Kolumne Kultur Kunst

KUNST-KARAMBOLAGE – Der Teich fliesst ins Innere der Fondation6 min read

1. Juni 2021 4 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE – Der Teich fliesst ins Innere der Fondation6 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE sind freie, subjektive Texte zu ausgewählten Ausstellungen geschrieben von Aline, Anica und Florian.
Diesmal über die Ausstellung in der Fondation Beyeler «Life»

Offizieller Ausschnitt des Ausstellungstext von Ólafur Elíasson
Ich habe im Laufe der Jahre mehr und mehr Interesse dafür entwickelt, das Leben nicht aus einer menschenzentrierten, sondern aus einer breit angelegten, biozentrischen Perspektive zu betrachten. Beispielsweise habe ich mich dabei beobachtet, wie ich Substantive in Verben verwandle. Wenn ich durch meine Ausstellung gehe, versuche ich zum Beispiel zu baumen, um mir Perspektiven bewusst zu machen, die über das hinausgehen, was wir Menschen uns eigentlich vorstellen können.

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Der Tümpel läuft ins Museum.
Der Tümpel ist ein eckiger Pool.
Er wurde ins Museum erweitert. Ordentlich und sauber eingebettet in die mit Schutzfolie ausgelegten Räume, die vom Innern des Museums nicht betretbar sind.
Der Tümpel ist nicht ins Museum gekommen, er hat sich nur weitergearbeitet (Korrektur: er wurde weitergearbeitet), ohne eine Verbindung aufzubauen.
Der Tümpel scheint giftig
Der Tümpel ist nicht giftig.
Alle Pflanzen in ihm aber tot. Ausser einer einsamen Ente entdecke ich kein einziges Lebewesen.
Die Menschen laufen über Holzstege, es sind solche aus Body-Retreats-Yoga-Baum-Position-Bilderreihen. Absolut gekünstelte Natur-Seelenreinigungsorte, an denen man für ein Mal barfuss über verschiedene Untergründe läuft, weil, weisst du, das ist sehr gut für den Blutkreislauf. Verkleidete Effizienzlogiken klatschen in die Hände.
Dann machen sie Fotos von sich und dem wirklich beeindruckenden Spektakel. Neon ist geil, ich glaube, unsere Zeit heisst Neo-n. N steht für Natur, Nudelsalat, no future oder sonst was. Die Gegenwart ist grell und manchmal auch ein bisschen scheinheilig, Elìasson führt mich und uns und sich selbst wunderbar vor, wie wir glauben, naturverbunden zu sein, während wir einen Spaziergang durch den kultivierten Wald machen. Mit satirischer Präzision betont er unsere Vorstellungen von Frische und dem Zusammenspiel von Kultur und Natur, ob mit Absicht oder nicht, spielt vielleicht nicht einmal eine Rolle.

 

–Aline

 

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Renzo Piano entwarf in den 90er Jahren das Museumsgebäude der Fondation Beyeler. Es sollte ein Ort werden, wo sich Kunst und Natur nahe sind. Auf der einen Seite öffnet sich der Blick zu einem Flusstal, auf der anderen wird das Museum durch dicke Mauern von der Hauptstrasse in Riehen abgeschirmt. Rund um das Gebäude erstreckt sich ein Park mit Bäumen und Skulpturen. Vorne neben dem Eingang wurde ein kleiner Teich angelegt. Bei früheren Ausstellungen sah man neben den Werken im Raum durch die Glasfassade auf das Wasser, welches auf Bodenhöhe der Räume direkt an die Ausstellung anschloss. Regelmässig nutzte das Museum diese Aussicht als Referenz zu den Kunstklassikern ihrer Sammlung.

Bei der aktuellen Ausstellung Life von Ólafur Elíasson ging man noch etwas weiter. Die Glasfassade wurde entfernt und der Teich so angehoben, dass er 8cm über die Böden in den Ausstellungsräumen ragt. Nicht, ohne dass vorher die Böden und Wände bis über diese 8cm Höhe mit 2500 Quadratmeter wasserdichter Folie verschweisst wurden. So holte man den Teich kontrolliert in die Whitecube Räume hinein. Ausserdem belebte Elíasson den eckigen Teich mit diversen Wasserpflanzen und färbte ihn mit Uranin giftgrün. Die Ausstellung kann über einen Holzsteg vom Garten her betreten werden. Man spaziert über den Teich durch die weissen Räume. Ausgestellt wird schlussendlich nicht nur der manipulierte Teich mit seinen Pflanzen, sondern auch die Architektur, die spazierenden Besucher:innen und somit der Dialog zwischen alledem.

Es ist nicht das erste Mal, dass Elíasson den Ausstellungsraum nutzt, um eine Architektur so umzugestalten, dass sich darin nicht nur Menschen, sondern auch Landschaften abspielen sollen. 2014 baute er im Louisiana Museum of Modern Art einen Bach, welcher sich durch die mit Steinen und Erdhaufen gefüllten Räume schlängelte und diese auch durch Höhenunterschiede neu formte. 2001 zeigte er in Bregenz über mehrere Stockwerke verschiedene inszenierte Landschaften, unter anderem auch einen Teich mit Stegen.

Der neuste Elíasson-Teich im Beyeler Museum unterscheidet sich darin, dass er aus dem Raum hinausragt, in den Garten hinein fliesst und durch das gefärbte Grün auffällt. Die Farbe spielt insgesamt eine prominente Rolle in dieser Ausstellung. In der Nacht fluoresziert das Wasser, verstärkt durch ultraviolett leuchtende Lampen. Auf der Homepage des Museums kann man Livestreams schauen, welche das Museum in allen möglichen Farbverzerrungen zeigen. Das macht die Ausstellung sehr Instagram-freundlich. Auf dem Steg wird pausenlos fotografiert.

In einem Video-Intro predigt Elíasson, begleitet von dezenter E-Piano Musik, eine Art popkulturelle Naturverbundenheit. Der Mensch soll mal den Wasserpflanzen die Bühne überlassen. Man solle sich mal in die Perspektive eines Schwimmfarnes hineinversetzen. Schlussendlich gehöre eh alles miteinander zu einem grossen Ganzen und so weiter.

Wichtig sei in der Ausstellung, dass im Museumserlebnis alle möglichen Eindrücke aus der Natur miteinbezogen werden. Gerüche und Geräusche aus der Landschaft sollen ins Museum getragen werden. Nur die Strassengeräusche werden natürlich weiterhin von der fetten Mauer abgefangen.
Unter dem Titel Life sollen sich Menschen, Tiere und Pflanzen begegnen. Als ich über die Stege schlendere und ins Wasser schaue, scheinen mir die Pflanzen aber eher tot als lebendig zu sein. Es wird gemunkelt, die Lüftung im Wasser habe nicht richtig funktioniert.

Übrig bleibt die Farbe und damit der Kitsch.

 

– Florian

 

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Für die Ausstellung Life, in der Fondation Beyeler, entfernte Elíasson die Fenster an einer Seite der Museumsfassade. Auf diese Weise wollte Elìasson, dass Besucher:innen und nahe gelegene Wildtiere zu jeglicher Tages- und Nachtzeit den Raum betreten können. Nachts strahlt eine Kombination aus UV-Licht und dem fluoreszierenden Farbstoff Uranin grelle Farben aus. Die mit Effekten ausgestatteten Kameras liefern immer wieder neue Blicke auf die Installation und Besucher:innen.

Ich bleibe unter dem Einfluss von Elíassons Installation nicht verzaubert, so wie ich es in einigen Texten lese. Diese Ausstellung ist ein ästhetisches Erlebnis, jedoch ist dessen Wirkung sehr viel grösser auf den Bildern in den sozialen Medien. Da wird von der Schönheit und der Zerbrechlichkeit unserer Welt gesprochen. Als ich das Wasser sah, schien es nicht so lebendig wie auf den Bildern, es schaute eher etwas depressiv aus.

Influencer:innen gehen ins Museum und schiessen da ihre Bilder, die sie später auf Instagram veröffentlichen, die Ausstellung jedoch kaum erwähnen. Die Kunst im Hintergrund, der Mensch vorne, das ist irgendwie ironisch, wenn es Elíasson wirklich um die Verschmelzung von Natur und Mensch geht. Die Natur inszenieren, damit sie schön ist oder instagrammable.

Es ist eine Pseudo-Natur, die auf der anderen Seite aber auch keine ungültige Natur ist. Ich glaube zu verstehen, dass Elíasson ein Umdenken des Wesens der Natur versucht anzuregen. Das Zusammenleben von Mensch und Nichtmensch – er sucht nach einem neuen Kollektiv, das Natur und Gesellschaft verschmelzen lässt. Das alles kann ich sehr gut verstehen. Was mich irritiert, ist seine Erzählung dahinter. Mir scheint es so, als ob Elíasson nur optimistische Antworten auf das vorliegende Umweltdilemma hat. Ich frage mich, ob man durch optimistische Antworten Selbstreflexion meidet und so den Wert des Menschen maximiert.

 

– Anica

 

Foto: Mark Niedermann
Installationsansicht, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2021
Courtesy of the artist; neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles
© 2021 Olafur Eliasson