Kolumne Kultur Kunst

KUNST-KARAMBOLAGE – Voyeuristisch verloren im Kabelsalat der Datenströme7 min read

1. Mai 2021 5 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE – Voyeuristisch verloren im Kabelsalat der Datenströme7 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE sind freie, subjektive Texte zu ausgewählten Ausstellungen geschrieben von Aline, Anica und Florian.
Diesmal über die Ausstellung im Fotomuseum Winterthur «Eva & Franco Mattes – Dear Imaginary Audience,»

Offizieller Ausschnitt des Ausstellungstext

Lustige Katzenbilder mit makabren Sprüchen, die über Social Media geteilt werden, digitale Bilder, die unsichtbar durch die Infrastruktur des Internets zirkulieren oder online beauftragte Arbeitskräfte, die moralisch fragwürdige Inhalte erstellen oder aus dem Netz entfernen: Seit Mitte der 1990er-Jahre untersuchen Eva & Franco Mattes (beide *1976) die Auswirkungen des Internets auf unser Leben und reflektieren, wie vernetzte Bilder zunehmend unser privates und soziales Verhalten mitbestimmen.

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Keine Ahnung.
Im Internet bewege ich mich flink
ohne fundiertes Wissen darüber, wie dieses funktioniert.
Eva & Franco Mattes ertappen mich
Auch dabei leidenschaftliche Voyeurin zu sein.
Es ist ein abgedunkelter Raum. Der Boden mit einer dicken Schicht Schaumstoff überzogen, an die Wand projiziert; eine Diashow. Hannah Uncut zeigt die Fotogalerie eines privaten Handys. Unzensiert sehe ich das Dokument eines anderen Lebens. Je länger ich schaue, desto lebendiger wird Hannah, ich glaube zu verstehen, wer sie ist. Und ich schaue gerne zu. Ein bisschen unangebracht finde ich mich schon. Wenn ich mich selbst im Raum bewege, sind meine Bewegungen ungelenk, es ist schwierig, sie zu kontrollieren, des Schaumstoffs wegen. Später erfahre ich, dass man mich dabei beobachten kann. An der Pforte des Museums sind auf einem Bildschirm die Videoübertragungen der Räume zu sehen. Das gehört nicht zur Ausstellung, amüsiert mich aber ungemein, weil es so zu passen scheint.
Keine weiblichen Nippel auf Instagram
Das durchsichtige Web hat strickte Zensur.
Wer bestimmt, was erlaubt ist und was nicht?
Firmen haben Interessen.
Ich weiss, dass sie meine Interessen auch haben.
In einem anderen Raum gehe ich auf die Knie, schlängle mich rücklings unter den Bildschirm. Darauf zu sehen, eine Frau Mitte dreissig, die sich ebenfalls auf die Knie fallen lässt, um an einer Felge zu lecken. Mir ist das unangenehm, es hat etwas mit Demütigung zu tun. Sie macht das für Geld, ein Auftrag über eine Internetplattform. Lanciert vom Künstlerduo.
Das Internet als Demokratisierungsinstrument?
Das Internet als Gipfel des Kapitalismus?

– Aline

 

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In gelben Schienen verpackte Kabel laufen durch die Ausstellung und leiten dem Publikum den Weg, manchmal schneiden sie ihn auch, quer durch die Luft ragend, ab. Dieses verbindende Element der Kabel-Installation macht die Ausstellung quasi zu einem zusammenhängenden Körper. Die einzelnen Werke unterstützen sich gegenseitig in ihrem Diskurs. Dabei geht es nicht um Fotografie von Eva und Franco Mattes, sondern um den Umgang mit dem digitalen Bild im Allgemeinen. So sind wir, geschuldet an unserer Zeit, alle direkt von der Thematik betroffen. Durch die ganze Ausstellung über wird deutlich, dass der / die Betrachter*in selbst Thema der Kunst ist, im Dialog steht zu den betrachteten Situationen.

Gleich zu Beginn sehen wir auf drei vom Eingang abgewendeten Bildschirmen die neueste Arbeit von Eva und Franco Mattes. Ehemalige Content Moderator*innen erzählen von ihren Erfahrungen in diesem Beruf. Sie tun dies ganz nebenbei, während sie uns gleichzeitig Schminktutorials geben. Content Moderator*innen arbeiten für Internetfirmen wie Facebook oder YouTube und müssen entscheiden, welche Inhalte aufgrund verschiedener Kriterien nicht gezeigt werden dürfen. So erzählen diese Leute neben Schminkanweisungen von Hinrichtungen, Fäkalpornografie oder politisch brisanten Inhalten. Interessant war da auch, dass diese Erfahrungsberichte aus drei verschiedenen Ländern stammen.

Weiter in der Ausstellung werden, hinter Glas und vor Isoliermatten an der Wand hängend, Beispiele von verbotenen oder legalen Inhalten gezeigt. Diese sind unterteilt in Kategorien, welche helfen sollen, legale von illegalen Bildinhalten zu unterscheiden. Interessant finde ich es da, wo die Ausstellung selbst Bilder unkenntlich unscharf macht und damit zeigt, wie das Künstler-Duo selbst auch eine Auswahl treffen musste über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit der Bilder im fotomuseum selbst.

Im nächsten Raum werde ich von der Anordnung der Bildschirme gezwungen, mich unter sie drunter zu legen oder mich zu verbiegen, um das, was sie zeigen, sehen zu können. Dabei stosse ich auf YouTube Videos von Menschen, die sich wiederum in eigenartigen Positionen inszenieren. Sie lecken an Autorädern oder belegen sich den nackten Oberkörper mit Schokoriegeln und Salznüssen. Zuerst wunderte ich mich über die Ideen, auf welche diese Menschen gestossen sind, vielleicht in der Hoffnung im Internet viral zu gehen? Später finde ich heraus, dass diese Menschen von Eva und Franco Mattes über Gig Economy Websites für diese Aktionen angestellt wurden. Auf Gig Economy Websites stellt man seine Arbeitskraft gegen Geld für Kleinaufträge zur Verfügung. Während ich diese Videos schaue, beobachtet mich eine ausgestopfte Katze, die durch ein Loch in der Decke auf mich runter schaut. Die Katze soll Zitat eines Memes sein, dass ich allerdings nicht kenne. In der Ausstellung wirkt sie wie eine Überwachungskamera. Es gibt auch tatsächlich Überwachungskameras im Fotomuseum. Nicht von Eva und Franko Mattes konzipiert, sondern von der Institution installiert. So werden, der Thematik gerecht, auch Bilder von uns in der Ausstellung generiert.
Immer wieder begegne ich Bildern von Menschen, welche sich im Internet oder über virtuelle Charakteren in Games, inszenieren.

Am meisten berührte mich die Arbeit im letzten Raum. Hier konnte ich sämtliche Bilder von Hannah sehen, einer Frau aus England, welche dem Künstlerpaar ihr Handy für 1000 Dollar verkaufte. Dazu bewege ich mich mit Pantoffeln über den Schuhen in einer Schaumstofflandschaft zum Lied cosmic dancer von T. REX, wie in einer anderen Welt. Anderthalb Stunden würde die Diashow über Hannah gehen. Weil ich mich aber nach einigen Minuten für meinen inbrünstigen Voyeurismus zu schämen beginne, muss ich wieder gehen. Nebenan zirkulieren in einem Kabelträger durch Ethernet Kabel, USB Sticks, SD-Karten und Mikrocomputern, Eva und Franco Mattes persönliche Bilder durch den ganzen Raum, jedoch nur durch das Leuchten von Signalen sichtbar.

Die Ausstellung ist geprägt von ständiger unsichtbarer Bewegung, als würden die Werke miteinander im Datenstrom kommunizieren.

 

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Eva & Franco Mattes beschäftigen sich in der Ausstellung Dear Imaginary Audience, mit vernetzen digitalen Bilder und deren Herstellung, Bewegung, Konsum und der Zensur von Daten im Internet. Ich werde auf sozialen Plattformen täglich mit neuen Inhalten konfrontiert. Diese Bilder, welche online «fliessen», stehen selten allein für sich, sie sind eingebettet in der Kommunikationslogik der sozialen Medien. Bilder sind uns heute so präsent, da sie auf digitalen Daten beruhen, die das Bild entmaterialisieren, es somit beweglich machen, sodass es zwischen diversen Plattformen oder Endgeräten hin und her wechseln kann. So ist auch in der Ausstellung die Skulptur Personal Photographs eingebettet, welche sich durch zwei Räume zieht. Zu sehen ist ein Metall Kanal in dem Kabel liegen. Zwischen zwei Endgeräten werden diese personal Photographs (welche die Fotografien vom Künstlerpaar selbst beinhalten) hin und her geschickt. Das ist sehr spannend, da ich mir bewusst bin, dass sie uns diese Bilder zeigen, diese jedoch rätselhaft in den Kabeln verborgen bleiben. Einzig sichtbar ist die Raumskulptur. Ich verstehe die Raumskulptur als Bildforschung, wie werden wir durch technische Bilder dazu bewegt, physisch zu sehen? Wie bewegen sich Bilder im Internet und wie werden sie zirkuliert, sodass aus ihren Bewegungen stets neue Beteiligungsformen entstehen? Gibt es das digitale Bild überhaupt? Was ist ein Bild? Die Ausstellung liegt genau am Puls der Zeit und genau deshalb werde ich Eva und Franco Mattes noch lange in Gedächtnis behalten. Sie erforschen das vernetzte Bild auf eine übergreifende Art und Weise wie man Fotografie in der Kunst im klassischen Sinn versteht. Der Bildschirm wird zum Spielzeug. Das Internet wird erforscht. Unser Konsum wird analysiert. Ich als Besucherin, als vernetze Person, fühle mich angesprochen und kann mich hinter dem Bildschirm, durch das Glas hindurch beobachten. Sehr lange Zeit verbringe ich im Raum Hanna Uncut. Es handelt sich dabei um eine Arbeit, in der Eva und Franco Mattes ein Smartphone von jemandem für 1000 US Dollar abkauften, mit dem Einverständnis, alle Bilder auf dem Smartphone dem Künstlerpaar zur Verfügung zu stellen, um diese später für die Ausstellung in Winterthur zu benutzen. Ich stehe also in diesem Raum auf etwas Schaumstoffartigem und trage grosse Finken, die das Fotomuseum zur Verfügung stellt. Vor mir projiziert ein Beamer persönliche und intime Fotos, die Hanna auf ihrem Smartphone hatte. Hanna war auf Reisen, benutzt Instafilter, hat vielleicht einen Freund, studiert irgendwo in Grossbritanien, ist Mitte 20 und hat spass mit ihren Freunden. All das scheine ich über Hanna nun zu wissen. Das ist ein merkwürdiges Gefühl, fast schon wie ein Eindringling. Möchte Hanna wirklich, dass ich all das über sie weiss? Ich bin ab der ersten Sekunde Voyeurin und im Hintergrund im Loop das Lied von T. REX – «Cosmic Dancer». Ob Hanna das möchte, ist wohl schon längst keine Frage mehr, denn das Einverständnis sich im Internet zu bewegen, ist auch ein Einverständnis sich zu zeigen.

 

– Anica