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Trendy Telegram: Eine sichere Insel? – Bye bye Privatsphäre, hallo Szene!5 min read

23. März 2021 4 min read

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Trendy Telegram: Eine sichere Insel? – Bye bye Privatsphäre, hallo Szene!5 min read

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Wir stecken Mittendrin. Und es betrifft deine und meine intimsten und persönlichsten Informationen, die auf gar keinen Fall jemand anderes angehen sollte. Der momentane Wechsel des Gratis-Kurznachrichtendienstes WhatsApp in der Gesellschaft zu anderen Kommunikationsplattformen hat unter anderem mit den neuen Datenschutzrichtlinien von WhatsApp zu tun. Weshalb treibt es die Menschen jetzt zu diesem Wechsel und wie sicher sind die anderen Plattformen?

In den letzten paar Monaten eskalierten meine Telegram Benachrichtigungen. Nicht, weil ich in diesen überdimensional grossen Newsportalchats ewig viele Nachrichten bekomme, denn diese sind längst schon stummgeschalten. Sondern weil immer mehr meiner Kontakte auf die Seite der Telegramer*innen gewechselt haben. Ich bin eine klassische Userin von verschiedensten Kurznachrichtendienste, doch was bedeutet das für meinen Datenschutz?

Dafür treffe ich mich mit dem Informatiker Jan Madera und rede über die Sicherheit der verschiedenen Kurznachrichtendienste. Er erklärt, dass WhatsApp im Gegensatz zu anderen Kurznachrichtendienste, keine Open Source Software ist. Das sei für die Privatsphäre problematisch: Denn das bedeutet, dass niemand in das Programm WhatsApp schauen und es überprüfen kann. Das Programm gehöre auch Facebook, was mit den verschiedenen bisherigen Skandalen grösseres Misstrauen weckt. Die neuen AGBs von WhatsApp erlauben, dass Metadaten Informationen wie Standort oder Kontaktinformationen auf einen Server von Facebook geschickt werden, ohne das ich mit meiner verschickten Nachricht dies beabsichtige. Was dann mit unseren Informationen geschieht: Wahrscheinlich an Firmen verkauft, um Werbung zu machen. So kann sich auch die Gratisapp WhatsApp oder besser gesagt Facebook sich finanzieren. Was ist dann mit den anderen Gratis-Apps wie Telegram und Signal?

Gratis habe immer einen Hacken, so Madera. Auch wenn bei Telegram das Programm für jede*n offengelegt ist, der Server von Telegram liege in Russland. Die korrupte Politik Putins könnte sehr gut auch in einen Datenhandel verwickelt sein, zumal bei Telegram keine Ende-zu-Ende Verschlüsselung vorgegeben ist. Dies ist schlecht, denn das bedeutet, das jede*r theoretisch den nächsten Swisscomkasten aufbrechen kann und auf meine Daten Zugriff hätte. Doch im Gegensatz zu WhatsApp verschickt Telegram keine Metadaten.

Auf die Frage, ob der Trend eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Datenschutz sei?

„Ich würde es mir wünschen. Doch die Meisten haben durch diesen Wechsel nicht mehr Ahnung als vorher. Würde man sich wirklich mit diesem Thema auseinandersetzen, so wäre man schon längst aktiv geworden.“

Das stimmt. Klassischerweise benutze ich kein WhatsApp mehr, doch habe immer noch Facebook oder Instagram. Der Trend oder dieser Wechsel sei nur entstanden, weil die Medien mehr über diese AGBs diskutiert haben als zuvor. Vor zwei Jahren hat Facebook auch gravierende Veränderungen in den AGBs eingenommen, doch einen Wechsel zu anderen Kurznachrichtendienste geschah da nicht. Also ist es momentan wirklich nur ein Trend? Denn bei einer echten Auseinandersetzung mit diesem Thema geht es um mehr: So zapfen Suchmaschinen wie Google auch unsere Daten ab, um damit Geld zumachen. Wieso dann den Hype um Whatsapp?

Als Gönnermitglied des Vereins digitale Gesellschaft empfiehlt Madera, sich bei einer echten Auseinandersetzung mit Datenschutz Grundlagenwissen anzueignen. Sein Motto: Datensparsamkeit. Und was seiner Meinung nach das Beste sei?

„Snowden, der amerikanische Whistleblower, benutzt Signal. Signal wurde mit einem gutwilligen Grundgedanken gegründet, die keine ökonomische Absichten hat. Threema sei eben so gut. Aber wir sind ja keine Menschenrechtsaktivist*innen. Da müssen wir nicht in Gefahr laufen, vom Geheimdienst abgehört zu werden. Deshalb genügt eine opensource software, mit Ende-zu-Ende Verschlüsselung, um einigermassen privat zu bleiben.“

Telegram, ein Exil für Extremist*innen?

Telegram hat auch an Neunutzer*innen in Extremist*innen-Kreise gewonnen. Die offenen Infokanäle oder der Beitritt zu einer geschlossenen Gruppe über Einladungslink fördern eine Anhängerschaft. Ich frage diesbezüglich bei Hans Stutz nach, der als Journalist seit vielen Jahren die rechtsextreme Szene in der Schweiz beobachtet. Telegram sei tatsächlich eine neue Plattform für radikalisierte Szenen, egal ob Linksextreme, Rechtsextreme oder Verschwörungstheoretiker*innen. Interessanterweise sei Facebook früher diese Plattform gewesen, heute werde Telegram bevorzugt, da man sich nur an die Szenen-Öffentlichkeit wenden möchte. Ist es nicht gefährlich für die Gesellschaft, wenn solche Gruppierungen mit eigener Ideologie an sensible Informationen herankommen und radikale Informationen unzensiert zirkulieren können? Dazu meint Stutz:

„Zu den Grundprinzipien eines freiheitlichen Staates gehört, dass Menschen auch radikale Inhalte frei äussern können, so lange sie nicht gegen Gesetze verstossen. Zum Beispiel gegen das Strafrecht, wegen Ehrverletzung, Aufruf zur Gewalt oder wegen Widerhandlung gegen die Strafnorm „Rassendiskriminierung“.Oder in Kurzform ausgedrückt: „Ein freiheitlicher Staat zensiert nicht, er sanktioniert Widerhandlungen gegen Gesetze.“

Es gibt Menschen, die sich über Telegram radikalisieren. Doch Stutz meint, dass die Gefahr nicht grösser sei als auf anderen Kanälen. Jeder Radikalisierungsprozess sei vielgestaltig. Er laufe über längere Zeit an und/oder gehe über mehrere Quellen wie Kontakte mit Menschen, die sich mit gleichen oder ähnlichen Themen beschäftigen. Aktuell sei Corona das Thema, das Menschen einerseits radikalisiere, andererseits zu Demonstrationen treibe.

In einer späteren Reflexion kommt mir eine Funktion von Telegram in den Sinn. Die Broadcast-Funktion. Es ist ein Kanal, der abonniert werden kann, welcher jeweils von einer Person verwaltet wird, jedoch nicht kommentiert werden kann. Ist diese Funktion nicht gefährlich, wenn radikale Meinungen alleine stehen und nicht in einer Diskussion differenziert werden können?

Und was nun?

Für mich ist klar geworden: mein Verhalten ist inkonsequent. Nach diesen Gespräch merke ich umso mehr, wie widersprüchlich ich mit Telegram umgegangen bin. Aus Datenschutzgründen auf Telegram sein? Widerspruch! Allgemein sind meine Spuren  überall im Internet zu finden. Es ist jedoch nicht zu spät, ein paar Schritte hin zu meiner Online-Privatsphäre anzupeilen. Zuerst werde ich definitiv den Wechsel zu einem anderen Kurznachrichtendienst machen und auch über eine andere Wahl meiner Suchmaschine und des Browsers nachdenken. Wie meine Quintessenz zum Thema Telegram lautet? Ich finde es informativ, in verschiedenen Infokanälen zu sein, die auf anderen Kurznachrichtendiensten nicht die gleiche Reichweite und Zustellungsgeschwindigkeit haben wie auf Telegram. Doch meine Daten wären auf anderen Plattformen sicherer. Deshalb werde ich wohl vertrauliche Informationen nicht über Telegram austauschen, aber Telegram trotzdem nutzen für unverbindliche Informationen. Vielleicht bin ich dabei aber auch einfach zu inkonsequent.

Die sichere Insel Telegram – nicht für meine Daten, sondern für den Informationsaustausch innerhalb einer Szene.

Titelbild: frachtwerk