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Denkst du, du denkst zu viel?4 min read

15. September 2021 3 min read

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Denkst du, du denkst zu viel?4 min read

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Denkansätze, Denkanstösse, Denkpausen und ein Denker-Dasein: all dies entdecken wir in der wundervollen Welt der Nina Kunz.

Ein Sammelsurium diverser Essays, Artikel und Gedankengänge liefert die Zürcherin in ihrem Buch „Ich denk, ich denk zu viel“. Wir hatten bereits am Titel und der Haptik des im Verlag Kein & Aber erschienen Werkes viel Freude. Die 29-Jährige nimmt uns mit in ihre Gedankengänge, zu den unterschiedlichsten Aspekten des Lebens. Sie unterteilt ihre Textsammlung in drei Punkte. Da macht sie den Start mit „Sinnkrisen“, höchst persönlich über ihre Herkunft, das Studentendasein und ihrer Hassliebe zum Internet.

Herrlich, und mit viel Selbstreflektion und Ironie

Der zweite Teil lautet „Selbstzweifel“, die man wegen Tätowierungen, einem Offline Wochenende im Wallis und dem Frau werden hat. Der Buchstabe S begleitet uns auch im dritten Teil – „Sehnsüchte“, wo man sich in Geduld übt und uns Begriffe wie Donut-Ökonomie und Newstalgia beibringt und definiert.

Nun denn, Frau Kunz nimmt uns zu Beginn mit auf ihre Reise durch ihre Kindheit und zu einem sehr persönlichen Part, ihrem Verhältnis mit dem Vater. Hier gelingen immer wieder, wie ich es auch im ganzen Buch empfand, coole Anekdoten mit lässigen Verweisen. Denn sind wir mal ehrlich, nicht jede 10-Jährige kennt die Beastie Boys.

In eben jenem persönlichen Text über den Vater, bei dem kein weiterer Kontakt mehr entsteht, kann man sehr gut ihre vielen Gedanken verstehen. Was bleibt ist die grosse Liebe zur Mutter.

Bereits auf Seite 37 bemerke ich wiederholende Zitate des französischen Philosophen Jean Paul Sartre und man stellt auch im gesamten Werk fest, dass immer wieder Zitate oder Denkansätze grosser Philosoph:innen und Soziolog:innen vorhanden sind.

SUMMA CUM GAUDI

Auch herzig und schön wird das Studentendasein und der Kampf und die ständige Frage, was danach kommt, im Kapitel „Summa cum Gaudi“ beschrieben. Bereits hier merkt man die Ambivalenz zu Zürich, auf die sie später noch gezielter eingeht. Zudem wird im ersten Teil spannend der Hass zum Internet beschrieben und uns auf etymologische Weise das Wort Weltschmerz definiert. Herrlich und mit viel Selbstreflektion und Ironie.

Die Autorin nimmt uns im zweiten Teil tiefer in ihre Gedankenwelt und ihre „Selbstzweifel“. Auch hier erkennt man eine grosse Liebe zur Sprache sowie zur Philosophie und bekommt zusätzlich die persönliche Geschichte über ihr erstes Tattoo zu lesen. O-Ton: „WIE ENTSETZLICH ERSTE-WELT-PROBLEM-IG DAS ALLES KLINGT“.

Spannend empfand ich ihre Offline-Analyse. Wie das plötzlich so ist, wenn man sein Telefon bewusst für ein paar Tage zur Seite legt und was das mit einem macht. Das gibt nun wirkliche Denkansätze. Ein wahres Highlight, diese „Drei Tage Offline“. An manchen Stellen fand ich interessanterweise Parallelen zum lange in Luzern lebenden Autoren Rolf Dobelli. Sogar in der Schreibweise, wie „Bias Blind Spot“, und den generellen Gedanken um- oder gar weiterzudenken, herrschen Gemeinsamkeiten. Dazu noch die Metaebene aufzumachen, dass ein Buch auch weitere Bücher empfehlen kann und auch darf, fand ich sehr sympathisch und charmant bescheiden.

WIE ENTSETZLICH ERSTE-WELT-PROBLEM-IG DAS ALLES KLINGT

Im abschliessenden Teil „Sehnsüchte“ erfahren wir von ihrer Liebe zu Butterbrot und vor allem von ihrer Hassliebe zu Zürich. Ein wirklich gelungener und feinst analysierter Text über die Grossstadt der Schweiz. Man sieht wahrlich die Menschen vor Augen und muss spätestens dann feststellen, welch begnadete Chronistin sie ist. Eine weitere Liebe, die ihre Sehnsüchte beschreibt, ist Berlin. Die Stadt, die wohl für ihre Generation und Millionen Mitteleuropäer das Mekka der Urbanität ist. Auch humor- und gedankenvoll werden uns die Begriffe Newstalgia und Donut-Ökonomie beschrieben.

Mein Fazit ist ganz eindeutig, ich habe hier ein wertvolles Stück Gegenwartsliteratur in der Hand. Ein Buch, welches schön unseren Alltag, die „Trials and Tribulations“ einer Generation und das Leben in der Schweiz beschreibt. Wer sich mit kurzweiligen, smarten Texten beglücken möchte, soll doch bitte dieses Werk erwerben. Es ergibt durchaus grossen Sinn, dass Nina Kunz´ Buch wochenlang auf der Nummer 1 der Schweizer Bestsellerliste war. Santé et Chapeau Madame!

 

Dieses Buch passt zu…

…Menschen, die gerne über den Tellerrand weiterdenken

…Freunden von kurzen und prägnanten Texten

…einem sauer-süssen Campari mit Orangensaft

 

Foto: Nina Kunz ©, Goran Basic