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Glanzlichter der Schweizer Gegenwartsliteratur4 min read

20. Januar 2022 3 min read

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Glanzlichter der Schweizer Gegenwartsliteratur4 min read

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Im ersten Teil unseres literarischen Jahresrückblicks wenden wir uns der Schweizer Literatur zu. Mit von der Partie sind Silvia Tschui, die mit ihrem zweiten Roman «Der Wod» die Luft zum Brausen bringt. Außerdem kein Geringerer als der Mitbegründer der Popliteratur, Christian Kracht, der uns in seinem Debüt auf eine Reise und zu den Abgründen einer Familie mitnimmt: in «Eurotrash». Der Letzte in diesem Reigen ist Joachim B. Schmidt, der den Dorftrottel «Kalmann» als Aushilfssheriff durch den isländischen Norden treiben lässt.

Starten wir doch direkt mit jenem Letzteren: Der Bündner lebt seit nunmehr 14 Jahren auf Island und veröffentlicht mit «Kalmann» seinen zweiten Roman.

Unser sympathischer Haifischjäger Kalmann findet Blut im Schnee, stellt sich Fragen über Fragen und wendet sich dann doch mit mehr Umwegen und Rückblenden an die Polizei, die er tatkräftig unterstützen will. Der geistig zurückgebliebene Kalmann, dem die Leute nachsagen, in seinem Kopf fühle es sich an wie Fischsuppe, gibt Vollgas bei den Ermittlungen.

Sein Kopf fühlt sich wie Fischsuppe an

In diesem wirklich amüsanten Buch fallen besonders die Sprache und die Spielereien mit ihr auf. Sie bringen einen häufig zum Schmunzeln. Unser Kalmann hat im dörflichen Leben am nordöstlichsten Punkt Islands auch nicht so viel zu erleben, da kommt ihm so ein Toter schon mal zupass. Es entwickelt sich eine spannende Kriminalgeschichte, die aber immer wieder durch den Ich-Erzähler Kalmann mit einem Grinsen auf den Lippen zu lesen ist. Womit es Schmidt auch irgendwie gelingt, eine Art Nicht-Krimi zu erzählen.

Wir hatten wirklich grossen Spass mit dem Gesamtwerk und freuen uns, schon bald Schmidts neues Buch «Tell» in den Händen halten zu dürfen. Da macht sich der Vierzigjährige dann an die grosse Saga heran und bastelt daraus einen Thriller. Wir bleiben gespannt und verbleiben mit der Leseempfehlung für «Kalmann». Uns bleibt hier wirklich ein positiver Gesamteindruck.

Kracht liefert mit diesem Buch sein wohl persönlichstes Werk

Beim zweiten Werk in der Runde hatten wir auch ein grosses Lesevergnügen. Der Star der Schweizer Gegenwartsliteratur, dem Mitte der 1990er mit «Faserland» ein Stück Zeitgeist gelang, knüpft nun inhaltlich an diesen Klassiker an. Wir begeben uns erneut auf eine Reise; damals ging es von Rügen zum Bodensee. In «Eurotrash» geht es allerdings “nur” durch die Schweiz, dafür aber mit einem Plastikbeutel voller Franken-Scheine und einer wodka- und pillensüchtigen Mama im Gepäck. Schliesslich will man die Sünden der Familie tilgen oder jene zumindest besser verstehen.

Kracht liefert mit diesem Buch sein wohl persönlichstes Werk bis dato. Dies merkt man auf diversen Metaebenen, die sowohl einen großen Lesespass als auch einen gewissen Blick ins Innere des Autors gewähren. Uns gefielen besonders die Skurrilitäten im Buch, wo man beispielsweise nachts bei einer Hippie-Kommune landet, welche sich dann doch als Faschistenverein entlarvt. Wir hatten gute Unterhaltung mit dem schwungvollen Werk, das aber definitiv nicht als Fortsetzung von «Faserland» zu sehen ist. Das zeigt auch die Erzählperspektive alleine schon.

Als Letztes ist die Zürcher Filmregisseurin, Drehbuchautorin und quasi Tausendsasserin Silvia Tschui in unserer Zusammenfassung noch dabei. Mit «Wod» liefert sie ihren zweiten Roman nach «Jakobs Ross», der momentan verfilmt wird und kommendes Jahr mit Luna Wendler in die Kinos kommt.

«GOPFERTELLI, HUERESIECH, MUETTER!»

In ihrem aktuellen Familienroman geht es um die Liegengebliebenen im Berner Land. Eine Unternehmerfamilie, die sich während und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Haaren hat, aber auch gleichzeitig mit der eigenen Vergangenheit aufräumt, was eine gewisse Parallele zu Krachts Buch aufweist. Und wie ein grauer Schleier hängt der «Wod» über dieser Familie. Das multiperspektivische Schreiben macht das Lesen einerseits sehr spannend, doch verliert man sich auch etwas darin.

Sicherlich hat aber diese drehbuchähnliche Schreibweise grosses Potenzial, auch wieder verfilmt zu werden. Wir allerdings fanden den Zugang etwas sperrig und sind mit der Lektüre irgendwie nicht so warm geworden. Auch die schöne Verwendung von Helvetismen und Dialekt konnte an dieser Meinung nichts ändern. Aber findet es doch gerne selbst heraus.

 

Diese Bücher passen zu…

…einer Lektüre in einem Feldrain,

…Menschen mit Humor und Familienproblemen,

…einem Stück Gammelhaifisch und einem Kräutertee.

Titelbild: Fotomontage frachtwerk