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Ein grosses Stück Zeitgeist! Schätzing gelingt mit seinem Science-Faction-Buch das Paradestück des Edutainments.4 min read

3. Mai 2021 3 min read

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Ein grosses Stück Zeitgeist! Schätzing gelingt mit seinem Science-Faction-Buch das Paradestück des Edutainments.4 min read

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Frank Schätzing gelang bereits mit «Der Schwarm» der internationale Durchbruch, aber mit «Was, wenn wir einfach die Welt retten?» ist er so am Puls der Zeit, dass es schon beängstigend Spass macht, ihn zu lesen. Alle Faktoren rund um das Thema Klimakrise werden behandelt und dies mit einem guten Hauch Humor und einer beeindruckenden Akribie, was die Recherchearbeit angeht.

Wir schreiben das Jahr 2021 und vor lauter Pandemie hat man schon wieder vergessen, was eigentlich die wirkliche Ursache allen Übels auf dieser Welt ist. Nämlich die nahende Klimakatastrophe. Das Werk des Kölner Autors wird lokalverbunden vom Kölner Verlag Kiepenhauer & Witsch verlegt und nimmt uns alle als Protagonisten mit auf die Reise der Gegenwart und mit vielen Ausblicken in die Zukunft. Ein Sachbuch, das wie ein Thriller ist, denn die Menschheit befindet sich in einem Thriller. Nur, wie handelt man in der Klimakrise? Dafür hält Schätzing zahlreiche Ideen und Lösungsansätze bereit.

 

Die Menschheit befindet sich in einem Thriller.

Begegnen wir nun dem Gesellschaftschronisten und werfen einen Blick auf die Struktur des Werkes. In acht Teilen wird erklärt, wie es so weit kommen konnte, wie eine Zukunft bei steigenden Temperaturen aussieht, welche Ursachen und Auswirkungen dies haben kann, wer die Guten und die Bösen sind, wie man handeln muss und kann und, zu guter Letzt, wie ein Best-Case-Szenario aussieht. So weit, so spannend! Wirklich sehr spannend. Denn bereits nach den ersten dreissig Seiten erkennt man die präzise und akribisch ausgearbeitete Arbeitsweise des ehemaligen Werbeagenturbesitzers (ja, genau wie bei Martin Suter). So werden geologische, biologische und physikalische Begriffe und Gesetze erklärt, die eine gewisse Erklärungskunst verlangen. Prima! Immer mit einem guten Spannungsbogen, lockerer Erzählweise (trotz der heiklen Thematik) und auch schönen Vergleichen, die einen durchaus zum Schmunzeln, wenn nicht gar zum Lachen bringen. Kleines Beispiel gefällig? «Der Ruf der Kernspaltung mag ramponierter sein als der des Wendlers, am Ende ist sie keineswegs.»

So weit, so spannend!

Die Ursachen und dramatischen Auswirkungen des Klimawandels werden von allen möglichen Standpunkten aus betrachtet. Schätzing hat sowohl Zeit mit Aktivisten, aber auch mit Wissenschaftlern, Ökonomen und Klimaleugnern verbracht (zumindest in der Recherche) und beleuchtet dabei die Pros und Contras, stellt deren Denkschwächen bloss oder argumentiert so, dass es einleuchtet und jedes Mal auch faktisch belegt ist. Dies merkt man besonders im fünften Teil des Buchs bei dem «Die Guten und die Bösen?» durchleuchtet werden.

 

«Der Ruf der Kernspaltung mag ramponierter sein als der des Wendlers, am Ende ist sie keineswegs.»

 

Aber wieso baut der Mittsechziger, was man ihm bis auf die grauen Haare eigentlich überhaupt nicht ansieht, ein Fragezeichen bei dieser Kapitelüberschrift ein, fragte ich mich? Wir, also Du und ich, sind doch keine bösen Konzerne oder schlimmen Präsidenten, die Wälder abholzen oder gar die Klimakrise leugnen. Diese hatte ich in diesem Kapitel erwartet (und die werden auch ordentlich durch die Mangel gedreht). Aber jenes Fragezeichen, das anfänglich auch über meinem Kopf hing, wurde auch umgehend beantwortet. Er spielt nämlich auf unseren ökologischen Fussabdruck an. Dementsprechend können wir alle Bösewichte sein, wenn wir nicht unser Verhalten und Handeln ändern. Auch hierbei gelingt es ihm souverän, niemals die Moralkeule auszupacken oder dogmatisch zu sein. Nein, im Gegenteil, wir bekommen dutzende Denkanstösse, Links zu Homepages und Ideen, wie wir, ja, Du und ich, die Welt doch noch zu einem besseren Ort machen können. Stark! Einfach nur klug gemacht und man liest gebannt und gespannt weiter und stellt plötzlich fest: «Huch, ich bin ja schon auf Seite 222.» So muss ein Buch gemacht sein. Denn diese Vorschläge und Handlungsaufforderungen machen Spass und ergeben allesamt Sinn, wenn man genug Verständnis und Empathie in sich trägt.

 

So muss ein Buch gemacht sein.

In diesem aussergewöhnlichen Sachbuch, welches nebenbei erwähnt auch wirklich fair produziert wurde, habe ich Antworten auf Fragen gefunden. Ich habe eine Zukunftsvision gesehen, die mir gefällt und die ich mir wünsche. UND, ich habe vor allem Mut gefasst, dass wir doch noch die Kurve kriegen können, wenn man den Richtigen die Macht erteilt und vielleicht versucht, Hass und Gier gegen Altruismus und Nächstenliebe einzutauschen. Das soll jetzt nicht abgedroschen und gutmenschlich-pathetisch klingen, aber ich würde nicht über Bücher schreiben, wenn ich nicht den Glauben daran hätte, dass diese die Welt, wenn auch nur ein kleines bisschen, besser machen können. Bitte verteilt dieses wertvolle Gut in Regierungen, Schulen und in den Chefetagen dieses Planeten! Danke! Und Danke Frank Schätzing für dieses Werk. Ich bin tief beeindruckt und bewegt, was ich von einem Sachbuch nie erwartet hätte. Wow!

Fun Fact zu diesem Buch:

Im Jahre 1816 verbrachte die Schriftstellerin Mary Shelley mit Freunden ihre Ferien am Genfer See, dies aber bei Dauerregen. Aufgrund der daraus resultierenden Langeweile entstand die Idee, sich im Freundeskreis Schauergeschichten zu erzählen. So entstand der Literaturklassiker «Frankenstein»!

Gutes am Rande: Ab dem 3. Juli 2021 wird die Herstellung von Einwegplastik in ganz Europa verboten.

 

 

Dieses Buch passt zu…

…der Zeit, in der wir leben

…jedem, der wissen will, wie die Welt gerade funktioniert

…einem Glas klarem Quellwasser (bevor es dieses nicht mehr gibt)