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Über Wasserkörper, Wissensvermittlung und Tentakel – Riikka Tauriainen im Sic! Elephanthouse Luzern6 min read

24. Dezember 2020 4 min read

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Über Wasserkörper, Wissensvermittlung und Tentakel – Riikka Tauriainen im Sic! Elephanthouse Luzern6 min read

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Ein Gastbeitrag von Daria Wechsler

Eine körperliche Erfahrung, ein wässriges Gefühl und die Auseinandersetzung mit neuen Denkweisen mischen sich. Man befindet sich in der Ausstellung «Intimacy of Strangers» von Riikka Tauriainen.
Im Gespräch erzählt die Künstlerin die Wichtigkeit vom Mitdenken, Wasserkörper und feministischen Zukunftsvorstellungen.

Eine wässrige Erfahrung
Draussen ist es laut, kalt und dunkel. Die Tür öffnet sich und ich bewege mich durch einen dünnen Vorhang hindurch hinein. Drinnen ist es warm und ruhig und auch dunkel, aber wohlig dunkel. Es umgeben mich Lichterspiele, Reflexionen und rhythmische Töne. Hinten im Raum schlängelt sich gerade ein rosa-oranger Oktopus über die Wand. Dessen Farben reflektieren auf die Wände, den Boden, auf mich und wieder zurück. Mein Blick wandert über die von Licht bespielten Wände, die Reflexionen scheinen beinahe zu tanzen. In der Mitte des Raumes hängen drei grosse, wellenartig geformte Plastikscheiben an dunklen, langen Seilen. Die Lichtprojektion fliesst durch sie hindurch, spiegelt sich im Plastik und trifft auf die Wand dahinter. Das Plastik wirft kunstvolle Muster auf das abgespielte Video. 

Die Videoaufnahme wechselt und nun schlagen Wellen immer erneut an einen Felsen auf, es hypnotisiert mich. Ich stehe gebannt im Raum, traue kaum einen Schritt auf dem knarrenden Holz zu gehen und lasse mich mittreiben. Fort von hier, rein in eine Wasserwelt. Die rhythmischen, beinahe bedrohlichen Töne, die sich ständig auf und wieder abbauen lullen mich ein. Das Licht, die Farben und die Musik treten in meinen Körper ein und gehen durch ihn hindurch, bis ich zum Raum gehöre und er zu mir. In leuchtgrün projizierter Schrift lese ich Sätze wie «To drink a glass of water is to ingest the ghosts of bodies that haunt that water.» Während ich darüber nachdenke, lasse ich meinen Geist treiben. 

Der Raum an sich
«Ein Raum hat immer eine Stimmung, ein Licht und ein Geräusch» erzählt mir Riikka Tauriainen am frühen Morgen in unserem Zoom-Gespräch. Da wir immer im Bezug zu einem Raum stehen, ist das Denken mit und im Raum wichtig, denn wenn wir in einen Raum eintreten, dann können wir ihn physisch erleben. Der Raum funktioniert als Ganzes und das Denken wird zu einem körperlichen Denken. Wir verlieren uns darin, in der Zeit, der Musik und dem Licht. Die erzeugte Atmosphäre schafft eine gewisse Verlangsamung und der Ausstellungsraum wird zu einer körperlichen Erfahrung. Auf diese Weise kann auch mit dem Körper Wissen produziert werden und somit produziert Kunst in einer visuell räumlichen Erfahrung Wissen. 

Von Wasserkörpern, Oktopussen und Hydrofeminismus
Dieses körperliche Denken führt unser Gespräch zum Posthumanismus – ein Weiterdenken ist also angebracht. Es reiche heute nicht mehr, nur von unserer menschlichen Perspektive die Welt anzuschauen, sagt Riikka Tauriainen, es sei an der Zeit auch andere Spezies mitzudenken, ein «multi-species thinking» zu betreiben, und immer im Bezug zu anderen, auch fremden (vielleicht auch vor allem fremden?), zu denken und handeln. Was geschieht, wenn man das Denken eines Oktopusses oder einer Qualle mitdenkt? Das sind Tiere, die sich schon sehr früh in der Evolution in eine andere Richtung als die Menschen entwickelt hatten. Wie sollen wir uns also in diese Wassertiere rein denken, oder sie in unserem Handeln mitdenken? Das sind Fragen, die Riikka Tauriainen mit einer gemeinsamen Verantwortung in Verbindung bringt. Denn auch wir sind Körper von Wasser, wir sind im Laufe der Evolution aus dem Wasser aufs Land gestellt worden, tragen das Wasser mit uns, trinken das Wasser, verinnerlichen die Erinnerungen, die das Wasser trägt und werden wieder zu Wasser. Wasser ist in den Ozeanen, Seen und Flüssen, die uns umgeben. Es fliesst über uns, durch uns und um uns herum. Wasser verbindet uns, es ist in uns und zwischen uns. Dieses Konzept der Fluidität, der transnationalen, trans-Spezien und transkörperlichen Wahrnehmung stellt unsere Entscheidungen immer in das Verhältnis zu anderen. So fragt sich Riikka Tauriainen, wie wir Kunst machen, wenn wir immer im Verhältnis zueinander denken und was geschieht, wenn wir uns im Verständnis von Wasserkörpern in der Welt bewegen. 

Wird dieses Denken durch Wasser, dem Verständnis von Körpern von Wasser und «multi-species thinking» mit einem materiellen, queeren Feminismus verbindet, findet man sich im Hydrofeminismus von Astrida Neimanis wieder (Link unter «weiterführend»). Ihre Aussagen fliessen in «Intimacy of Strangers» in giftgrün über die Wand und verbinden so die räumlich-körperliche Erfahrung der Ausstellung mit einer Theorie des Wissens. 

Gedanken in die Zukunft
Riikka Tauriainen setzt sich in ihrer Kunst auch mit der Zukunft von künstlerischem Handeln auseinander. In «Intimacy of Stangers» reflektiert sie das Leben in einer toxischen Welt, inmitten von toxischen Materialien. Das PET der Rauminstallation hat sie bewusst gewählt. In den geschwungenen Plastik-Platten vereinen sich eine Ästhetik des fluiden und gleichzeitig soliden (da sie bei kleiner Hitze für einen Moment flüssig und dann wieder hart werden), sie haben eine Körperlichkeit, da sie ihre Formen durch das Aufliegen auf menschenähnliche Stoffpuppen bekamen und sie sind ein Inbegriff der toxischen Materialität, mit der sich die Künstlerin (vielleicht ein letztes Mal) auseinandersetzen wollte, um dann weiter denken zu können. Denn auch in der Kunst müssen wir immer Denken, was wir anders machen können, wie wir aus dieser Welt des toxischen ausbrechen können. Körperlich erfahren hat Riikka Tauriainen dieses toxische unter anderem in ihrer Residency in Genua 2018 (dort sind übrigens auch die Videoaufnahmen für «Intimacy of Strangers» entstanden), als sie zusammen mit riesigen Plastikwolken im Ozean schwimmen war. Diese Wasserverschmutzung thematisiert sie eingehender in einer anderen Arbeit, in der sie Plastik im Wasser filmt und dazu aber einen Text über die Faszination von Quallen einblendet. In ihrem künstlerischen Schaffen spielt Riikka Tauriainen mit Ästhetiken und formuliert aber immer gleichzeitig auch eine Kritik darin. 

Zukunftsdenkend ist auch ihr Projekt Feminotopias, in dem sie zusammen mit anderen Künstler*innen feministische Gesellschaftsformen untersucht, Gegennarrative öffnet und über neue Formen der Wissensvermittlung und Wissensproduktion sowie feministische Utopien nachdenkt. In ihrer neusten kollektiven Aktion ist das River Oracle entstanden. Dieses Oracle umfasst ein Set von selbstgemachten Tarot-Karten und Beschreibungen. Eine neu interpretierte Form der Tarot-Lesung involviert das «multi-species thinking» und das Denken als Körper von Wasser. Als feminotopische Praktik, also eine Art Werkzeug, soll das River Oracle Selbstreflexion und ein Bewusstsein für das eigene Selbst ermöglichen. 

«Uns Zukünfte vorzustellen ist mega wichtig. Aber nicht dystopische, sondern wirkliche, gute Zukünfte. Wenn wir sie uns vorstellen, dann haben wir schon einen Schritt getan, um sie zu verwirklichen.» 

Nun würde ich hier vorschlagen, sich die Ausstellung im Sic! Elephanthouse selbst ansehen zu gehen und sich davon faszinieren und inspirieren zu lassen, doch da hat uns ein gewisser Virus mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber nicht traurig sein, du kannst dir dafür online die Karten vom River Oracle lesen lassen! Nach Weihnachten sollte das online Orakel ready sein für dich und deine tiefsten Fragen. Also stay tuned!

Text und Foto: Daria Wechsler

Weiterführende Links:

Website Riikka Tauriainen
Astrida Neimanis