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Ökonom Thorsten Hens im Interview: «Das ist eine unwiderstehliche Kraft: Die Illusion, ohne Arbeit schnell reich zu werden.»7 min read

14. Juni 2021 5 min read

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Ökonom Thorsten Hens im Interview: «Das ist eine unwiderstehliche Kraft: Die Illusion, ohne Arbeit schnell reich zu werden.»7 min read

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Am Finanzmarkt suchen vermehrt junge Trader den schnellen Reichtum. Ihr Wissen sammeln sie auf TikTok und in Youtube-Videos. Im gleichen Atemzug protestieren tausende Jugendliche an Streiks für eine Neuausrichtung der Wirtschaft. Ist nachhaltiges Denken und Investieren miteinander vereinbar? Wir haben einen Professor für Finanzwirtschaft über die aktuelle Lage befragt.

Maurice Koepfli: Herr Hens, seit Beginn der Pandemie erfreuen sich Finanzdienstleistungsunternehmen wie RobinHood oder Swissquote über einen grossen Kundenzuwachs. Die Onlinebörsenhändler werben oft mit dem gleichen Narrativ: Jeder kann traden, ganz einfach von zu Hause aus. Sie selbst unterrichten an der Universität Luzern die Vorlesung Financial Markets. Freuen sie sich über das wachsende gesellschaftliche Interesse an ihrem Fach?

Thorsten Hens: Ja – das freut mich! Nur mit der Börse – nicht gegen sie — kann man langfristig Vermögen aufbauen. Während die ältere Generation den Finanzmarkt kaum aktiv «bespielt» hat, gibt es nun eine neue Generation von Tradern am Finanzmarkt, die Millennials. Diese sind mit Computerspielen aufgewachsen und interessieren sich nun verstärkt auch für die Börse. Es ist schön, dass sie ohne Tabus traden – aber sie müssen noch den Unterschied zwischen Spiel und Realität begreifen.

MK: Auf YouTube gibt es mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum unzählige Finanzkanäle. Mit Titeln wie «Was ist ein ETF» oder «Investieren lernen» wird der Inhalt zugänglich und einfach präsentiert. Kann man durch diese fünf Minuten Video schauen tiefes Wissen über den Finanzmarkt erlangen oder kratzt man hier einfach nur an der Oberfläche?

TH: Auch das finde ich eine gute Entwicklung. Die junge Generation ist über Bücher kaum noch zu erreichen. Für sie zählen Videos mehr, da sie an YouTube, instagram und Tiktok gewöhnt sind. Leider fehlt aber im Internet eine Qualitätskontrolle. Da wird auch viel Unsinn verbreitet. Ich würde die Onlinekurse von Coursera empfehlen, statt jedem selbsternannten Investment Guru zu folgen.

«Die junge Generation ist über Bücher kaum noch zu erreichen.»

MK: Anders als im klassischen Lehrbuch wird in solchen Videos oft bewusst auf schwierige mathematische Formeln verzichtet. Hat die Mathematisierung der Wirtschaft das Fach unnötig verkompliziert?

TH: Hier muss man zwischen Wissenschaft und Didaktik unterscheiden. Die Wissenschaft braucht die Mathematik – aber man kann die Ergebnisse der Wissenschaft auch ohne Mathematik erklären.

MK: In Onlinevideos wird oft das passive Investieren angepriesen. Zum Beispiel durch den Kauf eines Indexfonds, der die Weltwirtschaft abbildet. Diese Form von investieren soll gerade für junge Menschen ideal sein, da es wenig Zeit in Anspruch nimmt und man nebenbei ein Studium oder eine Lehre absolvieren kann. Die Argumentation ist einfach und schlüssig: Die Weltwirtschaft wird wachsen, weil sie immer gewachsen ist. Investiere langfristig in die Welt und du wirst eine positive Rendite erhalten. Ist dies nicht zu einfach, um wahr zu sein?

TH: Nein – das ist wirklich so. Nur verdient die Finanzindustrie nicht genug an den passiven Produkten und kreiert dann lieber aktive Produkte. Letztere sind für Spezialisten besser. Aber zum Einstieg würde auch ich einen Welt-ETF empfehlen.

MK: Abseits der Onlinebörsen steht das sogenannte «kapitalistische Wirtschaftssystem» vermehrt unter Kritik. Soziale Bewegungen wie Fridays for Future oder der Feministische Streik sehen in der Wirtschaft den Urgrund für viele der heutigen gesellschaftlichen Probleme. Fühlen sie sich als Professor für Financial Markets von solchen Anschuldigungen missverstanden?

TH: Nein, das kapitalistische Wirtschaftssystem hat Vor- und Nachteile. Es ist gut, darüber offen – d.h. undogmatisch – zu diskutieren. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat schon viele gute Sachen vollbracht. Zum Beispiel Milliarden Menschen aus der Armutsfalle geführt – Beispiel China. Ich denke, man sollte es auch nutzen, die Umweltprobleme zu lösen. Es ist 5 vor 12. Auf die Politik können wir uns nun nicht mehr verlassen, wie die Abstimmungsresultate von heute (13.6.21) wiedermal gezeigt haben. Starke finanzielle Anreize, die im kapitalistischen System Innovationen belohnen, führen weiter, das hat die Suche nach einem Corona-Impfstoff auch gerade wieder gezeigt. Und Tesla wäre in einer staatlich gesteuerten Wirtschaft auch nicht so schnell gewachsen.

«Es ist 5 vor 12. Auf die Politik können wir uns nun nicht mehr verlassen, wie die Abstimmungsresultate von heute (13.6.21) wiedermal gezeigt haben.»

MK: Bleiben wir bei der Kritik am Status Quo. Diesen möchten nämlich die Fans von Kryptowährungen gerne verändern. Geht es nach ihnen, hat das Bankensystem bald ausgedient. Wie im Goldrausch wird der «Kauf der Zukunft» angepriesen. Was halten sie von diesen digitalen Coins, die sich gerade bei jungen Menschen über eine hohe Beliebtheit erfreuen?

TH: In der Tat begann die Cryptorevolution spektakulär. Satoschi Nakamoto, wer auch immer das sein mag, hat uns gezeigt, wie man auch ohne Banken sicher bezahlen kann. Aber dann hat die Spekulation von gierigen Neulingen am Finanzmarkt die Schwächen seiner Idee offenbart. Bitcoins sind für Zahlungen unbrauchbar, da sie zu volatil sind. Letztlich werden «kastrierte» Cryptowährungen gewinnen. D.h. solche, die an eine Leitwährung gekoppelt sind, wie zum Beispiel der Diem von Facebook, der an den Dollar gekoppelt ist.

MK: Gekauft werden die digitalen Währungen oft mit dem Gedanken, mittels Preisschwankungen Profite zu erzielen. Nach Lehrbuch deutet ein solches Kaufverhalten auf eine Blasenbildung hin. Wieso investieren so viele Menschen dennoch ihr Geld in Kryptowährungen?

TH: Das ist eine unwiderstehliche Kraft: die Illusion ohne Arbeit schnell reich zu werden. Das kann natürlich nicht für alle funktionieren. Die, die kaufen, kurz bevor die Blase platzt, zahlen die Zeche.

MK: Der dezentrale Aufbau von Kryptowährungen wird oft als grosser Pluspunkt gegen das sogenannte neoliberale kapitalistische Bankenwesen aufgeführt. Gleichzeitig beziehen sich viele Kryptofans auf Friedrich August von Hayek, ein liberaler Denker der österreichischen Schule. Steckt in der Forderung nach einer dezentralisierten Währung und der gleichzeitigen Kritik am neoliberalen Mainstream nicht ein Widerspruch?

TH: Ja – Hayek stand mit seinen Ansichten meist «auf der rechten Seite» der Politik. Dies war aber nicht seine Ideologie, sondern die «Rechten» haben seine Erkenntnisse für sich genutzt. Nun ist das mal andersherum. Seine Ideen werden gegen das kapitalistische Bankenwesen ins Feld geführt. Aber lassen wir mal die Politik. Hayeks Idee war überall – auch bei den Währungen – staatliche Monopole durch Wettbewerb zu ersetzen. Schon lange bevor es Zentralbanken gab – also vor Hayek selbst, ist der Währungswettbewerb gescheitert und die tausenden Cryptocurrencies, die es nun gibt, zeigen, dass die Idee auch heute noch scheitert. Eine Währung braucht Vertrauen und deshalb gewisse «Markteintrittsbarrieren». Wenn jeder jederzeit eine neue Währung auf den Markt bringen kann, gibt es Chaos.

«Schon lange bevor es Zentralbanken gab – also vor Hayek selbst, ist der Währungswettbewerb gescheitert und die tausenden Cryptocurrencies, die es nun gibt, zeigen, dass die Idee auch heute noch scheitert.»

MK: Angenommen, ich möchte nur nachhaltige Produkte fördern und mein Geld soll weder in autoritäre Regime, noch in Rohstoffkonzerne oder Kriegsmaterial fliessen. Des Weiteren interessiere ich mich für gemeinnützige Projekte. Kann ich mit solchen Ansprüchen am Finanzmarkt teilnehmen?

TH: Sicherlich – da hilft der Finanzmarkt besser weiter als die Politik, die zum Beispiel beim Kriegsmaterial ja immer auch abwägt, ob ein Exportverbot Arbeitsplätze und damit Wählerstimmen kostet. Am Finanzmarkt gibt es nun Nachhaltigkeitsratings, die solche Geschäfte offenlegen, sodass die Anleger genau überlegen können, wem sie für was Geld geben. Dieses Thema kann man übrigens auch wieder mit ETFS abbilden.

MK: Zum Schluss: Was würden sie einer Person raten, die sich noch in Ausbildung befindet und sich gleichzeitig mit dem Finanzmarkt auseinandersetzten möchte? Haben sie eine Buchempfehlung? Oder doch lieber «All In» in Dodge Coin?

TH: Dodge Coin ist ein Witz! Ein super Buch für junge Leser hat gerade Christoph R. Kanzler geschrieben. Er war jahrzehntelang bei einem der grössten aktiven Fonds dieser Welt und hat dann in der Midlife Crisis gesehen, dass man so die jungen Leute nicht erreicht. Er kennt das Anlagegeschäft von innen und aussen und hat nun in seinem Buch «Selfmade-Aktionär: Warum der Kapitalmarkt dein Freund ist» Klartext geschrieben.

Zur Person:
Thorsten Hens, geboren 1961, ist Swiss Finance Institut Professor für Finanzwirtschaft
am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Des Weiteren ist er ausser-
ordentlicher Professor für Finanzen an der Norwegischen Handelshochschule. Seit 2016
ist Hens ständiger Gastprofessor im Bereich Financial Marktes an der Universität Luzern.

 

Foto von Anna Nekrashevich von Pexels