Kolumne Kultur Kunst

KUNST-KARAMBOLAGE – Abgefackeltes in der Galerie Bromer5 min read

10. November 2021 4 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE – Abgefackeltes in der Galerie Bromer5 min read

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KUNST-KARAMBOLAGE sind freie, subjektive Texte zu ausgewählten Ausstellungen geschrieben von Aline, Anica und Florian.
Diesmal über die Ausstellung in der Galerie Bromer zur Ausstellung «Light Up» von Maya Bringolf. Geschrieben von Anica und Florian.

Offizieller Ausschnitt des Ausstellungstext
Ihre Teppiche sind gelocht, und versengt erscheint die Kunstfaser industriell gefertigter Bettvorleger. Wie eine Salve von Einschusslöchern metastasieren neue Muster durch Gewebe und Ornament. Doch der erste Schein trügt: Maya Bringolf (*1969 in Schaffhausen, lebt und arbeitet in Zürich) hat die Perforation nicht eingebrannt ins wohnliche Accessoire. Die runden Öffnungen schneidet sie aus und bepinselt die verletzte Textur sorgfältig mit Epoxy-Harz zur Festigung. Schwarzer Acrylspray simuliert Rauchspuren. Eine toxische Materialität dringt so ins Kunsthandwerk, frisst sich durch den Boden bürgerlicher Wohnkultur.

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In der Galerie Bromer sehe ich im Eingagsbereich einen Tisch, dort arbeitet eine junge Frau, sie begrüsst uns – sie sitzt auf einem Stuhl (vielleicht ein Bürostuhl – kann mich nicht mehr erinnern) und arbeitet.
Dies ist jedoch nicht Teil der Ausstellung von Maya Bringolf – passt aber sehr gut in die Thematik.
Maya befasst sich mit zirkulierenden Prozessen wie dem Kreislauf von Rohstoffen, Luft sowie mit Kleidung und Möbeln.
Auf Bürostühlen sitzen wir und arbeiten wir. Über den Teppich zu laufen, so sind wir uns das gewohnt, in der westlichen Kultur.
In der Ausstellung der Galerie Bromer zeigt Maya Teppiche, die mit Löchern versehen sind.
Bürostühle die abgefackelt wurden und mit Luftrohren versehen sind.
Billige Plastikstühle die von der Decke hängen.
Trenchcoats die an der Wand kleben.
Alles Objekte, denen wir im Alltag ständig begegnen und überall zu kaufen sind – hier in der Ausstellung nehmen wir uns Zeit, diese transformierten Objekte zu betrachten.
Ein symbolisch aufgeladenes Objekt: der Stuhl, noch präziser, der Bürostuhl.
Entworfen, um bequem sitzen zu können oder besser gesagt um länger arbeiten zu können – Maya fackelt die Bürostühle ab.
Nach dem abfackeln überzieht sie den Bürostuhl sorgfältig mit Epoxy-Harz und montiert Luftröhren wie Gedärme um und in den Stuhl. Es hat was tragisches, absurdes an sich, wenn der Stuhl seiner Funktion beraubt wurde. Denn was Maya mir zeigt, scheint so, als wären dass noch Überbleibsel von einer Welt. Nun bin ich jedoch in einer Gegend inmitten von ganz vielen anderen Galerien und Museen, die alle im Eingang wohl ein Stuhl und Tisch stehen haben vielleicht sogar einen Teppich. Die Ironie liegt in der Gegend – ein Paradies für den Kunsthandel und Kunstkonsum. Ganz vorsichtig macht sie mich aufmerksam auf diese Gegenwart.
«Lüften Sie ihr Büro oft und gründlich!» «Ohne Luftzufuhr keine Arbeit».
Ein visueller Ausdruck für ein «Burnout», denn da bringt das Lüften auch nichts wenn frische Luft das Feuer berührt – im Gegenteil, Feuer braucht Sauerstoff, um zu brennen. Der Teppich der zu Hause auf dem Boden liegt, ist dann oftmals auch betroffen von dem Ausbrennen an der Arbeit. Nicht nur die Bürostühle. Das Feuer kommt mit nach Hause und der Teppich trägt die Spuren mit.

– Anica

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In der Ausstellung «Light Up» zeigt die Galerie Bromer in Zürich Werkserien von Maya Bringolf von Teppichen, Trenchcoats, Büro bis zu Monobloc-Stühlen.
Es sind Materialien, die eine Körperlichkeit haben, die für Körper gemacht wurden. Es sind auch Materialien, die in Massenproduktionen entstanden sind. Bringolf erlangte die meisten Objekte in Brockenhäusern. So haben die gezeigten Objekte eine Geschichte, man könnte sagen, sie zirkulierten zwischen Besitzer*innen. Auf den ersten Blick scheint Bringolf diese Objekte brutal angegriffen zu haben. Eigentlich aber gab sie ihnen sehr sorgfältig eine artifizielle Ästhetik des Zerfalls.
Besonders deutlich wird dies bei den Teppichen. Sie imitieren entweder flauschige Felle oder Orientteppiche. Bringolf schnitt in sie, durch die bereits bestehenden Strukturen oder Muster, es entstehen neue Kompositionen aus verschieden grossen Kreisen hinein. Häufig überlagern sich diese Kreise und es entstehen amorphe Formen. Die Anordnung dieser Kreise und Formen auf den Teppichen scheint grob geometrisch angelegt zu sein. Dadurch, dass die Geometrie aber immer etwas ungenau bleibt, könnte die Komposition auch durch eine natürliche Logik entstanden sein. Die mit Epoxy-Harz präparierten Ränder der Schnittstellen besprayte sie mit Acryl mattschwarz oder silberglänzend. Es entsteht die Illusion, hier wäre etwas mehr oder weniger willkürlich von Flammen oder Säure zerfressen worden. Bringolf hat allerdings immer so geschnitten, dass die Teppiche nicht zerrissen und als ein ganzes «Stück» bestehen bleiben. In der Ausstellung werden sie gut beleuchtet, gehängt an klassischen Whitecubewänden, wie Statussymbole präsentiert. Es hängen da also massenproduzierte, westliche Teppiche an der Wand, von denen einige Orientteppiche zu imitieren versuchen. Bringolfs Werkserie der zerstörten Teppiche verstehe ich auch als Kritik an kulturellem Verfall durch Massenproduktion.
Anders als die Teppiche ist der Monobloc-Stuhl von Anfang an als Massenprodukt designed worden. Dieses Design bietet auch die Möglichkeit die Stühle ganz einfach zu Türmen aufeinanderzustapeln. Bringolfs neustes Werk «Skeleton» zeigt einen solchen Turm aus Plastik Stühlen. Anders als bei den Teppichen hat Bringolf die Stühle nun tatsächlich mit Flammen angegriffen. Die Monoblocs scheinen mutiert und ineinander zu einem Turm gewachsen bzw. geschmolzen zu sein. «Skeleton», an der Decke aufgeknüpft und knapp über dem Boden baumelnd, wirkt unangenehm körperlich. Wie ein totes Monobloc-Tier mit angesengter Haut oder ineinander verhakten Knochen. Wie ein riesiges Rückgrat hängt es im Raum. Sicher ist auch dieses beinahe töten des Monoblocs, eine Kritik an eine nicht mehr geschätzte Ästhetik. Plastikdesign kann heute auch als Symbol für eine Wegwerfgesellschaft gelesen werden. Dadurch das Bringolf diese Stühle anzündete, entsteht eine weitere Referenz zum Klimawandel.
Eine andere Art von Überhitzung wird in dem Werk «inhale exhale» thematisiert. Ein abgefackelter und mit sperrigen Lüftungsrohren versehener Bürostuhl wird zu einem eigenartigen Mischwesen. Die Rohre verunmöglichen seinen praktischen Gebrauch und scheinen den durchgebrannten Stuhl zu beatmen. Es handelt sich um ein Überhitzungsopfer am Arbeitsplatz. Dieses Werk habe ich schon einmal gesehen in der letztjährigen Gruppenaustellung «zirkuliere» im Helmhaus. Da wäre ich wieder bei dem Aspekt der Zirkulation. Luft zirkuliert um den Stuhl oder der Stuhl zirkuliert durch Brockenhäuser und von Büro zu Büro, bis er nun in der Galerie Bromer steht, zu Kunst geadelt wird und durch Bringolf eine Geschichte erzählen kann. Die Ausstellung «Light Up» öffnet weitläufige Denkwege.
Ich kann sie sehr empfehlen.

– Florian

 

 

Fotografie: Ausstellungsansicht Light Up von Maya Bringolf, © Galerie Bromer Zürich, 2021