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Mank: Im Schatten der Oscars4 min read

6. Mai 2021 3 min read

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Mank: Im Schatten der Oscars4 min read

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«Mank» heisst der Film, der als Bester aller Zeiten gilt. Hat das Werk des Regisseurs David Fincher diesen Namen verdient? Das Spektakel muss sich noch beweisen, ist aber wild und funktioniert im Kino unvergleichlich besser als auf der heimischen Mattscheibe.

Citizen Kane heisst der Film, der bis anhin als bestbewerteter Film aller Zeiten auf der Filmplattform «Rotten Tomatoes» gelistet war. Nachdem Paddington 2 einen langjährigen Klassiker erfolgreich verdrängt hatte, stellt sich die Frage, was einen Film wirklich großartig macht. Die neu erschienene Filmografie «Mank», gewidmet dem Drehbuchautor Herman J. «Mank» Mankiewicz, nimmt uns mit auf einen trunkenen Spaziergang durch Hollywood und zeigt dessen Mängel und Hoffnungen auf. Er ermöglicht einen Blick in die Vergangenheit des Filmemachens, der aktueller ist als eh und je. David Finchers neuester Film will in der Großartigkeit von Citizen Kane schwelgen und gleichzeitig ein neues Licht auf die Mühen der künstlerischen Schaffung werfen.

Das Elend der Schöpfung

Wie macht man den besten Film aller Zeiten? Was für ein Prozess steht hinter dem Verfassen eines Drehbuchs? Und wer genau ist es, der dahintersteckt? Wie schafft es „Mank“, gemäss «Rotten Tomatoes» den besten Film aller Zeiten zu verfassen, ohne dass er auf Widerstand stösst?

„Mank“ wirft ein Licht auf die Hindernisse, auf die eine filmschaffende Person auf ihrem Karriereweg stösst, sowie auf die Belastung, die damit einhergeht. Einerseits macht der Film den Anschein, als sei er eine Huldigung der klassischen Ära der Filmproduktion – so lässt es zumindest sein eigener Stil vermuten. Auf der anderen Seite stellt der Film eine scharfe Kritik an die gegenwärtige Filmindustrie dar, indem er strukturelle Probleme aufweist, die schon damals von zentraler Bedeutung waren. David Finchers Werk, eine schwarz-weiße Zeitkapsel mit liebevollen, unromantischen Verweisen auf die Vergangenheit, ist ein Testament der Zeitlosigkeit eines guten Drehbuchs. Es ist die Geschichte von Herman J. Mankiewicz, dem alkoholgetränkten, brillanten Autor von Citizen Kane, dessen Zusammenarbeit mit Orson Welles ein mitreissendes, hinreissendes Stück amerikanischen Filmemachens ergab.

Wer sich auf die Arbeit mit Fincher vorbereitet hat, weiss, dass der Regisseur keine halben Sachen macht. Seine zehnfach Oscar-nominierte Hollywood-Hommage «Mank» enttäuscht auch nicht in seiner Liebe zum Detail. Fincher orchestriert einen Wirbelsturm aus säuerlichen Einzeilern, Whiskey-Sticheleien und verrauchten Räumen. Herman J. Mankiewicz, von Gary Oldman mit kirchlicher Unhöflichkeit gespielt, stösst an die Grenzen seiner Realität, wenn er seine Worte im Krankenbett diktiert. Er spricht damit das immerwährende Problem an, dass Filmautor*innen härter als sonst arbeiten, um Dinge von Autor*innen zu inszenieren, die sich selbst nicht zu verstehen scheinen.

Der gequälte Künstler

Mank war bekannt für seine selbstzerstörerischen Tendenzen und sozialen Ausbrüche. Im Sommer 1939 wurde er schliesslich arbeitslos. Zudem brach er sich bei einem Autounfall das Bein. Wie im Film dargestellt, war dies ein Tiefpunkt in seiner Karriere. Ein Jahr später erholte sich Mank gerade von diesem Unfall, als Orson Welles ihn anrief, und ihn darum bat, das Drehbuch für seinen ersten Spielfilm zu schreiben. Welles war gerade 24 Jahre alt, als er einen Blankoscheck erhielt, um ein kreatives Projekt seiner Wahl zu schreiben, zu inszenieren und zu produzieren. Unter der Regie von David Fincher erzählt der Film die Geschichte von Mank und seiner Arbeit an der Entwicklung des Drehbuchs für Citizen Kane (1941), der weithin als der größte Film der Filmgeschichte gilt.

Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film ist eine Verbeugung vor der Hollywood-Tradition und eine direkte Nachahmung des Stils von Kameramann Erik Messerschmidt. Er spiegelt die Tiefenschärfe der Kinematografie von Citizen Kane wider, indem er Zitate und Aufnahmen zu schwarz-grauen Rahmen abschwächt, als wären sie auf einem modernen Breitbildschirm zu sehen.

Der Film wirft ein zwiespältiges Licht auf den gequälten Künstler: Das Bild des narzisstischen, kontrollierenden, grenzwertig soziopathischen Künstlers ist ein so beständiger Archetyp, dass es zu einer klischeehaften Darstellung wird. Der Film weist eine ambivalente Haltung gegenüber den Schwankungen des gekränkten Genies auf. Bevor Mankiewicz 1953 an einer Harnstoffvergiftung starb, war er eine treibende Kraft in der Filmindustrie, als er unzählige Drehbücher schrieb und sich nicht selten so stark für die für seine Filme essenziellen Details einsetzte.

Obschon der Film seit längerer Zeit auf Netflix zu sehen ist, empfiehlt es sich, eine Vorführung im Kino anzusehen, da die symphonische Musik von den langjährigen Fincher-Kollegen und Nine-Inch-Nails-Mitgliedern Trent Reznor und Atticus Ross stammt, die dieses Jahr gleich zweifach als «best soundtrack» Oscars nominiert wurde. Es scheint, dass der Film seinen eigenen Untergang im Zeitalter von Netflix-Streaming vorahnt, ebenso wie die Ablösung von «Citizen Kane» als bester Film aller Zeiten. Ob dies wohl so bleiben wird?

Hinweis: Der Film wird am Sonntag 9. Mai im Kino Riffraff in Zürich gezeigt.

 

Titelbild: Netflix