genau diesem Werte- und Ordnungssystem, auf dem unser Denken und Erkennen aufgebaut ist?
Das paradoxe ist ja auch, dass die Worte, die ich hier zu finden versuche, genauso unkonkret sind, wie die Antworten, über welche ich mich echauffiere. Falls du es also bis hierher geschafft hast: ich würde mich freuen in Austausch mit dir zu kommen um dem Gewaber etwas mehr Klarheit zu verschaffen.

 

– Aline

Bild:  Isa Genzken in her studio; Düsseldorf, 1982
Foto: Andreas Schön, ©2020, ProLitteris, Zurich