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Samstag am Echolot oder auch: der Abriss des Kleintheaters5 min read

27. Oktober 2021 4 min read

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Samstag am Echolot oder auch: der Abriss des Kleintheaters5 min read

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Tag drei der ersten Echolot-Ausgabe ist angebrochen, vor uns stehen erneut zahlreiche Konzerte in den  unterschiedlichsten Ecken der Stadt Luzern. Die Klänge von lokalen Legenden und internationalen Entdeckungen schallen in die Menge und zurück kommt ein durchgedrehtes Publikum.

Der Samstag beginnt mit Heartbreakerei: Unsere mit Vorfreude erwartete Fuffifufzich muss ihr Konzert krankheitsbedingt absagen. Nach der Schocknachricht erwartet uns immerhin zugleich ein kompensierendes DJ-Set von unseren lieben frachtmenschen und ein solider Brunch, der die Glücksgefühle und auch die Lethargie in die Höhe schiessen lässt. Eine etwas aussergewöhnliche Zusammensetzung aus Festivalbesuchenden und Familienfeiern hat sich im Petrus eingefunden und lauscht den Hits. Trotz initialer Ernüchterung ein gelungener Start, bevor wir uns auf den Weg zum ersten Act machen.

Unsere Julie am Brunch mit frachtwerk (Bild: Miriam Abt)

«Die Chilbi isch ned so cool»

«Die Chilbi isch ned so cool», meint ein kleiner Junge auf den Schultern seines Vaters zwischen zwei Liedern und bringt das sonst mucksmäuschenstille Publikum zum leisen Lachen. Der spontan eingesprungene Haubi Songs alias Nick Furrer berieselt uns mit multiinstrumentalistischem Indie, der besser zu einem Festivalauftakt um zwei Uhr samstagnachmittags nicht passen könnte. Dennoch ist die Atmosphäre im Saal irgendwie noch nicht ganz stimmig; die Zuschauenden stehen da wie bestellt und nicht abgeholt, Furrer wirkt etwas nervös, kämpft mit den Loops. Absolut gerechtfertigt, der Gute weiss erst seit wenigen Stunden, dass das Echolot Festival überhaupt stattfindet. Ihm ist nichts zu verschulden, wahrscheinlich ist es einfach noch zu früh – wir brauchen zumindest noch etwas Aufwärmzeit.

Und bald schon sind wir eingetanzt: Der nächste Halt führt gleich um die Ecke ins Atelier Phil & Jones zu Stefanie Stauffacher. Die Masse steht schon vor der Garage, als aussenstehende Person könnte man meinen, es gäbe etwas gratis. Zu sehen gibt es hier aber, wie es das Ostschweizer Duo selber beschreibt, «Psytrance und Rollschuhdisco», was von französischen Texten bis hin zu einer düsteren und einfahrenden Coverversion von «Campari Soda» reicht. Die Gelenke werden aufgelockert und vorbereitet für die anstehende Velotour zur Jurte in der Industriestrasse. Der nächste Programmpunkt: Mischgewebe (die wir übrigens bereits am Openair NON vor einigen Wochen gehört und für gut befunden haben). Für mich ein weiteres Highlight mit einfahrenden Vocals und vibrierender Tanzfläche an einer unvergleichbaren Location.

Blick aufs Atelier (Bild: Sam Aebi / Echolot Festival)

Ich habe ja gar keine Zeit, um meine Eindrücke zu verarbeiten!

In welcher Reihenfolge war das nochmal? Das Programm ist prall gefüllt – wer überall dabei sein will, muss sich schnell bewegen können und darf weder Hunger noch Durst noch Harndrang verspüren. Wie lange mussten wir schon nicht mehr an einem Musikfestival von Stage zu Stage sprinten! So kommt es, dass wir gewisse Acts schleifen lassen müssen – darunter auch die Überraschungsgäste des Tages Takeshi’s Cashew, denen ich mittlerweile nachtrauere, zu diesem Zeitpunkt aber glücklicherweise noch mit Unwissen gegenüber geschützt war. Umso mehr geniessen wir das, was wir miterleben dürfen; als nächstes nämlich Dino Brandão, der wiederum auf der anderen Seite der Gleise auf uns wartet.

Das En Bas hat sich in der Nacht gekleidet und bis zum hintersten Winkel gefüllt. Um diese Uhrzeit ist die Stimmung in diesem Möbelladen komplett anders als am Nachmittag, irgendwie passender. Noch viel passender, wenn Brandão mit seiner Gitarre in der Hand auf dessen Bühne steht. Wenn er spricht, so wirkt er zurückhaltend, fast schon scheu, aber nicht weniger sympathisch – und wenn er dann singt, sprudelt die ganze Energie aus ihm heraus: Aufstellende Melodien wie zum Beispiel die von «Bouncy Castle» in Wechselwirkung mit Texten, die so traurig sind, dass es einem fast zerreisst.

Dino Brandão im En Bas (Bild: Laura Rubli / Echolot Festival)

«Was ist denn das, eine Disconacht?»

Mit den Locations haben sich die Echolot-Initiant*innen selbst übertroffen – und erregen damit auch die Aufmerksamkeit von Passanten, die sich über die ungewöhnliche Lärmquelle wundern. Eine Show auf einer Baustelle mitten in der Neustadt werden wir wohl so schnell nicht wieder erleben. Auf dem ABL-Gelände neben dem Himmelrich treffen wir nämlich als letzten Halt vor dem Endboss Kleintheater zwischen Betonwänden auf Silver Firs. Es herrscht eine bunkerartige, surreale Atmosphäre, verstärkt durch die wuchtigen Klänge der Band und einer durchdachten Lichtshow.

Kurz einen Döner eingeschnauft führt es uns endlich ins Kleintheater, wo zum krönenden Abschluss noch die Headliner anstehen. Sirens of Lesbos beginnen ein gemütliches, aber dennoch tanzbares Set, geprägt von 80er-Sounds. Sie scheinen unglaublichen Spass an ihrer Performance zu haben und umso mehr ist es eine Freude, ihnen dabei zuzusehen. Mit der Gemütlichkeit ist aber bald Schluss.

Details zum finalen Act des Abends Yin Yin wird euch Desi diese Woche noch liefern, aber so viel kann man bereits sagen – die Show der Niederländer ist ein out-of-body Experience. Gespielt wird auf zweihalsigen Gitarren und eindrücklicher Perkussion, bespielt wird von wahrlich talentierten Showmen. Es riecht nach Bier, Schweiss und endloser Energie. Und wenn man Pech hat, dann riecht es auch leicht metallisch vom Ellbogen eines Mittanzenden, der einem im Übereifer ins Gesicht getroffen hat. Aber wenn auch, diese Show wird es wohl niemandem so schnell wieder aus dem Gedächtnis schlagen. Welch ein Abschluss zu diesem anstrengenden, ereignisreichen Tag! Wir flüchten «pflotschnass» an die frische Luft und gehen nach dem Austanzen alle mit müden Beinen ins Bett, wo diverse Melodien im Kopf noch nachklingen. Save the date für die nächste Ausgabe: 27.-29. Oktober 2022.

Willst du mehr übers Echolot Festival erfahren? Kannst du gerne: Hier unser Bericht vom Donnerstag, hier dieser vom Freitag.

Titelbild: Yves Moehrle / Echolot Festival