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Wenn Traum und Realität verschmelzen – Surrealismus im Film4 min read

31. Dezember 2020 3 min read

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Wenn Traum und Realität verschmelzen – Surrealismus im Film4 min read

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Unlogisch, absurd, verstörend und bizarr. Wo ist Anfang und Ende? Was sind das für Zusammenhänge? Und überhaupt, what the fuck? Was für die meisten auf den ersten Blick unangenehm unlogisch wirkt, kann unglaublich befreiend wirken in einem surrealistischen Film.

Der Surrealismus fasziniert mich. Er ist nicht fassbar und doch ist seine befreiende oder befremdende Präsenz bemerkbar. Der Mensch mag das Unlogische nicht, er möchte analysieren, zusammensetzen, verstehen. Der Surrealismus erschwert dies, kreiert eine Spannung zwischen dem unmissverständlichen Werk und dem nach Logik suchenden Betrachter*in.

In den Anfängen des für Provokation sorgenden Surrealismus, waren Buñuel und Dalí wichtige Namen für den surrealistischen Film. Die zwei Künstler aus dem 20. Jahrhundert gehörten zu den wenigen Filmemachern (nebst natürlich den bekannten Vertretern Hans Richter und dem eigentlich ersten surrealistischen Regisseur Germaine Dulac) aus ihrer Zeit, welche in diesem Genre drehten. Dabei entstanden ist der bekannte Kurzfilm «Un chien andalou». Der Film hat keine klassische Filmstruktur, keine Akte welche die Geschichte zu einem Climax und zur Lösung oder Katastrophe führen könnte. Die Handlung steht ganz im Charakter eines Traumes: Aneinanderreihung von Szenen, welche zusammenhangslos und doch durch geschickte symbolische Assoziationen aufeinander abgestimmt wirken. Nebst ihren persönlichen Träumen als Drehbuchgrundlage, machten sie sich das automatische Schreiben zunutze, welches oft in den surrealistischen Kreisen angewendet wurde. Diese Technik erlaubte dem oder der Künstler*in unzensierte, emotionale, unlogische und unbewusste Texte zu schreiben. Die Filme Buñuels erzählen traumartige und oftmals mit Witz kritische Geschichten und spielen mit Doppeldeutigkeiten.

 Im Gegensatz zu den leichteren und luftigeren Filmen Buñuels stehen, unter anderem, die Filme von David Lynch. Mit seinem ersten Film «Eraserhead» legte er schon seine Basis für dunkle und düstere Filme. Verwickelte und scheinbar zusammenhangslose Geschichten entfalten sich, welche aus unterschiedlichen Teilen bestehen und aus verschiedenen Ebenen zu stammen scheinen. Sieht man ein Interview mit Lynch, erkennt man ein bisschen den Surrealist in ihm, wie er spricht und sich bewegt, seine Hände formt beim Sprechen. Dies sind jedoch nur zwei Filmemacher, welche sehr unterschiedliche Werke geschaffen haben. Dennoch existieren bei beiden Elemente, welche die klassische Filmstruktur durchbrechen. Provokativ und Absurd.

Man kann Filme dem Surrealismus zuordnen. Er ist jedoch unglaublich frei, verlangt keine Grenzen oder Regeln an ein Werk und hat weder einen definierten Stil noch eine klare Ästhetik. Wie der surrealistische Künstler Wilhelm Freddie (1909 – 1995) ausdrückte: «Surrealismus ist weder Stil, noch eine Philosophie. Es ist ein permanenter Geisteszustand». Vor der Gründung des Surrealismus (ca. 1920) gab es natürlich Strömungen und Künstler wie Dada oder Hieronymus Bosch, welche die Kunstform inspirierten und beeinflussten. Die wichtigsten Einflüsse kommen jedoch von der Faszination des Unbewussten und des Traumes, der «unzensierten Trieben der Menschen», was mit den damals neuen psychologischen Erkenntnissen Freuds zusammenhängt. Er war einer der Ersten, welcher dem Unbewussten und den Träumen eine grosse Bedeutung zuschrieb und diese zu analysieren begann (auch wenn heute das meiste von ihm widerlegt wurde). Eine wichtige Methode war die Hypnose, welche er als Schlüssel zum Unbewussten verstand.

 Davon inspiriert, entstanden in den surrealistischen Kreisen viele interessante neue Techniken, welche mit Zufällen, Doppeldeutigkeiten und Automatismen experimentierten. Von automatischem Schreiben, Trance, Drogenrausch bis hin zu Spiele welche die strenge Rationalität des Menschen blockieren soll. Sie lösen sich somit von allen bisherigen akademischen Normen und Arbeitsweisen. Deshalb bietet der Surrealismus den Filmemacher*innen bis heute eine grosse Freiheit, wie beim Regisseur Spike Jonze und seinem absurden, realitäts- und fiktiv-verschmelzenden Film «Being John Malkovitch» oder dem atmosphärischen, verstörenden Film «The Killing Of A Sacred Deer» von Yorgos Lanthimos. Er bricht statische Regeln und bleibt bis heute ein Mittel, um sich auszudrücken, gesellschaftliche Themen zu hinterfragen und sich aus den Regeln zu befreien.

Surrealismus kann wunderbar, lustig, verstörend, traurig, bizarr und politisch und eigentlich alles oder nichts von dem sein. Er zeigt sich durch die Unlogik entstehende Spannung, Reibung und manchmal dem Witz. Ich denke, der Surrealismus ist nicht nur eine Kunstströmung, er ist schon fast eine gewisse Lebensphilosophie, hat sich in vielen Bereichen manifestiert und beeinflusst uns bis heute. Das Durchbrechen der starren gesellschaftlich kreierten Rationalität um zu einem freieren Denken und Handeln zu gelangen. Als ich das letzte Mal den psychedelischen surrealistischen Film «Holy Mountain» des chilenischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky sah und die ersten Szenen starteten, dachte ich «Jetzt nicht zu viel überlegen, einfach mal schauen was passiert». Sich der Unlogik hinzugeben, was für ein Genuss.

 

Foto: La Coquille et le Clergyman von Germaine Dulac 1928