Musik

«Das Ziel ist es nicht, die Musik crowdtauglich zu machen – das Ziel ist, dass die Crowd irgendwann tauglich wird»: Im Studio mit Yannick Trachsel6 min read

4. April 2021 5 min read

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«Das Ziel ist es nicht, die Musik crowdtauglich zu machen – das Ziel ist, dass die Crowd irgendwann tauglich wird»: Im Studio mit Yannick Trachsel6 min read

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Eiswürfel, Plastikflaschen, Bäume, Güllewägen – alles Gegenstände, die man zum Klingen bringen und in Musik verwandeln kann. Das Produzieren ist wahrhaftig eine Kunst für sich, dafür ist Yannick Trachsel ein ideales Beispiel. Der junge Bieler nimmt seine Samples in der Natur und im Alltag auf und kombiniert sie mit analogen Synthesizers zu Klangachterbahnen. Um uns seine Welt des Produzierens näher zu bringen, hat uns der Künstler einen ausführlichen Einblick in sein Studio gewährt.

Yannick hat sich bereits mit elf Jahren sein erstes Produktionsprogramm zusammengespart und, gemäss eigener Aussage (und von seinem Bruder bestätigt), seine Familie mit den ersten musikalischen Gehversuchen genervt. Was folgte waren viele Jahre Ausprobieren und Kreieren – sei es für ihn selber oder Kund*innen. Ebenfalls ist er DJ und veröffentlicht seit letztem Jahr seine Tracks online. Heute produziert er nicht mehr im Keller seines Elternhauses, sondern im eigenen Studio in Nidau, das er von einem guten Freund übernehmen konnte. Dort haben wir angeklopft und ihm auf die Finger geschaut.

Wie produziert man einen Song, Yannick?

«Ich kann dir nur zeigen, wie ICH es mache», betont er bereits, als ich ihn anfrage, ob er uns das Produzieren näherbringen möchte. Natürlich gibt es keinen Königsweg zum «perfekten Song», Produzieren lernt man nicht wie das Blockflötenspielen in Musikunterricht. Nach den vielen Jahren kann man aber doch sagen, dass Yannick seinen Sound gefunden hat – und sein Ansatz ist eher aussergewöhnlich: Die Samples bestehen aus Tonspuren von Natur- oder Alltagsgeräuschen, die er selbst aufnimmt, Loops daraus macht und in die Tracks einbaut. Bereits beim Bearbeiten der Samples fliesst seine kreative Ader mit rein. So hat er mittlerweile eine riesige Bibliothek mit allen möglichen Klängen, die er entweder mit gewissen Vorstellungen aufgenommen hat oder auf welche er per Zufall gestossen ist.

«Das ist die Idee bei meiner Musik: die Sounds so zu lassen, wie sie sind, und dann zu schauen, was damit passiert»

Hört man seine Musik, fällt es einem nur mit sehr spezifischem Vorwissen auf, dass die Samples ihren Ursprung bei einer Plastikverpackung oder einer Waschmaschine haben. Es ist ein Zusammenspiel von vielen kleinen Dingen – und mögen sie noch so unscheinbar sein, wären sie nicht im Endprodukt, würde etwas fehlen. Yannick arbeitet vorwiegend mit den Samples seiner eigenen Bibliothek, sowie seinen beiden analogen Synthesizers. Viel mehr als einen Equalizer und etwas Hall* braucht es dann nicht mehr: «Das ist die Idee bei meiner Musik: die Sounds so zu lassen, wie sie sind, und dann zu schauen, was damit passiert», unterstreicht er. Es sei ein Spiel von Strukturen, die sich durchs Bild bewegen, damit es irgendwie interessant bleibt. Das Ergebnis: Rhythmische Spannungsbögen und sphärisches Treiben, fast ausschliesslich instrumental.

*Producing 101 für die Laien unter uns (wie ich):
Einen Equalizer verwendet man, um die Frequenzen der unterschiedlichen
Tonspuren so zu bearbeiten, dass sie reibungslos aneinander vorbei gehen.
«Du kannst nicht zu viele unterschiedliche Quellen mit der gleichen Frequenz
haben, sonst löst sich das ja auf – es ist einfach Physik», erklärt Yannick.
Überflüssige Frequenzen werden also entfernt. Der Hall hilft dabei, die Spuren
«in den gleichen Raum zu holen». Wäre ja komisch, wenn man an ein Konzert geht
und der Schlagzeuger so klingt, als wäre er in einer Kirche, der Sänger wie in
einem Stadion und die Gitarre in einem dumpfen Proberaum.

Aber fehlen da nicht die Vocals?

«Es ist geil, wenn es keine Stimme braucht, weil dann ist es ja offensichtlich schon spannend genug.» Und doch findet es Yannick interessant, auch mal eine Stimme zum Instrument zu verwandeln und mit anderen Musikschaffenden zu kollaborieren – so hat er aktuell auch ein Projekt mit Liam Maye in der Pipeline. Es sei eine ganz andere Art des Produzierens, erklärt Yannick: Natürlich gilt es, einander Platz zu lassen und das Gegenüber zu «fühlen», so können spannende Weiterinterpretationen von gegenseitigen Ideen entstehen.

Dem Produzenten ist es wichtig, sich über die Musik kreativ ausdrücken zu können. Dass er dabei nicht zu sehr auf Fremdmeinungen hören sollte, musste er zuerst lernen. So nimmt er gerne Reaktionen auf seine Musik von seinem Umfeld zur Kenntnis, ändert aber deshalb nicht den kompletten Song: «Schlussendlich ist es ja meine Geschichte oder mein Gefühl, das ich vermitteln möchte. Ob das die Zuhörenden dann geil finden, ist etwas Anderes». Wenn seine Musik zusätzlich noch jemandem auf irgendeine Art helfen kann, ist das auch schön – und sonst passt es ja ihm.

Für den Radio ausgelegt ist Yannicks Musik jedenfalls nicht: Seine Lieder sind lang und haben durch ihren Facettenreichtum den Anspruch, von Anfang an und mit anständigen Kopfhörern gehört zu werden. Somit kann er schlecht erwarten, dass sie in einer Disco gehört werden. Um seine Musik doch auch tanzbar zu machen, hat er vor, sie live neu zu arrangieren.

Heisst das, deine Musik soll crowdtauglicher werden?

Das Ziel sei es weniger, crowdtaugliche Musik zu machen, sondern eher, dass die crowd tauglich werde, meint Yannick mit einem Schmunzeln. «Ich will nicht 2:50 Songs machen, nur damit sie gestreamed werden. Wenn ich Bock auf einen siebenminütigen Song habe, dann mache ich den.» Wichtig ist, dass es authentisch bleibt.

«Du kannst von allem 1’000 Versionen haben, aber auch so hast du noch nicht alle Möglichkeiten ausprobiert – dann kannst du eigentlich auch bei einer bleiben.»

Ein wichtiger Aspekt in Yannicks Authentizität ist die Spontanität. Häufig entstehen Dinge per Zufall – seien es zu Samples verarbeitete Rückkopplungsgeräusche oder Fruchtfliegen in einem Shotglas, die unverhofft zum idealen Coversujet werden. Er lebt ganz nach dem Prinzip «ah okay, das finde ich schön – nehmen wir». Im Produzieren kann man sich schnell im Detail verlieren, schlussendlich checken die Leute aber nicht, ob sie gerade Version 10 oder 12 hören. «Du kannst von allem 1’000 Versionen haben, aber auch so hast du noch nicht alle Möglichkeiten ausprobiert – dann kannst du eigentlich auch bei einer bleiben.» Ähnlich ist es bei den Titeln; schlussendlich ist es sowieso schwierig dem gesamten Song mit einem kurzen Titel gerecht zu werden. So heisst Yannick’s anstehender Drop «Versamente Girata», inspiriert von der italienischen Version von «Einzahlung Giro» einer Parkbusse der Stadt Biel.

Was gibst du allen 11-jährigen Yannicks, die gerne Musik machen würden, auf den Weg?

Mehr als einen Laptop und Kopfhörer braucht es nicht. «Dann kannst du dir ein Programm zusammensparen, schlimmstenfalls irgendwo reincheaten», lacht Yannick. Ihm habe es sehr geholfen, Dinge, die ihm gefallen, auseinanderzunehmen, zu analysieren und schlussendlich nachzubauen. So trainiert man das Gehör und lernt die unterschiedlichen Werkzeuge kennen. Dies indem man sich immer wieder fragt, welche Elemente einem denn genau gefallen und mit welchen Methoden man sie rekreieren kann.

Ebenfalls geholfen haben ihm Youtube-Tutorials und Ratschläge von Simeon Holzer, einem guten Freund und Musiker. Aber schlussendlich ist Musik kreativ und subjektiv. «Es gibt sicher Basics und gewisse Standards, aber auch die sind ziemlich relativ. Für mich muss es einfach authentisch sein, man muss einfach dahinterstehen können», sagt Yannick abschliessend. Und ob dann die Crowd tauglich wird oder nicht, ist zweitrangig.

Der Track „Versamento Girata“ (wofür Yannick übrigens in der m4music Demotape Clinic für das Demo of the Year in der Kategorie Electronic nominiert wurde!) und das dazugehörige Musikvideo erscheinen demnächst. Reinhören könnt ihr hier bereits jetzt. Der letzte Drop „Cant“ haben wir euch ebenfalls untenstehend verlinkt.

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Bilder von Luc Trachsel, bearbeitet von Linda Lustenberger