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New Queer Cinema und AIDS – Wie eine Krankheit das Filmschaffen geprägt hat5 min read

13. Juni 2021 4 min read

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New Queer Cinema und AIDS – Wie eine Krankheit das Filmschaffen geprägt hat5 min read

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Die heteronormative Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, ist bis heute dominant. Menschen, welche sich in einem binären Geschlechtersystem nicht zugehörig fühlen, müssen um Respekt und Anerkennung kämpfen. Schockierende Nachrichten von Morden an Transmenschen sind an der Tagesordnung. Über die Annahme der gleichgeschlechtlichen Ehe wird erst diesen September abgestimmt. In diesem Artikel gehen wir der Entstehung des New Queer Cinema und dessen engen Verstrickung mit der in den 1980ern aufkommenden AIDS-Krise auf die Spur.

Die herrschende Heteronormativität

Der Umgang mit der in den 80er Jahren aufkommenden AIDS-Krise wurde beträchtlich durch die herrschende Heteronormativität geprägt. So wurde die Krankheit lange als eine Krankheit der Homosexuellen und Drogensüchtigen angesehen. Die Menschen, welche einer der Randgruppen angehörten, wurden systematisch diskriminiert. Dies geschah offensichtlich aufgrund ihrer Sexualität, Geschlechterzugehörigkeit oder Abhängigkeit.

Die Darstellung der LGBTQ+-Community

Die Queer-Community wurde in den Medien lange – wenn überhaupt – stereotypisch und einseitig dargestellt. Der Mainstream stellte die Menschen inmitten der heteronormativen Gesellschaft dar, sodass sie einfach so nebenbei noch in einer Geschichte vorkamen. Die Darstellung durch Dritte, die gar nicht wussten, wie es ist, sich in einer heteronormativen Gesellschaft mit binärem Geschlechtersystem nicht zugehörig zu fühlen, war sehr realitätsfern. Mit dem in den 90er Jahren aufkommenden New Queer Cinema wurde versucht, jegliche Missstände klarzustellen und Fehlberichterstattungen über stereotypische Darstellungen der Queer-Community auszumerzen. „Queere Lebensgeschichten“ wurden in all ihren Farben und Facetten, Höhen und Tiefen realitätsnah erzählt. Queere Menschen standen vor und hinter der Kamera und machten Filme für die Community.

Wieso die gemeinsame Betrachtung von AIDS und New Queer Cinema?

Das New Queer Cinema entstand inmitten der AIDS-Krise der 1980er Jahre. Die Schriftstellerin und Professorin für Film und Digitale Medien B. Ruby Rich prägte den Begriff New Queer Cinema in einem Artikel von 1992. In diesem Artikel behauptete sie, dass unabhängige Filme, die von und für die Queer-Community gemacht wurden, die an Filmfestivals wie dem Sundance gezeigt wurden, eine radikale Ästhetik benutzten, um Homophobie zu bekämpfen. Ihrer Meinung nach dienten diese Filme auch dazu sich mit dem Trauma der AIDS-Epidemie auseinanderzusetzen und komplizierte queere Subjektivitäten anzusprechen. Nicht zu vergessen ist hier das Einbringen der dringend benötigten Diskussion über Rasse. Rich nannte New Queer Cinema einmal beiläufig „Homo Pomo“, in Anspielung auf die damals aktuellen postmodernen Theorien. Es war ein Stil, der Pastiche und Aneignung bevorzugte und wurde beeinflusst von Kunst, Aktivismus und neuen Entitäten wie Musikvideos. Der Filmprofessor José Arroyo sagte, dass AIDS einen epistemischen Shift in der Gay Culture ausgelöst hatte und New Queer Cinema das Resultat dieses Shifts sei. Aufgrund von AIDS gäbe es New Queer Cinema und es sei AIDS, worum es im New Queer Cinema gehe. Sowohl Rich als auch Arroyo sahen also eine entscheidende Abhängigkeit von New Queer Cinema und AIDS.

Ein Virus „trickst“ das körpereigene Immunsystem aus

AIDS war vor allem störend aufgrund der Art der Krankheit, welche das Virus verursachte. Das Virus „trickst“ sozusagen das körpereigene Immunsystem aus. Körperfremde Zellen können nicht mehr von körpereigenen unterschieden werden. In den Filmen des New Queer Cinema werden genau diese störenden Faktoren, welche das Virus mit sich bringt, repräsentiert. ACT UP (the Coalition to Unleash Power) ahmte die Störung und die Unruhe mit dem Aufkommen des retroviralen HI-Virus nach. Menschen machten selber Videos, welche eine andere Seite davon zeigten, wie es ist, mit AIDS zu leben.

AIDS-Aktivismus und New Queer Cinema

AIDS und der aufkommende Aktivismus fielen mit der neuen Videotechnologie zusammen. Die Produktion alternativer AIDS-Medien wurde so durch die Verfügbarkeit relativ zuträglicher Videoausrüstung ermöglicht. Zuerst wurden mit den Videos vor allem AIDS-Demonstrationen dokumentiert, später dann ganze Lebensgeschichten aufgezeigt. Das Medium Video half dabei, für seine Rechte einzustehen. Mit bewegtem Bildmaterial konnten Lücken gefüllt werden, welche das öffentliche Gesundheitssystem in Sachen Aufklärung hinterliess. Die Videos verbreiteten nicht nur Informationen zur Übertragung von HIV, sondern auch darüber, wie entrechtete Betroffene Gesundheitsversorgung und andere Leistungen erhalten und wie sie für ihre Rechte eintreten konnten. Warum reagierte der Aktivismus in dieser Form und/oder demonstrierte nicht zusätzlich, betrieb Lobbyarbeit und verteilte Flugblätter? Für Monica B. Pearl, die Autorin des Buches AIDS Literature and Gay Identity: The Literature of Loss, war die Reichweite und die realitätsnahe Darstellung, die durch die Videotechnologie ermöglicht wurde, ein Grund dafür. Die Verschmelzung der beiden Elemente konstituierte sich laut Pearl auch wörtlich: dem Videoaktivismus.

Was macht nun New Queer Cinema?

Es versucht, die Verantwortung der Gesellschaft für all ihre Mitmenschen zu hinterfragen, umzuschreiben und neu zuzuordnen. Ähnlich wie die ursprünglichen aktivistischen AIDS-Videos, die darauf abzielten, die armseligen, zögerlichen und falschen Darstellungen im Fernsehen zu korrigieren, zu ergänzen oder zu politisieren. New Queer Cinema versucht nicht nur Verantwortung neu zuzuordnen, sondern auch der Verwüstung durch AIDS entgegenzuwirken. New Queer Cinema versucht laut Monica B. Pearl nicht den Tod zu kontrollieren, sondern die Geschichte. Es ist ein Weg, Kontrolle über Zeit und Ereignisse zu beanspruchen, wie man es angesichts des katastrophalen Ausgangs der AIDS-Krise gerne hätte. Die Art und Weise, mit New Queer Cinema Geschichten zu erzählen, ist ein Versuch, dem sinnlosen Tod eine Bedeutung und eine Ästhetik zu geben.

Zieht euch „Paris is Burning“ und „Pose“ rein

„Pose“ spielt in den Jahren 1987 und 1988 in New York City. In einer Zeit, in welcher die amerikanische Mittelschicht tief im Trend der Konsumkultur steckt, während die LGBTQI+-Communities der HIV/AIDS-Pandemie ausgeliefert sind. In den Fokus der Serie gelangt die Subkultur der Ballroom-Szene, welche als Zuflucht für Menschen gilt, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Zuordnung von der Gesellschaft ausgestossen wurden. Inspiriert wurden Ryan Murphy, Brad Falchuk und Steven Canals, die drei Macher der Serie, vom berühmten Dokumentarfilm „Paris is Burning“, der im Jahr 1990 von Jennie Livingston geschaffen wurde. Der Film umrahmt die Subkultur der Ballroom-Szene von 1986 bis 1989, setzt den Fokus auf die afro- und lateinamerikanische LGBTQI+-Community und veranschaulicht die Intersektionalität von Rasse, Klasse, Geschlecht und Sexualität in dieser Zeit.

Die Serie „Pose“ findet ihr auf Netflix und „Paris is Buring“ lässt sich auf youtube streamen.

Ich gebe für beide Produktionen Triggerwahrnungen, da darin Gewalt für die LGBTQI+-Community etwas Alltägliches ist, dem sie ausgesetzt ist.

 

Bild: Steve Johnson auf pexels