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Eine Auseinandersetzung mit der Geschlechterrolle auf hohem tänzerischem Niveau – SHE / HE / WE der Tanzkompanie des Theater St. Gallen5 min read

22. November 2021 4 min read

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Eine Auseinandersetzung mit der Geschlechterrolle auf hohem tänzerischem Niveau – SHE / HE / WE der Tanzkompanie des Theater St. Gallen5 min read

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Wie fest sind wir von unserem biologischen Geschlecht geprägt, wie fest ist dies durch unser soziales Umfeld geformt? Wer sich für eine Stunde auf eine Reise durch das Thema der weiblichen und männlichen Rollenthematik machen möchte, erzählt durch die Körper der Tänzer:innen der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen, ist bei der Vorstellung von SHE / HE / WE in der Lokremise genau richtig. Drei verschiedene Tanzstücke von unterschiedlichen Choreograf:innen greifen das Frau-, das Mannsein und das Zwischenspiel der beiden Geschlechter auf verschiedene Weisen auf. Hohes tänzerisches Niveau, monochrom farbige Kostüme, eine mobile Spiegelinstallation und eine moderne Bühne, eingekleidet in grauem Beton. Dies sind Bilder, die sich fest in meinem Kopf eingeprägt haben.

 

Zwei Spotlights, Zwei Tänzer:innen, zwei Stühle in grün und rot – WE

Die Interaktion zwischen zwei Menschen und das Spannungsfeld, welches bei Begegnungen und Beziehungen entsteht, bildet die Grundlage des Duos «The Time We Were» der spanischen Choreographin Alba Castillo, welches von Naiara Silva de Matos und Piran Scott getanzt wird. Ein Mann in einer roten Hose, roten Socken und über dem nackten Oberkörper einen offen getragenen Blazer derselben Farbe betritt die Bühne. Mit sich trägt er einen roten Stuhl. Die gleiche Aktion wiederholt sich mit einer Tänzerin, gekleidet in grün. In Ihrer Hand ein Stuhl derselben grünen Farbe. Die Ausgangslage der Choreographie ist simpel und ästhetisch. Die Tänzerin und der Tänzer, die Stühle und die Spotlights, die den Fokus noch gezielter auf das bisher ruhige Geschehen fallen lassen, füllen die sonst leere Bühne. Über die Lautsprecher hört man Worte, die die beiden Menschen über die andere Person äussern. Dadurch wird zwischen den Tänzern direkt eine Intimität aufgebaut, in die auch das Publikum miteinbezogen wird. Alba Castillo setzt sich generell mit dem Zwischenspiel von Menschen auseinander, unabhängig des Geschlechts, unabhängig ob Freundschaft oder Liebesbeziehung. Die beiden Tänzer beeindrucken mit einer unglaublichen Kontrolle des eigenen Körpers, aber auch des Umgangs mit dem Tanzpartner. Alba benützt die Anzugsjacken sowie die Stühle der beiden als Hilfsmittel zum Erzählens ihrer Geschichte. Jacken werden ausgezogen, getauscht und über die Stühle gehängt. Je nach Stimmung, die zwischen den beiden durch Körpersprache verständlich gemacht wird. Die Thematik ist zwar eine tiefe, wird jedoch meiner Meinung nach etwas simpel dargestellt. Die Tänzer überzeugen mit ihrem Können aber durchaus!

Ein höchst filigranes, surreales und ausdruckstarkes Spiel mit der Weiblichkeit – SHE

Gleich anschliessend an Alba Castillo’s Stück folgt «Ibla» von Giovanni Insaudo, einem italienischen Choreographen. In seinem Stück tanzen alle Frauen der Tanzkompanie St. Gallen und verkörpern die übernatürliche und idealisierte Frau als eine Art göttliches Wesen. Giovanni Insaudo hat sich in seinem Stück mit der Weiblichkeit auseinandergesetzt und formt die Tänzerinnen mit seiner sehr persönlichen und ausdrucksstarken Bewegungssprache zu faszinierenden Wesen. Gekleidet in verschiedenfarbigen Hosen und enganliegenden hautfarbigen Oberteilen (die wirken, als wären sie oben unbekleidet) zeigen sich die Tänzerinnen als graziöse, bewegliche und ausdrucksstarke Performerinnen. In diesem Stück wird ausserdem eine mobile Spiegelinstallation mit LED-Lampen verwendet, die wie eine Plattform über die Bühne geschoben wird. Da sie je nach Lichteinfall als Spiegel oder als halbtransparente Scheibe funktioniert, wirkt das Geschehen zwischen den Tänzerinnen teilweise surreal. Das Stück spannt einen Bogen von Anfang bis Schluss und zeigt die graziösen und skurrilen Körper als einheitliche Gruppe, aber auch als starke Individuen. Giovanni Insaudo’s Stück war für mich definitiv das Highlight des Abends. Ausdrucksstark, höchst filigran und übernatürlich führt Giovanni Insaudo das Publikum in seine eigene Welt der Weiblichkeit.

Impuls, Feuer und eine emotionale Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht – HE

Blackout, die Silhouetten der Tänzerinnen treten ab, Silhouetten der Tänzer treten auf. Laute Beats eines HipHop Tracks bricht die Stille. Die Zerbrechlichkeit, die noch in der Luft lag, platzt und acht Männer tanzen voller Energie drauf los. Eine Testosteronwelle überflutet das Publikum, denke ich mir und bin überzeugt, dass das vom schweizer Choreographen Muhammed Kaltuk wohl bewusst so inszeniert wurde. Dieser setzt sich in seinem Stück «Man Up» nämlich mit dem Rollenbild des Mannes auseinander, mit den Schwierigkeiten sich als Mann in diesem starren Rollenbild des Mannes zurechtzufinden aber auch mit den Privilegien des Patriarchats, sowie den individuellen Emotionen der Tänzer über die eigene Männlichkeit. Die Ästhetik des Abends bleibt dieselbe und die Tänzer tragen verschiedenfarbige Röcke und alle bis auf einen tragen individuelle Oberteile. Das Stück zeigt viele emotionale Hochs und Tiefs und setzt vor allem zwei Tänzer in den Fokus, die meiner Interpretation nach die männliche und die weibliche Seite eines Mannes zeigen. Mit viel Ausdruck lässt Muhammed Kaltuk die Tänzer zu bekannten Tracks von unter Anderem «Florence and the Machine» oder «Son Lux» tanzen. Auch in «Man Up» wird der Spiegelkubus miteingebaut und kreiert somit auch eine direkte Auseinandersetzung der Tänzer mit dem eigenen Spiegelbild, also mit dem «Selbst». Ein impulsives Stück, welches männliche Charaktereigenschaften unterstreicht, aber gleichzeitig auch bricht. Weniger Tiefe und Poesie, mehr Impuls, Feuer und Dynamik.

Ich lege allen ans Herzen, einen Ausflug nach St. Gallen zu machen, um sich mit der Tanzkompanie des Theaters St. Gallen auf die Reise durch SHE / HE / WE zu machen. Es gibt noch drei Möglichkeiten, die Aufführung in der Lokremise zu sehen:

23.11.2021 – 20.00-21.10

28.11.2021 – 17.00-18.10

30.11.2021 – 20.00-21.10

Tickets kaufen kannst du hier.

 

Text: Ilaria Rabagliati

Bild: Gregory Batardon