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Wald im Wandel4 min read

15. Januar 2021 3 min read

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Wald im Wandel4 min read

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Ein Gastkommentar von Kathrin Hiltmann

Wald ist gleich Wald? Nicht ganz. Seit über 1000 Jahren dient er als Projektionsfläche verschiedenster Ideologien und gleichzeitig Austragungsort von Konflikten. Die majestätischen Bäume inspirieren, das Holz gilt als wertvolle Ressource und der Wunsch nach mehr Biodiversität macht ihn zum Thema in aktuellen Debatten. Ein Waldspaziergang der etwas  anderen Art.

 

Die Musen, so sagen die Dichter, lieben die Wälder, die Wiesen und die Quellen, weil man dort eine Ruhe genießt, die den Städten fremd ist […].

Bereits im 18. Jahrhundert schrieb der französische Philosoph und Freund Voltaires Claude-Adrien Helvetius in einem Gedicht von der Anziehungskraft der Natur, die als Rückzugsort vom hektischen Stadtleben dient. Diese Faszination hat keineswegs an Gewicht verloren; im Gegenteil, sie ist heute genauso aktuell wie damals. Für den Familienausflug nimmt man die Kinder mit in den Wald, Sportler*innen gehen joggen oder walken und auch Spaziergänger*innen, Paare und Rentner*innen zieht es in den Wald. Die Freizeit wird vom eigenen Wohnzimmer ausgelagert nach draussen in die Natur. Der Wald wird meist als Naherholungsgebiet angesehen und beworben. Man kann ihn jedoch auch differenzierter betrachten und er erfüllt weitaus mehr Funktionen, wie diese eine uns so vertraute. Der Wald ist vielmehr seit über 1000 Jahren Projektionsfläche verschiedenster Ideologien und  Schauplatz an dem gesellschaftliche und politische Machtkonflikte ausgetragen werden.

 

Mehr als nur Bäume

Eine dieser weiteren Betrachtungsweisen ist die lange Geschichte der wirtschaftlichen Nutzung, die den Wald bis heute prägt. Lange Zeit galt der Wald als eine unerschöpfliche Ressource, mit der Profit erzielt werden konnte. Der Holzverbrauch nahm im Lauf der Geschichte stark zu und die Waldflächen verkleinerten sich, vor allem durch die Abholzung zur Holzgewinnung, ohne nachfolgende Wiederaufforstung und die Ausdehnung landwirtschaftlich genutzter Flächen. Ein erster Schritt zu einer nachhaltigen Holzwirtschaft wurde in der Schweiz 1876 mit dem Forstpolizeigesetz gelegt. Dieses hielt fest, dass nur so viel Wald abgeholzt werden durfte, wie auch wieder nachwachsen konnte. Ein Umdenken in der europäischen Bevölkerung begann dann jedoch erst Anfang des 20. Jahrhunderts stattzufinden, einhergehend mit dem Bedeutungsverlust der wirtschaftlichen Nutzung des Waldes. Dieser Bedeutungsverlust entstand durch den Siegeszug von Kohle als Treiber der Industrialisierung. Dadurch senkte sich der Druck auf die Waldnutzung erheblich und die Funktion des Waldes als Erholungsort wurde je länger je mehr zu einem der zentralen Themen. Aber auch lange vor diesen neueren politischen Entwicklungen, mit denen neue Regeln der Forstwirtschaft und neue Nutzungsbedingungen einhergingen, waren die Wälder keineswegs frei von Besitzansprüchen verschiedenster Art. Bereits seit Jahrhunderten erklärten Zaren und Könige in ganz Europa Teile der Wälder zu ihrem Besitz und machten sie nur einem exklusiven Teil der Oberschicht als Jagdgebiet zugänglich. Dem gemeinen Volk war der Zutritt und die Nutzung teilweise komplett verwehrt und auf Wilderei oder gar auf das Sammeln von Reisig standen hohe Strafen. Der Besitz des Waldes und die Rechte, welche im Wald gelten, ist auch heute noch Gegenstand von Diskussionen und macht den Wald bei uns zu einem der am meisten regulierten Bereichen des öffentlichen Lebens.

 

Mächtige Zeitzeugen

Betrachtet man den Wald vom Gesichtspunkt der Beständigkeit aus, zeigen aktuelle Beispiele aus dem Ausland, dass der Wald keine gegebene Konstante ist. Im Gegenteil, er ist sehr verletzlich und kann entgegengesetzten wirtschaftlichen Interessen oder korrupten Regierungen nicht standhalten. Aber nicht nur der Mensch, sondern auch natürliche Feinde wie der Borkenkäfer machen dem Wald zu schaffen. Vieles wird heute unternommen um diesen Bedrohungen entgegenzuwirken. Steigende Zahlen an neu entstehenden Naturschutzgebieten, Wiederaufforstungsprojekten und Kampagnen, die auf Themen wie das Waldsterben oder Biodiversitätsverlust aufmerksam machen, untermauern dies. Unser gesteigertes Interesse, das wir vor allem an der Erhaltung der Wälder haben, geht zurück auf die ökologische Wende in den 70er Jahren, welche 1972 mit der UN-Umweltkonferenz in Stockholm ihren Anfang nahm. Auch gegenwärtige Beispiele, bei denen der Wald als Schauplatz für politische Interessenkonflikte herhalten muss, findet man immer wieder. Als jüngstes Beispiel sind die Proteste im Hambacher Forst zu erwähnen, wo Menschen mit Protestaktionen im Wald gegen dessen Abholzung demonstriert haben und vor ein paar Jahren für grosse mediale Aufmerksamkeit sorgten.


Bäume sind also keineswegs nur stille Riesen, Wälder nicht nur stumme Zeitzeugen. Vielmehr rücken sie immer wieder mitten ins Zentrum der Geschehnisse und nehmen verschiedenste Rollen ein. Der Wald ist Kriegsschauplatz, Symbol der Imagepflege, Erinnerungsort, Reibungsfläche verschiedener Ideologien, ein Ort mit Entwicklungspotential oder gar mystischer Kraftort.  In dem wir uns dem Wald von verschiedenen Blickpunkten ausgehend nähern, offenbart sich schlussendlich die Wandelbarkeit unserer ganz eigenen Welt. Wie schnell sich Ideen und Besitzansprüche ändern, sich Meinungen und Ansichten neu formieren und wie wir die Welt immer wieder neu erfinden. Beim nächsten Spaziergang im Wald zeigt er sich dir vielleicht von einer neuen Seite. Und vielleicht findest du auch Kraft in den alten Bäumen, die eine starke Beständigkeit mit sich bringen und bisher noch jede Krise überstanden haben.

 

Bild: Kathrin Hiltmann