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„Wenn du nicht mehr streitest, dann hast du deine eigene Meinung und deine Emotionen begraben“ – im Gespräch mit Benjamin Heller12 min read

7. Mai 2021 8 min read

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„Wenn du nicht mehr streitest, dann hast du deine eigene Meinung und deine Emotionen begraben“ – im Gespräch mit Benjamin Heller12 min read

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Das Streitfestival ist in vollem Gange. Im Gespräch mit Benjamin Heller, künstlerischer Co-Leiter des Festivals, verriet er mir, wieso genau dem Streit der rote Teppich ausgerollt wird, was für ihn Streit bedeutet und was ihr in den noch verbleibenden Festivaltagen auf keinen Fall verpassen solltet.

 

Was hat euch dazu bewegt, dem Streit für 11 Tage den roten Teppich auszurollen?

Die Themenfindung war ein längerer Prozess und wir waren auch bei anderen Themen dran. Was uns schliesslich aber am Streit gepackt hat, ist unserer Meinung nach die gesellschaftliche Relevanz. Weil wir immer wieder beobachten, dass sich in der Gesellschaft Fronten bilden und man sehr häufig in der eigenen Bubble oder Szene unterwegs ist und sich dort gegenseitig in den eigenen Meinungen bestärkt. Es findet selten ein konstruktiver Dialog über die eigene Bubble oder Gesinnung hinaus statt. Wenn dann solche Konfrontationen stattfinden, so, wie wir das zum Beispiel aus einem Arenaformat kennen, dann sind diese unserer Meinung nach häufig nicht konstruktiv. Dies, weil man häufig bei solchen Diskussionen nur schon aufgrund von Namen der teilnehmenden Personen und ihrer Zugehörigkeit sagen kann, wie der Verlauf des Gesprächs sein wird. Leute beharren einfach auf ihren Positionen, ein Austausch geschieht aber nicht wirklich.

Dort haben wir angesetzt und fanden, dass Streit in einer Gesellschaft, in der unterschiedliche Meinungen toleriert werden und auch gleichwertig sein sollten, das Mittel ist, um über sich hinaus zu wachsen und zusammen vorwärts zu kommen. Wir wollen dies neu lernen und erkunden. Nebst dieser politischen Dimension gibt es auch die persönliche Dimension von Streit, die wir alle aus dem Alltag kennen. Auch dort haben wir das Gefühl, dass es ein sehr zentrales Element ist, streiten zu lernen. Unser Ansatz verfolgt, Streit auch als etwas Performatives oder Spielerisches zu begreifen, worin wir eintauchen können und auch eine gewisse Freude und Lust daran entwickeln können. Wir versprechen uns davon mehr Dialogfähigkeit. Das ist unser Ziel und auch unsere Motivation, das Thema Streit zu behandeln.

 

In einer grossen 5-Kanal-Videoinstallation befragten Künstler*innen 24 Personen nach dem individuellen Umgang mit Streit. Was bedeutet Streit für dich?

Also für mich gibt es Unterschiede, je nachdem ob es um persönliche oder politische Themen geht. Streiten grundsätzlich bedeutet für mich die Konfrontation mit einem Gegenüber, das in einem bestimmten Punkt anders denkt als ich und dass ich mich auf dieses Gegenüber einlasse, dass ich dieser Person zuhöre. Das bedeutet nicht, dass ich schliesslich die Meinung dieser Person übernehmen muss, sondern es gibt eine Konfrontation und es kann auch ein Dissens bleiben. Es muss nicht unbedingt immer zu einem Konsens führen, aber ich glaube die grundlegende Komponente von Streit ist für mich, dass ein Austausch stattfindet. Also, dass ich eine andere Person höre, aber dass ich selber auch gehört werde. Das ist glaube ich meine Definition von Streit. Das  ist übrigens auch etwas, was mich ein bisschen überrascht hat in dieser Videoinstallation, dass viele Leute Streit als etwas sehr Negatives definieren. Ich sehe natürlich schon die negative Komponente, die Streit haben kann. Eben genau, wenn er nicht konstruktiv ist oder wenn er Personen ultra anstachelt. Aber genau für mich ist Streit eben nicht etwas Negatives oder nicht nur negativ, sondern es hat sehr viel damit zu tun, sein Gegenüber ernst zu nehmen und auch sich selber ernst zu nehmen: «Hey, meine Position ist wichtig und ich möchte diese kundtun, aber ich höre Dir auch zu.» Spannend finde ich es zu überlegen, was passiert, wenn man nicht streitet. Oder was sagt das aus, wenn man nicht streitet? Weil man streitet ja nur über Themen, die einem ein Anliegen sind. Streit ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen dafür, dass man nicht einfach gleichgültig ist gegenüber gewissen Fragen und Personen. Wenn du nicht mehr streitest, dann hast du deine Meinung begraben. Oder auch deine Emotionen.

 

Wie sollen Uneinigkeiten deiner Meinung nach ausgetragen werden?

Puhhh… Ich weiss nicht, ob ich das schon herausgefunden habe (lacht). Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass es gut ist, Uneinigkeiten auszutragen. Das ist schon mal der erste Schritt. Weil manchmal werden Uneinigkeiten gar nicht ausgesprochen, sondern sie werden geschluckt. Ich habe das Gefühl, die grundlegende Voraussetzung ist der Wille, diese Uneinigkeiten auszutragen und die Konfrontation nicht zu meiden. In der Peterskapelle gibt es eine Installation mit Postkarten, die ganz viele Streitimpulse geben. Ich habe das Gefühl, dass es nicht «die» Lösung gibt, um Uneinigkeiten auszutragen, sondern es ist sehr situations- und personenabhängig. Aber wenn ich für etwas plädiere im Austragen von Uneinigkeiten, dann ist es, das Ganze als etwas Performatives, als etwas Spielerisches zu begreifen. Ich habe das Gefühl, es hilft einem auch da hineinzugehen und vielleicht ist es auch im ersten Moment nicht konstruktiv, aber es gibt ja auch immer noch ein Danach. Man kann gerade bei persönlichen Streitereien nach der Konfrontation wieder darüber sprechen, was genau geschehen ist. Ein wichtiger Streitimpuls ist für mich, dass du nur streiten sollst, wenn du auch die Energie zum Zuhören hast. Das ist für mich die grundlegende Voraussetzung, die es braucht, um konstruktiv mit Uneinigkeiten umzugehen.

 

Geht dir das jetzt erst so richtig während dem Festival durch den Kopf?

Ich habe mich davor auch schon mit Austausch und Begegnung von verschiedenen Personen beschäftigt und versuche auch immer wieder, aus meiner eigenen Bubble auszubrechen. Dies gelingt mir überhaupt nicht immer und die Frage stellt sich auch, ob das am Streitfestival gelingt. Aber ich glaube schon, dass jetzt für das Streitfestival die Auseinandersetzung mit dem Streit viel intensiver wurde und es ist auch sehr spannend, dass es ein Thema ist, das ganz viele Anwendungsmöglichkeiten findet. Während dem ganzen Prozess für das Festival und auch während dem Festival hatte ich immer wieder Streitsituationen. In der Co-Leitung haben wir uns nicht wenig gestritten, da wir uns häufig uneinig waren. Es ist ein Thema, zu dem ich die ganze Zeit wieder Realitätsableichungen machen kann und wo ich mich selber herausfordern kann, da ich auch bemerke, dass ich manchmal schon sehr harmoniebedürftig bin und Konfrontationen aus dem Weg gehe. Ich finde es spannend zu merken, dass es mit mir selber zu tun hat und es mich immer wieder herausfordert.

 

Was löst es in dir aus wenn du Streit als Drittperson von aussen beobachtest?

Das ist unterschiedlich. Je nachdem, ob ich die streitenden Personen kenne oder nicht. Dann kommt es sehr auf die Streitsituation an. Es gibt Streitereien, die sehr lustvoll sind, die vielleicht auch einen gewissen Witz haben. Man streitet sich zwar, aber es geht nicht darum, eine andere Person zu verletzen. Das ist für mich auch eine Bedingung von konstruktivem Streit, dass man eine andere Person nicht verletzen möchte. Wenn ich einen lustvollen Streit sehe, dann finde ich das sehr interessant und habe manchmal Lust mitzumachen, wenn es ein Thema ist, zu dem ich auch etwas sagen kann oder das mich betrifft.

Dann gibt es auch die andere Form von Streit, die ich nicht als konstruktiv bezeichnen würde. Dort werden Leute verletzt, es wird auf Personen gezielt oder wird übergriffig. Das löst dann in mir unangenehme Gefühle aus oder auch ein bisschen eine Überforderung, weil dort auch immer die Frage der eigenen Verantwortung als Beobachter*in aufkommt. Greife ich ein oder nicht? Versuche ich zu deeskalieren? Und wenn ja, wie mache ich das? Ich bin eine Person, die gerade bei persönlichen Situationen eher lange wartet beim Eingreifen. Oder ich habe das Gefühl, es ist eine Sache zwischen diesen zwei Leuten.

Dasselbe vielleicht auch bei Leuten, die man nicht kennt. Wenn es Streitsituationen gibt, die beleidigend sind, versuche ich sehr stark, mich zu überwinden und nicht einfach zuzuschauen, sondern mich zu solidarisieren mit den Leuten, die bedrängt werden.

Ich glaube, es ist sehr schwierig zu benennen, was Streit in einem auslöst. Es ist auch schwierig, über Streit im Allgemeinen zu sprechen. Ich glaube, es gibt sehr viele unterschiedliche Formen und wir wollen mit dem Festival auch überhaupt nicht aussagen, dass es kein sehr destruktiver Streit gibt. Das ist uns allen klar und real, aber wir fokussieren mehr darauf, den Streit neu zu entdecken.

 

Gab es nicht sogar einen Workshop zum Thema Zivilcourage?

Genau. In diesem Workshop ging es darum, eingreifen zu lernen oder Handlungsweisen zu entwickeln in Streitsituationen, die nicht konstruktiv sind. Wir haben das mit Formtheathersequenzen gemacht, in denen Konfliktsituationen gespielt werden. Die Kursteilnehmenden gingen in diese Szenen hinein und erprobten, wie sie darin handeln und Strategien entwickeln können. Man spielt Opfer, Täter*in, Zuschauer*in und es hilft auch einmal, das «Arschloch» zu spielen, um sich irgendwie in diese Rolle hineinzuversetzen und ein bisschen besser verstehen zu können, was in dieser Person vor sich gehen könnte. Der Rest des Festivals dreht sich mehrheitlich um konstruktive Formen von Streit.

 

Die Grenze zwischen einer hitzigen Diskussion und einer strittigen Auseinandersetzung – an was machst du diese fest?

Ich weiss gar nicht, ob es diese Grenze gibt… Da gab es gerade vor ein paar Tagen eine sehr spannende Situation. Es gibt ja so Streit-Chat-Stationen, bei denen man mit verschiedenen Menschen, die online sind, zu verschiedenen Themen streiten kann. Einmal ist die Frage: Was bedeutet Solidarität heute? Diese Frage spielt auch auf Corona an. Ich war in Kontakt mit Leuten, die sich gegen Coronamassnahmen engagieren und auch Demos organisieren. Wir haben verschiedene Leute angefragt und viele lehnten die Einladung ab. Sie sagten, dass sie gar nicht streiten, sondern in ihrer Meinung akzeptiert werden wollen. Sie würden auch die Meinung ihres Gegenübers akzeptieren, aber sie wollen ernst genommen werden in ihrer Position und sich austauschen. Sie wollen in eine Diskussion gehen, aber nicht streiten. Ich sagte dann, dass das genau das ist, was wir unter Streit verstehen. Das ist genau das, was wir machen wollen. Also wir wollen nicht einfach, dass man sich die Köpfe einschlägt. Das geschieht genug. Darum habe ich das Gefühl, dass diese Grenzen sehr fliessend sind. Ich glaube für viele Leute ist Diskussion konstruktiv und Streit ist nicht konstruktiv. Ich würde es wirklich nicht so unterteilen, sondern in Auseinandersetzungen mit einem Gegenüber, die konstruktiv und nicht konstruktiv sind. Aber das ist für mich nicht die Grenze zwischen Streit und Diskussion.

 

Das Festival läuft nun seit ein paar Tagen – Was hast du für einen Eindruck? Wagen sich die Menschen aus ihren vier Wänden heraus, um das Festival zu besuchen?

Es ist nicht schlecht besucht. Bei einzelnen Veranstaltungen hätte es jeweils noch zwei, drei Plätze mehr gehabt, aber es sind ja sowieso Veranstaltungen, die für ein kleines Publikum konzipiert sind. Die Ausstellungen sind recht gut besucht, aber auch da gibt es noch Luft nach oben. Bisschen enttäuschend war der erste Kinoanlass. Da war der Saal fast leer.

 

Magst du uns von deinem persönlichen Highlight des Festivals erzählen?

Ein Highlight für mich war die Eröffnungsshow. Durch Corona hat sie sich immer wieder gewandelt. Ursprünglich wären dort Boxkämpfe geplant gewesen mit zwei Musiker*innen, welche die Kämpfe vertonen. Nun ist es ja so, dass Kontaktsport immer noch nicht erlaubt ist und wir mussten da ein bisschen umkrempeln. Schlussendlich haben sich zwei Musiker*innen duelliert und der dreifache Boxweltmeister Tefik Bajrami war Ringsprecher und moderierte das Ganze. Es war sehr witzig und ich hatte sehr Freude, dass Tefik dabei war. Es war für mich auch so eine lustvolle Konfrontation, die irgendwie ganz viel Witz und Humor beinhaltete. Ein neues Bild von Konfrontation und Gegner*innenschaft erschaffen, das ist etwas, das ich wichtig finde und an diesem Abend gut funktioniert hat.

Weiter finde ich es sehr spannend, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Bei einer Ausstellungsaufsichtsschicht kam ich mit zwei Besucherinnen ins Gespräch. Ich finde es spannend, Geschichten zu hören und dass eigene Ansichten und Erfahrungen zum Thema Streit geteilt werden. Das ist schon ein Highlight, auch mit fremden Leuten ins Gespräch zu kommen und zu merken, dass etwas angeregt wird in ihnen. Ich finde es schön, dies zu erfahren. Häufig erfährt man es ja nicht, da die Leute einfach kommen und wieder gehen.

 

Welche noch bevorstehenden Programmpunkte möchtest du besonders herausheben?

Ich finde das immer ein bisschen schwierig. Ich erzähle dann meistens einfach das gesamte Programm.

Sehr empfehlen kann ich die Streit-Chat-Stationen. Und zwar am Samstag und Sonntag durch den Tag und am Dienstagabend. Das sind Chat-Stationen in der Peterskapelle, wo Expert*innen zu bestimmten Fragestellungen online sein werden und man sich über den Chat eins zu eins mit ihnen unterhalten kann. Am Samstag geht es um die Frage: « Wem gehört die Stadt?», was ja auch durch die Debatte um das Eichwäldli hochaktuell ist. Dort dabei sein werden der Luzerner Stadtrat Adrian Borgula , Mario Stübi, welcher designierter Präsident des Mieter*innenverbandes ist, sowie die Stadtentwicklerin Rachel Gaudenz.

Am Sonntag geht’s um die Frage „Kann man Gott beleidigen?“ und am Dienstag wird die Frage „Was bedeutet Solidarität heute?“  behandelt. Dort anwesend sein wird die Soziologin Katja Rost, der Leiter der Akutmedizin des Universitätsspitals Genf, Martin Tramèr, Coronamassnahmengegner*innen des Vereins „Stiller Protest“ und der FDP Politiker Gaudenz Zemp.

Dann gibt es am Samstag- und Sonntagabend einen grossen Performanceblock . Das sind insgesamt vier Arbeiten, die man in einem Block besuchen kann. Gestartet wird in der Kunsthalle, geht dann zur Peterskapelle und endet im Winkel. Am Sonntag gibt’s noch ein paar wenige Tickets.

Auch der Film „Die Moskauer Prozesse“ im Stattkino am Sonntagmorgen ist sehr zu empfehlen.

Am Montagabend gibt es ein offenes Boxtraining mit Tefik Bajrami. Also ein Boxtraining vor der Peterskapelle mit dem Weltmeister. Das würde ich mir nicht entgehen lassen.

In der Ausstellung im Winkel gibt es noch eine performative Intervention vom Projekt die grosse Menschenschau. Sie haben ein Ausstellungsprojekt gemacht und schicken am Dienstag, 11.5. um 20:00 und 21:00 eine reale Figur von ihnen vorbei, die live vor Ort performen wird.

 

 

Hier geht es zur Website des Streitfestivals für das detaillierte Programm.

 

 

Foto: Christian Felber