Kultur Kunst

Sorgfältig ausgestanzte Natur – „emptied“ von Christian Frehner im B742 min read

28. Dezember 2020 2 min read

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Sorgfältig ausgestanzte Natur – „emptied“ von Christian Frehner im B742 min read

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Text: Giuliana Gjorgjevski

Ein spannendes Zusammenspiel zwischen dem Aufgreifen von politischen Themen und einer Entfremdung durch grafische Veränderung. Christian Frehner kommt ursprünglich aus dem Bereich der Zeichnung und der Malerei. Die letzten Jahre widmete er sich immer mehr den grafischen Aspekten von Bildern, untersuchte die einzelnen Pixel und ging somit der Zusammensetzung des einzelnen Bildes auf den Grund. Frehner arbeitet vorwiegend mit gefundenem Bildmaterial aus alten Zeitschriften und Büchern, vergrössert diese und stanzt einzelne Pixel von Hand aus. 

ich erinnere mich
an eine türklingel vor dem kunstraum
an einen mann mit freundlichem gesicht, der mir die tür öffnete
an seine etwas tränigen, liebevollen augen

der künstler selbst stand vor mir

ich erinnere mich
an laute geräusche der baselstrasse, die verstummten als ich die tür hinter mir schloss
an einen knarrenden holzboden unter meinen füssen
an die kälte von draussen, die mich seitdem ich den raum betreten hatte, nicht verlassen wollte
an midestens zwei weitere menschen im raum, die sehr vertraut mit dem künstler schienen
an lautes gelächter und komplimente, die an den künstler gerichtet waren
daran, dass ich als begrüssung freundlich nickte und an den menschen vorbei in den grossen ausstellungsraum lief

still lauschend stand ich im raum nebenan

ich erinnere mich
an lange papierstücke mit sorgfältig ausgestanzten, grosszügigen löchern
wie riesige papierschnitte hingen einige von der decke
andere ragten zu skulpturen gewölbt aus der wand
blasse, schwer zu erkennende fotografien von naturszenen waren auf einigen papierschnitten abgebildet

weiss dominierte den raum

ich erinnere mich
an einen preiskatalog
daneben ein saaltext
daran, dass der saaltext davon handelte, dass die gedruckten fotografien aus büchern von brockis stammten
daran, dass die bilder ortschaften abbildeten, an denen indigene völker lebten
daran, dass der künstler von den vertriebenen völkern schrieb
daran, dass er die ortschaften und die völker als „exotisch“ bezeichnete
daran, dass er davon erzählte, wie er als kind eine „faszination“ für diese „exotischen“ völker hatte
ich erinnere mich
an ein gespräch mit dem künstler
daran, dass er mir von seiner eigenen naturverbundenheit erzählte
an meine faszination für sein handwerk und seine geduld, als er mir davon erzählte, wie er jedes einzelne loch von hand aus der fotografie gestanzt hat
an kritische fragen meinerseits bezüglich der thematik seiner arbeiten
an eine unsichere antwort von ihm
an meine eigenen zweifel an die kunst

es ist still

ich erinnere mich
daran, mich von ihm verabschiedet zu haben
an die verregnete strasse, die ich betritt
an einen grossen lieferwagen, der mir den weg versperrte
an das gefühl, ihn unwohl zurückgelassen zu haben
daran, zur eingangstür zurück geschaut zu haben
zu sehen, wie der künstler kurze zeit nach mir ebenfalls aus der tür kam, zu mir rüber blickte und wir uns anlächelten

ich ging nachhause.