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Achtsamkeit – Hype oder Heilsversprechen? Teil I4 min read

15. Mai 2021 3 min read

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Achtsamkeit – Hype oder Heilsversprechen? Teil I4 min read

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Ein vierteiliger Gastkommentar von Joel Michel

Achtsamkeit liegt im Trend. Aber warum eigentlich? Ist der Hype rund um das Thema nur vorübergehend, oder können wir gerade einen langfristigen Wandel beobachten? Ist Achtsamkeit ein Hype oder ein Heilsversprechen? In dieser vierteiligen Serie möchten wir diese Fragen klären. In der ersten Folge gehen wir der Frage nach: Was ist eigentlich Achtsamkeit? Mit Yuka Nakamura.

Ist es nicht erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit von psychischen Krankheiten, Depressionen und Stress seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie die Rede ist? Burn-Outs sind seit Jahren schon beinahe Standard in jedem Betrieb und jeder Familie. Psychische Erkrankungen nehmen stetig zu und bereits Jugendliche haben immer mehr unter Stress und Leistungsdruck zu leiden. Doch anscheinend konnte erst die Corona-Pandemie den Diskurs über psychische Krankheiten wirklich gesellschaftsfähig machen. Mir scheint, als hätte eine kollektive Erschöpfung eingesetzt. Die schiere Flut an Yogakursen, Retreats, Meditationsapps, spiritueller Ratgeberliteratur und an Posts in den sozialen Medien, welche für mehr Selbstliebe und die Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten und Leiden werben, überwältigt.  Irgendetwas scheint sich in der Gesellschaft zu wandeln, die Mentalitäten scheinen sich zu ändern. Die Auffassung vom «guten» Leben verändert sich weg vom hedonistischen Materialismus, hin zum minimalistischen Idealismus. 

Doch es gibt einen vermeintlichen Ausweg: Achtsamkeit

Durch den bewussten und achtsamen Umgang mit sich selbst sollen nicht nur Sinnkrisen, psychische Krankheiten und Burn-Outs überwunden werden. Trotz materiellem Überfluss scheint eine gewisse ideelle Leere, eine moralische und gesellschaftliche Richtungslosigkeit verbreitet zu sein, welche sich in einer spannenden Mischung aus Kulturpessimismus und Aufbruchsstimmung äussert: Die weitverbreitete (psychische) Überforderung, die sich anbahnende Klimakrise, eine weltweite Pandemie, Sexismus, Rassismus, soziale Ungleichheiten drohen uns zwar alle zu erdrücken. Doch jetzt, und zwar genau (im) Jetzt können wir einen Richtungswechsel einschlagen und alle drohenden Katastrophen abwenden: Der Erfolgskurs unserer industrialisierten Gesellschaften scheint sich von innen heraus zu bremsen; eine Lösung kann nur noch von aussen kommen: Achtsamkeit nennt sich diese.

Was ist Achtsamkeit?

Um zu erfahren, was Achtsamkeit überhaupt ist, spreche ich mit Yuka Nakamura. Nakamura doktorierte 1992 in Entwicklungspsychologie und war als Dozentin und Professorin für Entwicklungspsychologie tätig. Achtsamkeit ist mit der Zeit immer mehr in ihren Lebensmittelpunkt gerückt, bis sie sich entschloss, hauptberuflich als Lehrerin für «säkulare» Achtsamkeit und als buddhistische Lehrerin tätig zu werden.  Nakamura beobachtet die Entwicklungen seit Jahren und prägte die Achtsamkeitsbewegung in der Schweiz aktiv mit. 2009 gründete sie das Zentrum für Achtsamkeit und den Achtsamkeitsverband Schweiz, welcher heute mehrere hundert Mitglieder umfasst. 

Das Konzept der Achtsamkeit stammt ursprünglich aus dem Buddhismus und wird in mehreren Lehrreden Buddhas erläutert und starkgemacht, erklärt mir Dr. Nakamura. Ähnliche, aber weniger ausformulierte Konzepte existieren auch im Katholizismus oder im Islam. Achtsamkeit sei vielmehr so etwas wie ein «Menschheitswissen», Grundlage für jeden spirituellen Weg. «Ein innerer Weg kann nur begangen werden, wenn man nicht permanent abgelenkt ist» – das gelte für alle Menschen, losgelöst von jeglicher Religion oder Konfession. So weit, so verständlich. Unsere moderne Auffassung von «Achtsamkeit» wurzelt also im Buddhismus. Doch was ist Achtsamkeit nun genau? Was passiert mit uns selbst, wenn wir «achtsam» sind?

«Metaphorisch gesprochen schafft Achtsamkeit einen inneren Raum», so Nakamura, «in welchem wir innehalten, durchatmen und entscheiden können, wie wir auf eine Situation reagieren wollen.» Oft ist unser Blickfeld verengt, bereits eine einzige Pushnachricht oder Email kann uns aus der Fassung bringen und uns stressen. Wer achtsam ist, lernt, in einem ersten Schritt wahrzunehmen, dass man überhaupt wütend oder gestresst ist, lernt, den Autopilotmodus zu verlassen. Achtsam-sein bedeutet zu fühlen, wahrzunehmen, zu spüren, bewusst zu leben, ohne zu bewerten, erklärt mir Dr. Nakamura. Indem wir achtsam werden, vergrössern wir unsere Perspektive, treten sozusagen einen Schritt zurück, und lernen dadurch nicht nur uns selbst und unseren Körper, sondern auch unsere Umwelt und unsere Mitmenschen besser wahrzunehmen. Jon Kabat-Zinn treffe die Sache ziemlich auf den Kopf: «Achtsamkeit ist Gewahrsein, welches entsteht, wenn wir aufmerksam auf den jetzigen Moment sind, absichtsvoll und ohne Bewertung wahrnehmen.»

Die Achtsamkeitsforschung

Obwohl die detaillierten neuropsychologischen Mechanismen noch nicht bekannt sind, steht fest, dass Achtsamkeitsübungen unsere Gesundheit, unsere Schlafqualität und unser Wohlbefinden langfristig beeinflussen können. Auch bei der Behandlung von Depressionen, Ängsten und Angststörungen und Suchtverhalten, sowie bei der Burn-Out-Prävention, konnten positive Effekte nachgewiesen werden. Achtsamkeitsübungen wirken schlussendlich auf diejenigen Hirnareale ein, welche für die Selbststeuerung, Körperwahrnehmung, Emotionsregulierung und die Problemlösungen zuständig sind.  Werden diese Hirnareale «trainiert», können sich kognitive Veränderung, eine grössere Akzeptanz gegenüber Krisen und Problemen sowie eine grössere Grundentspannung einstellen.

Nebst der breiten Forschung in der Medizin, der Psychologie, den Neurowissenschaften, sowie der Kultur- und Sozialwissenschaften, hat sich auch im klinischen Bereich vieles getan, meint Nakamura: Inzwischen gibt es Achtsamkeitsprogramme für Eltern und Kinder, sowie spezifische Programme für Kinder mit Autismus oder ADHS und deren Eltern. In Grossbritannien wird Achtsamkeit gar als ein Schulfach angeboten, und selbst von den Krankenkassen werden die Angebote vermehrt finanziell unterstützt.

Inwiefern die Erkenntnisse aus der Forschung ihren Weg in den Mainstream fanden und wer diese Achtsamkeitswelle angestossen hat, erfährt ihr nächste Woche im zweiten Teil unserer Reihe.

 

 

Bild: cottonbro

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