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Hygge & Hyper – DJ Lostboi & Milyma am Endless Bazaar10 min read

23. November 2021 7 min read

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Hygge & Hyper – DJ Lostboi & Milyma am Endless Bazaar10 min read

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Ein 12-jähriger DJ und eine Avant-Pop Künstlerin füllen gemeinsam akustisch einen Abend. Alter Egos, Autotune-Vocals und eine Fruchtschale; ein klassischer Dienstagabend im Klub Kegelbahn am endlosen Bazar. 

Nach einem kurzen Einstimmungsset taucht er auf. Wie aus dem Nichts erhebt er sich hinter dem DJ-Pult. DJ Lostboi, ein Junge mit diesmal ungewohnt langen Haaren, traurigem Blick und einem Headset. 

Ohne ein Wort zu verlieren betätigt er sich am Mischpult und lässt den Sound in den Raum gleiten. Es sind Plunderphonics mit Pop-, Trap-, Trance, und anderen Clubreferenzen, die mit starken Reverbs, Pitches, Loops und präsentem Bass gespielt werden.

Der Klang und die Livepräsenz der Musik unterscheiden sich nur leicht von den „Studio-Versionen“ der Tracks, sie sind etwas verzerrter oder auch dynamischer in einigen Bereichen. Besonders auffällig dabei ist die Liveversion des Tracks: „D MAJOR XO LIFE“ der mit stärkeren Kicks und einer clubähnlicheren Dynamik auftaucht als die Albumversion davon, sodass das Publikum kurz, getäuscht durch den ins nichts laufenden Aufbau, ein klassisches Stilmittel des Post-Club, in Euphorie verfällt. 

Die Crowd an der Veranstaltung ist zu grossem Teil verwirrt, aber auch bezaubert: Ist das DJ Lostboi? Macht er die ganze Musik? Verdutzt beobachten sie den traurigen, müde gähnenden DJ, wie er die Tasten drückt oder an den Schaltern zieht, und schreien, pfeifen und jubeln ihm zu sobald er sein Set beendet, mit einem dezenten Lächeln winkt und wieder verschwindet.

Die Musik ist extrem atmosphärisch und mit den leichten Deconstructed-Club-Einflüssen und der geloopten Langatmigkeit sehr berauschend. Aber das Hauptwerk des Konzerts ist doch der Lostboi hinter dem Pult, auch weil sich die Liveversion nur sehr leicht von den Albumversionen abwandelt. Das Publikum schaut gebannt auf seine Hände, wie dies noch kaum zuvor eine Menge in diesem Umfang tat. Sie observieren. Einige wippen oder tanzen leicht, besonders wenn selten mal eine Ansammlung von Kicks vorbeischwirrt oder ein Bass ertönt. Aber im Grossen und Ganzen liegt die Aufmerksamkeit bei der Figur Lostboi und weniger bei seinen Klängen. Der Junge, der traurig und verloren in die Menge blickt, zwischendurch bedächtig nickt oder augenscheinlich erschöpft gähnt, trägt ein Lächeln durch den Saal und bringt ein Gemisch von Verwunderung und Behutsamkeit in die Menge. 

Durch diese Unschuldheit des DJ Lostboi entsteht eine Verbindung zwischen dem Zuhörer und ihm. Die Kindheit ist allen Rezipienten des Konzerts vertraut. Dies ist auch genau das, was die Musik von DJ Lostboi ausmacht: Nostalgie, vertraute Vergangenheit, Befindlichkeit. Irgendwie verloren und doch unbesorgt darüber.

Nach kurzer Pause wird der Abend von der Künstlerin Milyma musikalisch weitergeführt. Sie kombiniert R&B-Elemente mit Elektronik. Sie überzeugt besonders mit ihrer Stimme, die sie mit Autotune verzerrt und damit teils leicht an die Künstlerin Sevdaliza erinnert. Es ist Avant-Pop der klassischen Art, teils noch vernetzt mit Elementen globaler klassischer Musik; zum Beispiel solche, die an ein indisches Raga oder Dhun erinnern. Atmosphärisch ist es  für die Künstlerin natürlich sehr schwierig auf die Ebene des losten Bois zu kommen, aber doch begeistert sie mit ihrem Sound und bringt eine, teils wild tanzende, Dynamik in die Menge die begeistert lauscht, zuckt und hüpft. 

Ich habe die Frau hinter DJ Lostboi, Barbara Braccini, auch bekannt als Malibu, zum Interview getroffen:

Elia Brülhart: Wer ist DJ Lostboi?

Barbara Braccini: Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wieso ich mich für diesen Namen entschieden habe. Zu Beginn, als ich einen Soundcloud Account mit diesem Namen erstellte, war sowieso noch gar nichts davon konzeptuell, dies kam erst später. Aber rückblickend auf mein Projekt und alles, was ich releast habe – nicht nur Musik, auch das visuelle – glaube ich, geht es besonders um diese jugendliche Nostalgie, die wir alle nachempfinden können. Der Moment, als sich alles neu anfühlte. Also geht es auch um das Entdecken von allem, von neuer Musik, von sich selbst. Man sitzt in seinem Zimmer in einer damals noch einfacher wirkenden Welt, man geht zur Schule, kommt wieder nach Hause, isst einen Snack, und so weiter. Ja, es ist die Nostalgie auf eine spassige, losgelöste Zeit.

EB: Und wann startete das Projekt DJ Lostboi?

BB: Ich glaube das war ca. 2014, zuerst war es einfach nur eine Plattform, auf der ich Edits von Musik, die mir gefällt, deponierte. Aber es waren immer oder fast immer nur Samples oder Midis von Tracks, also nur Edits, die ich in diesem Projekt kreierte. Es ist für mich einfach ein Fun-Projekt, in dem ich Tracks neu aufgleiste, die mir gefallen. Also Tracks, die Barbara gefallen.

EB: Was denkst du, wie wichtig war für dich Popkultur, Deconstructed Club, Tape Music oder andere Plunderphonics, oder auch Vaporware als Einfluss oder Inspiration?

BB: Also ich liebe Vaporwave, ich liebe es immer noch. Ich finde es ist immer noch grossartig. Ich hatte nie im Sinn, Musik zu imitieren, aber ich sehe natürlich den Zusammenhang auch sehr stark zu meiner Musik, besonders mit der Bearbeitung der Samples, dass da Parallelen zu eben zum Beispiel Vaporwave entstehen.

EB: Du hast über das Konzeptuelle schon ein wenig erzählt, aber gibt es auch noch eine andere Metaebene wie die Dekonstruktion oder der Zerfall der Clubmusik oder Popmusik. Oder ist es mehr einfach persönliche Nostalgie zu Künstlern wie Lil Uzi Vert, Swedish House Mafia, etc? 

BB: Ich fühle eigentlich keine Nostalgie, wenn ich diese Musik mache, und ich fühle auch keine Nostalgie, wenn ich mir diese Künstler anhöre, weil sie ja auch immer noch da sind. Ich glaube, ich mag es, mit diesen Songs zu arbeiten, einfach weil ich ihnen wie ein neues Leben geben kann. Aber es ist sehr schwer zu erklären, ich habe mir nie wirklich darüber Gedanken gemacht.
Aber heute machen auch alle – oder nicht alle aber sehr viele – hybride Musik aus vielen verschiedenen Genres. Also verstehst du; nichts ist neu, niemand macht futuristische, neue Musik.

Das existiert nicht wirklich, also alles existiert ja irgendwie schon.

Aber das gesamte Projekt DJ Lostboi ist generell einfacher und viel mehr zum Spass und ungebundener als zum Beispiel Malibu. Malibu ist für mich wie ein Tagebuch, der Klang bin ich. Es ist auch schwieriger zu machen, weil es so persönlich ist, also persönlich für mich. Ich denke, es ist auch viel emotionaler für den Zuhörer. Hingegen DJ Lostboi ist mehr einfach und vergnüglich. 

Ganz ehrlich gesagt sind es auch einfach Edits. Also wenn ich einen Edit machen will, dann tu ich es und nenne es einen DJ Lostboi Track, es ist keine Magie dahinter.

EB: Werden wir jemals ein Feature mit Malibu featuring DJ Lostboi zu hören bekommen?

BB: Nein ich denke nicht, aber ich habe mir darüber Gedanken gemacht, zum Beispiel einen Remix zu machen. Ich meine es hört sich ja schon ziemlich gleich an. Die Ästhetik ist eine andere aber es klingt sehr ähnlich. 

Aber dazu habe ich eine witzige Anekdote: Es war an einem Shooting am Strand, es war schon recht spät, halb Zehn am Abend, und da war so ein Kind am Strand alleine, und er beobachtete uns, wie wir im Wasser Fotos machten – voll bekleidet im Wasser. Er dachte sich wohl, was machen die? Und er kam immer näher, als wollte er im Bild sein, und da fragten wir ihn, ob er in einem Foto sein wolle. Also machten wir ein Bild von ihm und mir und er war sehr glücklich darüber. Jetzt habe ich wie ein Bild von DJ Lostboi und mir. Aber nein, ich denke da wird kein Feature kommen, ich wüsste nicht was zu tun, weil es zu ähnlich ist. Ich brauche ja meine Stimme zum Beispiel bereits in beiden Projekten.

EB: Du hast auch mal mit Dark0 von Year0001 kollaboriert, wie ist es dazu gekommen, wie habt ihr euch getroffen?

BB: Also ja, das war ein Malibu-Collab, also es war kein Feature. Ich habe es mit ihm geschrieben und auch Vocals beigesteuert.

EB: Und wie habt ihr euch getroffen?

BB: Er ist ein Freund von mir.

EB: Aber du hast sonst keine Verbindung sowohl persönlich als auch musikalisch zu Year0001, oder schon?

BB: Doch, sicher, viele von ihnen sind meine Freunde. 

EB: Ich denke, deine erste EP war für das Jahr 2016 recht früh für solche Art der Musik, die Pop in dieser Art dekonstruierte. Denkst du, dass du einen grossen Einfluss auf die Szene hattest?  Also Deconstructed Club, Post-Club etc.?

BB: Ich denke nicht. 

EB: Vielleicht auf Künstler wie Quilt Land, oder Quit Life?

BB: Ich denke, wir haben eher koexistiert, und viele von diesen Künstlern machen schon viel länger Musik als ich es tue.

EB: Und war es dann ein kollektives Ding, eine Szene, in der ihr zusammen Musik kreiert und darüber diskutiert habt? 

BB: Also ich habe nie Musik mit Quilt Land gemacht, aber Quit Life haben mal Mixes gemacht für meine Radio Show. Wir haben aber nie kollaboriert oder zusammen gemixt. 

Ich glaube zu dieser Zeit, zu Beginn von Lostboi, 2013/14 war das Golden Age von Soundcloud, und wir alle koexistierten zusammen. Wir alle waren auf dem gleichen Level und fanden Verbundenheit über die Musik und die Plattform, und es war eine sehr aufregende Zeit. Wir alle machten da sehr ähnliche Musik. Zwar verschiedene Genres, aber doch irgendwie sehr ähnlich, bevor alle ihren Sound fanden. Mein erster Sound, den ich da kreierte, war doch sehr ähnlich wie die Musik, die ich heute mache. Zum Beispiel der erste Track, den ich auf Soundcloud postete, war ein Edit von „Universal Nature“ von Push, einfach geloopt, gestretched mit Effekten von Audacity, da hatte ich noch nicht Logic oder so. Aber danach probierte ich auch anderes aus, der Trend damals war zum Beispiel Dancehall oder Deconstructed Club und da machte ich dieses und jenes, um von Leuten gehört zu werden. Aber irgendwann findet man dann seinen Sound und merkt, was man machen will. Und dann macht man was auch immer man will.

EB: Also verändert es sich auch immer?

BB: Für mich nicht, nein. Ich bin ja eigentlich wieder zurückgekommen zum Punkt, wo ich gestartet bin. Ich mochte immer Reverbs,  Loops, Stretching Down, aber jetzt weiss ich, wie ich es machen muss, dass es mir wirklich gefällt. Und da versuche ich es nicht mehr gross, zu hinterfragen, oder mir zu überlegen wem das gefällt ausser mir, entweder gefällt es dir oder wenn nicht, ok.

EB: Auf Discogs fand ich, dass du Artwork für Eric Braccini gemacht hast, dein Vater, ein Jazzmusiker. Hat er dich irgendwie geprägt oder inspiriert?

BB: Also es gibt definitiv keine Inspiration von Jazz, ich hasse es. Ich glaube, wenn deine Eltern nur ein Genre hören und immer die gleichen Songs laufen lassen, macht einem das doch wahnsinnig. Tut mir leid, ich mag Jazz nicht so. Sorry für alle, die das jetzt hier lesen.

Aber ja, es hatte natürlich schon auch einen Einfluss auf mich, da Musik doch immer präsent war, und ich hatte immer Zugang zu Instrumenten, Klavier und Schlagzeug. Also ich kann keines davon spielen, aber irgendwo war es doch ein Privileg, in so einem Umfeld aufzuwachsen, wo Musik immer Thema ist. Und vielleicht öffnet man auch dadurch mehr ein Ohr der Musik gegenüber. Ich habe auch selbst keinen Plan wovon ich gerade rede, weil auch auf der anderen Seite, waren zum Beispiel meine Eltern überhaupt nicht offen für andere Musik. Besonders mein Vater sagte immer, wenn wir irgendetwas abspielten, „was ist das für ein Dreck?“, also sie waren nicht wirklich offen. So hasste ich Musik für eine lange Zeit generell und schaute mir vielleicht mal MTV an.

EB: Noch zur letzten Frage, was war das letzte Lied das du dir angehört hast?

BB: Hmm lass mich nachschauen, das war „Ordinary Day“ von Judge Jules.