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«Wir hatten nie wirklich Zeit, uns mit dem digitalen Wandel zu beschäftigen» – Im Gespräch mit Fernando Obieta11 min read

27. Juni 2021 8 min read

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«Wir hatten nie wirklich Zeit, uns mit dem digitalen Wandel zu beschäftigen» – Im Gespräch mit Fernando Obieta11 min read

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Es ist ein sonniger Donnerstagabend, Fernando Obieta und ich treffen uns vor seinem Atelier bei der Gleiserei in Winterthur. Ein reges Gespräch über Irritationen, einer neuen Theorie und den Grenzen des Designs entsteht.

Wie beginnst du ein Projekt? Mit welchen Mitteln?
Also ich sitze nie hin und starte dann ein Projekt. Was bei mir der auslösende Faktor ist, sind technische Irritationen, welche ich sehe. Ich bin Designer und Programmierer, da werde ich mit Dingen konfrontiert, welche ich nicht verstehe. Das macht mich neugierig. Dies kann ein technischer oder auch einen gesellschaftlichen Umstand sein, welcher mich dann beschäftigt.

Was wäre eine technische Irritation?
Ich nehm mal als Beispiel eines meiner ersten grösseren Kunstprojekte: Youtube hat keine Sortierfunktion nach Views, man kann nur nach Beliebtheit sortieren. Laut den Statistiken werden pro Minute hunderte von Stunden an Videomaterial hochgeladen. Die meisten von denen werden ja nicht viral gehen oder gar gesehen. Da habe ich mich gefragt, ob es Videos gibt mit null Views. Mit meinem Kollegen Gregor Vogel habe ich dies dann diskutiert, wir fragten uns, was Videos mit null Views sind und wie man diese findet. Es gab schon vorher Projekte, in denen Menschen nach solchen Videos gesucht haben, aber dies waren dann Videos mit wenig und nicht ohne Views. Aber irgendwo müssen ja diese Videos mit null Views sein. Null bedeutet darum, dass das Video nicht einmal von der Person, welche es hochgeladen hat, angeschaut wurde. Du kriegst einen View, wenn du dir dein Video selbst anschaust. De facto habe ich dann einen Algorithmus geschrieben, also ein Programm, welches über viele Umwege es geschafft hat, diese Videos zu finden. Tatsächlich habe ich dann abertausende Videos mit null Views gefunden. Diese habe ich dann gemeinsam mit Gregor angeschaut und wir dachten uns, dies könnte man eigentlich in eine Installation packen.
Und so gehe ich praktisch jedes Projekt an, ich sehe eine Irritation und versuche diese auseinanderzunehmen, zerteilen und zu inspizieren. Manchmal bleibt danach die Irritation und ich arbeite diese heraus um sie deutlicher darzustellen.
Es gibt aber verschiedenste Irritationen: Instagram, Text-Messaging, Plattformen, welche eine andere Art der Kommunikation haben.

Was ist mit Text-Messaging?
Ich war immer fasziniert von Computern und bastelte schon als Kind an ihnen herum, jedoch von der Klasse einer der Letzten, welcher dann ein Handy hatte. Die Art, wie man mit SMS kommuniziert, hat mich einfach verwirrt. Natürlich schreibe ich schon lange auch so, wie alle anderen, man beginnt sich diese Schreibweise anzueignen. Aber ich finde es trotzdem irritierend. SMS ist eigentlich nah am E-Mail. Es ist elektronisch, auf eine standardisierte Form gebracht und du schickst es einem Empfänger oder einer Empfängerin. Beim SMS nutzen Menschen aber ganz andere Formen, wie man schreibt. Dort gibt es weniger und andere Konformitäten. SMS nutzen wir wie die direkte Rede, was jedoch niemals die direkte gesprochene Rede ersetzten kann. Da fehlt so viel. Deshalb passieren ja auch so viele Irritationen und Missverständnisse. Text-Messaging hat sich so verändert zudem was es ist, wegen der Gesellschaft. Kurz und bündig, nicht zu viel Zeit dafür aufwenden und deshalb mit möglichst wenigen Zeichen. Zudem kannst du eine Frage stellen und, prinzipiell, erst ein Jahr später die Antwort erhalten. In real geht das nicht, da hast du meist eine unmittelbare Antwort. Wir sind zwar unmittelbar erreichbar, müssen aber nicht unmittelbar antworten. Und dies hat auch etwas mit einer Verbindlichkeit zu tun, die sich verändert.

Wie siehst du denn heutige digitale Medien?
Zu einem guten Teil bin ich, obwohl ich erst mit fünfzehn ein Handy hatte, dennoch damit aufgewachsen. Klar, ich hatte auch noch die Zeit der Kassetten gelebt. Was mir aber auffällt, ist diese irrsinnige Beschleunigung, ein Tempo, welches auch einen Stress auslöst und irgendwie auch eine Art Entfremdung vom eigentlichen Inhalt zum Medium. Seit es die digitalen Medien gibt, seit den Nullerjahren, hatten wir gar nie wirklich Zeit gehabt, uns mit diesem Wandel zu beschäftigen. Nur schon Facebook alleine hat sich in dieser Zeit in seiner Nutzung als Plattform zigmal verändert. Früher hatten Philosoph*innen viel mehr Zeit zu hinterfragen, was zum Beispiel ein Brief ist, wie er geschrieben wird, was seine Geste ist… Das Medium hat sich langsamer verändert und entwickelt. Wie die eigene Position dazu ist, kann man sich gar nicht mehr richtig fragen heute.

Was deine Position dazu ist oder allgemein?
Allgemein. Du kannst dich heute auch gar nicht mehr von der Digitalisierung abwenden. Eine Abwendung bedeutet auch eine Abwendung von Teilen der Gesellschaft. Es ist heute eine Erwartungshaltung und eine Abhängigkeit gegenüber den digitalen Medien da. So bietet es weniger Raum zur Reflexion. Deshalb mache ich auch meine Kunst, um einen Raum zur Reflexion zu eröffnen und Fragen zu stellen, ohne zu werten.

Das stimmt, zum Teil ist man auch schon so eingefleischt, dass man gar nicht mehr richtig versteht, was man eigentlich macht und was es mit einem persönlich macht.
Genau! Zudem formen Digitalen Medien auch extrem unseren Blick. Dennoch, was Medien mit uns machen, ist eine Frage, welche sich viele Philosoph*innen schon lange stellen. Wir nehmen die Welt ja auch durch die Medien wahr.

Findest du, dass sich die Art, wie wir heute real kommunizieren, sich durch digitale Medien verändert hat?
Definitiv. Ich meine seit dem Moment, wo wir in unserem Sprachgebrauch zum Beispiel lol begonnen haben zu sagen, wird es offensichtlich. Digitale Medien verändern aktiv und haben einen grossen Einfluss. Und nicht nur die Art der Kommunikation, auch die Gesellschaft, Beziehungen, es verändert sich sehr, wie wir im Allgemeinen miteinander interagieren. Jedoch nicht nur negativ. Früher hattest du in deinem Dorf nur Kontakt zu denen, die dort waren und da musstest du dich damit arrangieren, dass du es gut mit denen hast. Auch wenn du links und offen warst in einem bünzligen kleinen Dorf. Heutzutage kannst du dich mit Menschen aus der ganzen Welt austauschen und Freundschaften schliessen, ohne dass du sogar gross verreisen musst, dank den digitalen Medien.

Siehst du auch andere Tendenzen, welche dir auffallen?
Ich glaube sicherlich vor allem die schon vorher erwähnte Geschwindigkeit. Und auch wie viele Beziehungen wir führen. Nicht nur Liebesbeziehungen, sondern allgemein, mit wie vielen Menschen wir interagieren. Ich meine vor nicht einmal 100 Jahren hast du einfach die Menschen aus deinem meist unmittelbaren Umfeld gekannt. Diese Diversität ist sehr schön, aber bringt auch mit sich, dass wir deshalb weniger verbindlich werden und uns in unseren Bubbles beginnen mehr zu verkriechen. Man umgibt sich mehr nur mit den Menschen, mit gleicher Haltung. Die digitalen Medien fördern dies ungemein. Dies ist auch das Ziel des letzten Streitfestivals im Winkel, in dem ich auch ein Werk ausstellen durfte. Es wirft die Frage auf, ob wir diese Diversität wollen oder uns nur mit den gleichen Menschen umgeben möchten.

Bist du denn schon an Grenzen gestossen bei einem Projekt? Technische?
Also technische Grenzen die ganze Zeit. Ich kann dir sagen, dass es heutzutage sehr wahrscheinlich keinen Menschen mehr gibt, welcher einen Computer zu 100 Prozent versteht. Es geht einfach nicht mehr, die Komplexität ist viel zu hoch. Meine Projekte kratzen nur an der Oberfläche des technisch Möglichen, da gibt es Menschen, die befassen sich mit noch viel Komplexerem.
Persönlich bin ich auch schon an Grenzen gestossen, durch Projekte, welche sehr nah gingen, da es eine gewisse Überforderung dann gab, durch die Reaktionen, welche bei den Betrachter*innen durch ein Werk ausgelöst wurden. Vor allem meine Bachelorarbeit «Raum der Konfrontation», war ein grosser Wendepunkt in meinem Schaffen. Wir — Claudio Rainolter und ich — stellten uns dort die Frage wie weit Design gehen kann und ob man einen Service entwickeln könnte, der zur Selbstreflexion anregt. Wir haben dann ein Critical Design Projekt gestartet, welches unglaubliche Reaktionen auslöste bei den Teilnehmer*innen. Wir wollten mit diesem Projekt aufzeigen, dass das Design eine Grenze hat. Jedoch löste der Raum der Konfrontation die umgekehrte Reaktion aus: dass die Mehrheit der Testpersonen diesen Service nutzen würden, wenn er in real existieren würde. Dies hatte uns persönlich überfordert, da wir überhaupt nicht darauf vorbereitet waren. Schlussendlich wurde nicht das Design an sich kritisiert, sondern wir, als Designer. Deshalb stelle ich mir auch immer wieder ein paar Fragen, bevor ich ein Projekt realisiere: Welche Reaktionen könnte dies auslösen? Wie wird das verstanden werden? Zu welchen Implikationen kann dies führen?

Das ist ein interessanter Plot-Twist!
Ja, ein Plot-Twist! Wir haben aber unglaublich viel aus diesem Projekt gelernt. Es ist nun etwa drei Jahre her und ich erinnere mich immer noch daran. Ich denke zudem auch mehr über die Vorgehensweise in der Disziplin des Designs nach und wie unbeholfen manchmal die Gestalter*innen (darunter Designer*innen, Programmierer*innen, Architekt*innen, etc.) arbeiten, ohne sich viel dabei zu überlegen, was ihr gestaltetes Produkt bei einem Menschen auslösen könnte. Ein einfaches Beispiel wäre ein online Formular auf Facebook. Dort muss man sein Geschlecht als Mann oder Frau angeben. Sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen, kann Menschen, welche sich dem nicht zuordnen können, ausschliessen und diskriminieren, da Facebook somit eine streng normative und binäre Auswahl gibt. Und das ist nur ein kleines Beispiel eines Facebook Formular. Aber diese Vorurteile, welche von der Gesellschaft auf digitalen Medien reproduziert werden, können sich dann plötzlich in eine unglaubliche Grösse skalieren. Es reproduziert eigentlich die Diskriminierungen in der Gesellschaft durch digitale Medien.

Kann Kunst dem entgegenwirken?
In der Gesellschaft haben wir verschiedene Mittel, um Dinge kritisch zu hinterfragen. Wir haben Geistes- und Sozialwissenschaften, Journalismus und dann eben noch die Kunst. Die Kunst erlaubt eine gewisse Tiefe, darf naive Fragen stellen und Sachverhalte in einen neuen Kontext setzten. Sich zu fragen, was ist mit dem? Wohin führt das? Einen Diskurs zu starten. Sie muss nicht aufzuklären, sie darf — sie soll einen Reflexionsraum öffnen. Ich finde diesen Raum dürfen und sollen Künstler*innen beanspruchen, um normative gesellschaftliche Grundsätze und Prozesse zu hinterfragen.

Gibt es Künstler*innen welche dich inspirieren?
Da gibt es vor allem eine Gruppe, welche mich unglaublich inspiriert, die «!Mediengruppe Bitnik». Sie sind sehr aktuell, machen spannende und kritische Projekte. Und befassen sich mit ähnlichen Themen, mit denen ich mich auch befasse. Und dann sind es vor allem einzelne Projekte, welche mich faszinieren.

Wie bist du auf die Idee der Formalisierung gekommen? Was verstehst du überhaupt darunter?
Dies ist eine Theorie, welche ich seit vier Jahren am Entwickeln bin. Wir haben bestimmte Begriffe im Design, mit welchen wir arbeiten. Wir sprechen immer von Artefakten, weil nicht alles, was wir gestalten, physische Gegenstände sind, es können auch online Services sein. Hier stellt sich die Frage, wie dieses Artefakt in Relation zum Menschen steht. Wir designen also als Designer*innen Artefakte. Wir haben aber kein Wort, um den Prozess des designen, bis wir zum Artefakt überhaupt gelangen, zu Beschreiben. Der Mensch denkt sich meist bei etwas, was gestaltet wurde, dass dies alles komplett durchdacht und überlegt sei. Das kann aber nicht stimmen. Es ist nicht rational in dem Sinne, da viele Vorstellungen in einem Designprozess mit einfliessen. Wie der oder die Designer*in über die Welt denkt, auch gewisse Vorurteile fliessen mit rein in die Art der Gestaltung. Was ist absichtlich? Was nicht? Diese Artefakte sind meist sehr normativ. So wie die Meinung, dass es nur Mann und Frau gibt. Das ist eine Meinung. Aber wenn diese Meinung dann in den Designprozess mit hinein fliest, ändert es das Produkt massgeblich. Wie eben das Facebook-Formular, wo du ankreuzen musst, ob du Mann oder Frau bist. Und ab da wird es problematisch. Es wird als einen fixen Wert angeschaut, dass dies die Norm ist. Und die Formalisierung soll als Begrifflichkeit dienen, um sich darüber Gedanken zu machen, aufzuzeigen, wie verurteilend Design sein kann und mit welcher Klarheit und auch gewisser Arroganz Dinge gestaltet werden, welche dann für allgemeingültig erklärt werden. Hier möchte ich den Prozess des Designens mit dem sehr reflexiven Prozess der Kunst in einen Vergleich setzten. Was kann man davon lernen?

Und zum Schluss, was ist das grösste Plus und Minus von digitalen Medien?
Wissenstransfer. Dies ist ein wunderschönes Plus. Ich meine, schauen wir Wikipedia an – welches auch irrsinnig viele Probleme hat – bietet es diese grosse Plattform an Wissen an, was wir früher schlicht und einfach nicht hatten. Das grösste Minus ist genau dasselbe. Wir haben zwar unglaublich viele Optionen und Möglichkeiten, welche jedoch nur von wenigen bestimmt werden und somit auch die Regeln dafür setzten. Diese Menschen werden nicht gewählt und durchlaufen keinen demokratischen Prozess. Doch diese Menschen haben unglaublich viel Macht in ihrer Position über viele Menschen.

Herzlichen Dank an Fernando für dieses Interview. Go check him out!

Fernando war zudem so nett und stellte uns eine Bücherliste zusammen von Themen, welche im Interview angesprochen wurden:

  • Latour, Bruno (2017). Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft: Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie (4. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Haraway, Donna J. (1995). Die Neuerfindung der Natur. Frankfurt am Main: Campus-Verlag.
  • Mersch, Dieter (2015). Epistemologie des Ästhetischen. Zürich: Diaphanes.
  • Rosa, Hartmut (2013). Beschleunigung und Entfremdung: Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Berlin: Suhrkamp.
  • Stalder, Felix (2016). Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.
Foto: © Fernando Obieta