Kultur Theater

Die Welt als offenes Rasiermesser – «Woyzeck» von k.o Operation4 min read

22. August 2021 3 min read

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Die Welt als offenes Rasiermesser – «Woyzeck» von k.o Operation4 min read

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Seit fast 200 Jahren geistert die Gestalt des Woyzeck als «offenes Rasiermesser» durch die Welt und wirft die Frage nach Schuld und Verantwortung immer wieder neu auf. Wie scharf dieses Messer heute noch ist, beleuchtet das Kollektiv k.o Operation mit seiner Inszenierung im Theaterpavillon. Denn Woyzeck ist vieles: Mitglied des Prekariats, Gedemütigter, Betrogener – aber eben auch ein Mörder. 

Am Anfang steht der Kampf. Woyzeck, gespielt von Noah Beeler, ist noch nicht auf dieser fremden Welt, vielmehr windet er sich minutenlang in einem Kreis, der wie eine Gebärmutter aus Bettlaken anmutet. Auf ihn warten sechs Musiker:innen, die in gelben Plastik gekleidet sind. Und um auch diese Welt zu betreten, muss Woyzeck einen Vorhang aus Plastik passieren. Ungläubig tritt er in diese Welt und kann nicht anders, als zu starren. Er starrt in die Gesichter des Publikums, ohne etwas zu erkennen. Doch orientierungslos wie er ist, kann sich Woyzeck seiner Umwelt trotzdem nicht entziehen.

Er gerät in einen Strudel von Verpflichtungen. Sie reichen von seiner Erbsendiät bis zum Rasieren seines Hauptmanns. Von allen Seiten der Bühne schallen sie ihm entgegen. Woyzeck rennt, er tanzt, er lacht – Aber weinen tut Woyzeck nie. Das Kollektiv k.o Operation erzählt die Geschichte eines Menschen, der gut sein will, sich aber in seinem rasenden Verlangen danach verliert.

«Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.» 

Im Rauschen der Welt bewegt sich Woyzeck in seiner zu grossen Zwangsjacke. Die Musik treibt ihn in seinem Kreis der Verzweiflung an. Er tanzt makaber zu der Vorstellung, dass seine geliebte Marie ihn betrogen hat, bevor er sich wieder mitten in einem Schizophrenierausch befindet. Aber ist Woyzeck wirklich schizophren? Die Inszenierung impliziert etwas anderes: Das Rauschen der Welt mit seinen kreischenden Erwartungen kreist um Woyzeck, bis er zuhört. Als seine Freundin Marie ihn betrügt, schreit es nach Rache. Wie er sich als Mann der Armee gewohnt ist, pariert Woyzeck: Er begeht einen Femizid an Marie. Zwar scheint er sich danach von der Welt, zu der er sich nie zugehörig gefühlt hat, abzuwenden. Doch selbst das Absperrband, welches nun die Bühne versperrt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in dieser Welt immer nur getaumelt ist. Unfähig, sich von ihr zu distanzieren, wird er selbst Teil von ihr.

Woyzeck trägt eine Zwangsjacke, aber er füllt sie nicht aus. Sie reicht bis zum Boden, auferlegt hat sie ihm die Welt. Wer genau trägt die Schuld daran? Diese Frage stellt Woyzeck dem Publikum, alle Augen auf der Bühne starren es förmlich an. Und es stimmt ja auch: Gestarrt hat das Publikum auf diesen Menschen, und es starrt immer noch, als es den atemlosen Woyzeck beobachtet, wie er unfähig ist, Trauer oder auch nur Reue für seine Tat zu empfinden. Siebzig Minuten lauscht es dem Monolog von Woyzeck, und vergisst dabei, dass nie wirklich jemand mit ihm spricht. Vielleicht, weil die Kommunikation mit den Musiker:innen so organisch erscheint. Es ist ein traurig schönes Wechselspiel, zwischen aussen und innen, Täter und Opfer, an dessen Schluss ein Ganzes steht: Die Welt als offenes Rasiermesser – Und jede:r als Teil von ihr.

Eine menschliche Umsetzung des Stoffes

Dem Kollektiv k.o Operation gelingt mit der Inszenierung des Fragments nach Georg Büchner ein grosser Wurf: Woyzeck so menschlich zu gestalten, dass es dem Publikum schwindelt, als es siebzig Minuten seinen Abgrund betrachtet. Wie er so Teil vom Druck der Welt wird, scheint er sie doch nicht besser zu verstehen. Und Woyzeck kehrt dorthin zurück, woher er gekommen ist. Geläutert, vielleicht ist es ein Eingeständnis, gescheitert zu sein, sich vom Verletzten zum Verletzter gewandelt zu haben, und sich doch keinen Deut zugänglicher zu fühlen. Eine Befreiung ist es vielleicht, die Welt aus Plastik zu verlassen und sein Leben als ultimatives Schuldeingeständnis zu geben. Woyzeck meint, es sei ein guter Tod – seine letzte Abkehr von dieser Welt.

«Woyzeck» (unter der Regie von Dominik Kilchmann, dem Schauspiel von Noah Beeler, der Musik von Giulia Bättig; gespielt von Maris Egli, Alexander Graf, Nelly Jüsten, Jasmin Lötscher und Jakob Reitinger) kannst du noch bis am 26. August im Theaterpavillon erleben: Tickets gibt’s hier!

Fotos: © Felix A. Erb