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When it’s not okay to be gay: Die Vermarktung von Boybands5 min read

23. Juni 2021 3 min read

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When it’s not okay to be gay: Die Vermarktung von Boybands5 min read

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Ob Backstreet Boys, *NSYNC oder One Direction: Boybands sind seit den Jahrzehnten ein Phänomen, dessen Marketing sich besonders auf junge Mädchen fokussiert. Doch was, wenn die Bandmitglieder der für sie vorgesehenen «Heartthrob»-Rolle nicht entsprechen können? Über die Vermarktung von Boybands und wie sie Mitgliedern der LGBTQ+ Community schadet.

Jung, weiblich, kreischend und weinend: So stellt man sich bis heute den stereotypischen Boyband-Fan vor. Für Mitglieder einer Fangemeinde kann dies sehr schwierig sein, denn vor allem junge Frauen werden in ihren Interessen oftmals nicht ernst genommen. Und dies, obwohl ihr Verhalten oftmals nicht von dem männlicher, erwachsener Fussballfans abweicht. Doch diese Stereotypisierung schadet nicht nur den Fans.

Die Vermarktung von Menschen

Mit jungen Mädchen als Zielgruppe müssen Bandmitglieder auch deren angeblichen Vorstellungen entsprechen: Ein gut aussehender, witziger Junge von nebenan, der in erster Linie erreichbar ist. Besonders in Zeiten von Social Media scheint Erreichbarkeit essentiell.

Erreichbarkeit zeichnet sich durch die Veröffentlichung von regelmässigem und authentischem Content aus. Dieser gibt den Fans das Gefühl ihre Idole besser zu kennen und sich auch mit ihnen identifizieren zu können. Dadurch erscheinen Promis als bodenständig und «normal».

In einem Gespräch mit Timotée Chalamet erzählte Harry Styles, ehemaliges Mitglied von One Direction, dass er am Anfang seiner Karriere dazu ermutigt wurde, auf den Sozialen Medien so viel wie möglich preiszugeben. Mittlerweile habe er gelernt, die Arbeit vom Rest des Lebens zu trennen und erkenne, dass es Dinge gibt, die man mit niemandem teilen muss.

Wem die ausgeprägte Social-Media-Präsenz der Boybanders nicht reichte, konnte die Mitglieder von One Direction auch in Form von Zahnbürsten, T-Shirts, Parfums bis hin zu Pappfiguren und Autos in seinen Alltag einbauen. Meet and Greets waren vor jedem Konzert gang und gäbe und Superfans konnten Tickets zu Spezialevents, wie ein Tag in den Universal Studios mit One Direction, gewinnen.

Unterstrichen wurde das Ganz schlussendlich mit Songtexten und Musikvideos, mit welchen die Fans sich angesprochen fühlen sollten. So stellten Texte wie «You still have to squeeze into your jeans but you’re perfect to me» und «I speak a different language but I still hear you call» sicher, dass sich jeder Fan mit der Musik identifizieren kann.

One Direction ist ein ausgezeichnetes Beispiel, wie Boybands und deren Mitglieder vermarktet und verkauft werden. Doch diese Strategie führte nicht selten dazu, dass Bandmitglieder überzeugt waren, ihre Sexualität gefährde ihre Erreichbarkeit und den angeblich damit verbundenen Erfolg der Band.

Die Angst vor dem Outing

Wobei es bei den Mitgliedern One Direction bis heute nur um Gerüchte handelt, sieht es bei Lance Bass, ehemaligem Mitglied von *NSYNC, anders aus: Vier Jahre nach dem die Band sich auflöste, outete sich Bass als schwul. Letztes Jahr erzählt er The Hollywood Reporter, dass er aufgrund seiner Erziehung überzeugt war, dass seine Homosexualität etwas sei, das er für immer verstecken müsse. Vor allem als sich die Band auf ihrem Höhepunkt befand, war Bass sich sicher, dass ein Outing das Ende seiner Karriere bedeuten würde.

So ging es auch George Shelley. Der ehemalige Sänger von Union J outete sich zwei Jahre nach dem er die Band verlassen hatte. In einem Gespräch für die Gay Times erzählte er Sir Ian McKellen von seinen Erfahrungen als schwules Mitglied einer Boyband: Sein Bandkollege Jaymi Hensley war bereits als Mitglied der LGBTQ+ Community bekannt. Aber aufgrund der Situation, in der Shelley sich befand – in der Öffentlichkeit stehend mit dem Ziel, Platten zu verkaufen, die sich an junge Mädchen richteten – wurde er im Glauben gelassen, dass ein weiteres Coming-Out würde die Karriere der Band gefährden würde. Dies durch die Dinge, die ihm gesagt wurden, und der Art und Weise, wie er konditioniert wurde.

Jemand, der sich während seiner Zeit in einer Boyband outete, ist Markus Feehily. Er war damals Mitglied der Band Westlife. 2015 war er zu Gast in der britischen Talkshow Loose Women. Auf die Frage, ob er sich von der Musik-Branche unter Druck gestellt fühlte, den jungen weiblichen Fans zu entsprechen, antwortete Feehily wie folgt: «Ich habe viele Geschichten von Leuten aus der Branche, die ich gut kenne, gehört. Ihr Management meinte, obwohl es von ihrer Homosexualität wusste, sie sollen nichts dazu sagen. Nicht ja, nicht nein, sie sollen einfach nichts sagen. Leuten wird gesagt, sie sollen sich verstecken. Mir wurde das aber nie gesagt.»

Und eigentlich ist es allen egal

Mitglieder der LGBTQ+ Community fürchten sich meistens vor den Reaktionen ihres Umfeldes im Falle eines Outings. Bei queeren Menschen, welche in der Öffentlichkeit stehen, weitet sich diese Angst auf die Reaktionen von Menschen auf der ganzen Welt aus. Doch die Erfahrungen dieser Boybandmitgliedern zeigt: Ihre Ängste waren unbegründet.

Nach dem Coming Out von Markus Feehily veröffentlichte Westlife ihre Single «You Raise Me Up», welche zu ihrem erfolgreichsten Song wurde. Lance Bass erzählte, dass es seinen ehemaligen Bandkollegen komplett egal war, dass er schwul ist. Sie hätten sich nur gewünscht, dass er in der Band sich selbst hätte sein können.

Boybands werden oftmals als Geldmaschinen angesehen und man vergisst, dass dahinter tatsächlich Menschen stecken. Dass sie ihr Coming-Out als gefährlich aneinschätzen wird auch Schuld an äusseren Einflüssen finden. Zeitgemäss ist diese Einstellung jedoch seit langem nicht mehr. So würde es vielen jungen Mitgliedern der LGBTQ+ Community helfen, Idole zu haben, die sie repräsentieren und mit denen sie sich identifizieren können. So ist Zugehörigkeit doch etwas schöneres als scheinbare Erreichbarkeit.

 

Foto: Unbekannt