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«Maybe Jesus was a Woman» – vier Künstlerinnen im Porträt im Film Body of Truth3 min read

27. Mai 2021 3 min read

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«Maybe Jesus was a Woman» – vier Künstlerinnen im Porträt im Film Body of Truth3 min read

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Marina Abramović, Sigalti Landau, Shirin Neshat und Katharina Sieverding. Vier Frauen, vier Geschichten. Obwohl sie alle aus unterschiedlichsten Regionen der Welt stammen, verbindet sie eines: Körper, Fragilität und zugleich die unglaubliche Stärke der Frau. Body Of Truth ist nicht nur ein Dokument von vier Frauen, er zeigt einen neuen, direkten und „entmanly-gazed“ Blick auf Künstlerinnen, ihren Oeuvre und das Frausein.

In letzter Minute renne ich in den Kinosaal im Luzerner Stattkino. Reihe 4, Platz 14. Gedanken im Kopf: Wird das ein schwerer Film? Traurig? Werde ich völlig verstört aus dem Saal laufen? Aber so viel Zeit, um darüber nachzudenken, habe ich gar nicht. Das Licht wird gedimmt, der Film startet, und zwar mit der starken Filmmusik von Christoph Rinnert. Es ist keine zarte oder schwere Melodie. Sie ist beatlastig und erinnert schon fast an einen Sci-Fi Film.

Die Dokumentation beginnt mit den jeweiligen Vergangenheiten der Künstlerinnen. Ihre Kindheiten sind geprägt von Krieg und Revolution, der Erschütterung ihrer Heimat und zerbrochenen Familien. Wir tauchen in die Zwischenphasen und wichtigsten Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend ein. Man erkennt Ähnlichkeiten zwischen den Frauen. Der Zweite Weltkrieg war nämlich einer der grössten Faktoren, welcher die Frauen bewegt, Kunst zu schaffen. Es sind sehr turbulente Jahre, in denen Marina Abramović (Serbien), Shirin Neshat (Iran), Sigalit Landau (Israel) und Katharina Sieverding (Prag/Deutschland) aufwachsen. Sigalit erlebt die Front zwischen Palästina und Israel, Marina die Volksbefreiungsfront der Sozialisten in Serbien, Katharina in Prag den Zweiten Weltkrieg und Shirin die Revolution im Iran. Sie alle tragen Wunden davon. Die Frauen brechen jedoch aus, sind unzufrieden und werden laut. Sie schauen mit direktem Blick auf das Geschehen, statt sich dem zu entziehen. Ja, sie suchen geradezu die Konfrontation und somit die Konfrontation mit uns, den Betrachter:innen. Und dennoch zeigt der Film auch die verletzliche, fragile Seite, das Muttersein und Ängste.

Marina nutzt ihren Körper für ihre Performances, fügt ihm auch Schmerzen zu. Sie sagt: «Um dich vom Schmerz zu befreien, musst du den Schmerz zuerst einmal durchleben.» Währenddessen fotografiert Katharina grossformatig ihre Sujets (vor allem ihr eigenes Gesicht) mit verschiedenen, bewusst angewendeten Effekten der Analogfotografie – wie der Solarisation. Sigalit filmt und performt mit ihrem Körper, arbeitet zugleich aber auch sehr skulptural. Dies, indem sie verschiedene Objekte erschafft, welche durch das Salz des Toten Meeres eine kristallene Hülle bekommen. Shirin arbeitet mit Schwarz-Weiss-Videos und Fotografien, welche sie wunderschön mit persischen Wörtern und Sätzen schmückt und damit Kontraste zwischen Sujet und Wort schafft.

Die Handlungen des Films verweben sich mit der Zeit immer mehr ineinander. Die anfänglich chronologische Struktur löst sich auf und die vier Künstlerinnen greifen mehr und mehr in die Geschichten der anderen ein. Der Film ist clever geschnitten. In einer früheren Version des Filmes hatte er eine zeitlich logischere Struktur, welche dann die Regisseurin Evelyn Schels mit der Cutterin Ulrike Tortora aufbrach und einen anderen, frischen Schnitt in die neue Version reinbrachte. Dieser wirkt dynamisch und frei.

Der Film handelt von mehr als der Kunst der vier Frauen. Er ist ein grundlegender Blick, wie wir die Frau betrachten, wie die Geschichte uns beeinflusst und uns zu dem macht, was wir sind. Der Film stellt uns die Frau endlich als die vor, die sie ist und nicht nur ihre physikalische Erscheinung. Schels sagt selbst: «Wenn eine Frau einen Raum betritt, wird sie zuerst physikalisch wahrgenommen und gewertet, erst danach kommt der Rest.»

Der nischige Film ist ein starker, hoffnungsvoller Film, verschnörkelt und verschönert nichts und ist doch unglaublich schön gestaltet, verwoben mit den Kunstwerken der Künstlerinnen. Die 96 Minuten vergingen im Nu und ich hätte gerne noch mehr über die einzelnen Künstlerinnen erfahren. Das hätte den Rahmen wohl aber gesprengt.

Ich ging weder beklommen noch traurig aus dem Kino. Ich verliess den Saal beflügelt und mit dem (leider zu seltenen) Gedanken: «Wie geil ist es, eine Frau zu sein!»

Check das Kinoprogramm auf: Stattkino.ch