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Der Reisende und seine geilste Lücke8 min read

1. März 2022 6 min read

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Der Reisende und seine geilste Lücke8 min read

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Nick Martin gelang mit «Die geilste Lücke in meinem Lebenslauf» ein erfolgreiches Reisebuch. Gemeinsam mit der freien Autorin Annita Vetter, brachte er seine Reiseerlebnisse aufs Papier und berichtet, wieso aus einem Jahr Weltreise sechs wurden.

Er blieb diesem Motto treu, hält neben zahlreichen Vorträgen, weiter ein Leben als Reisender und wurde vom deutschen Ministerium für Wirtschaft und Energie als Kreativpilot ausgezeichnet. Darüber hinaus ist er Unternehmer und Gründer der Reiseplattform Travel Echo, die Menschen bei der Planung und Umsetzung ihrer Reisen unterstützt. Wie das denn in Zeiten von Flugscham und globaler Erwärmung als Reisender ist, liessen wir mal aussen vor. Eine Meinung dazu hat wohl ein jeder Mensch. Wir erreichen den Globetrotter, der sich momentan in Südafrika aufhält, zum Interview und liessen ihn von seinen Erlebnissen erzählen.

Wie hast du die jahrelange Reise finanziert?

Geplant war ja anfangs nur ein Jahr Auszeit. Ich habe mir hierfür durch meinen Beruf als IT-Systemkaufmann und als Barkeeper (Nebenjob) knapp 9000 Euro angespart. Da meine Reise dann doch etwas länger verlief, habe ich mir durch meine Work & Travel Visa in Australien und Neuseeland Geld dazuverdient. Ebenso habe ich diverse Voluntärarbeiten in verschiedenen Ländern gemacht. Hierbei verdient man zwar kaum etwas, kann sich aber viel Geld durch kostenlose Unterkünfte und Verpflegung sparen. Ansonsten kamen noch Gelegenheitsjobs dazu. In Kanada habe ich für jemanden sein Boot geholfen zu reparieren und er hat mir für zwei Tage 200 Dollar bezahlt. Oder irgendwie habe ich es auch geschafft, ein paar Dollar als Stripper in Las Vegas zu verdienen (schmunzelt). Seit 2016 bin ich selbstständig und während andere viel Wert auf materiellen Wohlstand legen, investiere ich wohl mehr in Reiseerlebnisse.

Die schönsten Strände sind auf den Fidschi-Inseln

Credit: Nick Martin

 

Welches Land war für dich überraschenderweise ein Highlight?

Bis heute finde ich Mexiko wunderschön. Hat wohl auch damit zu tun, weil es das erste Land war, welches ich auf meiner ersten Reise erlebt habe. Da entstanden viele neue Eindrücke. Generell habe ich kein Lieblingsland – denn es hängt immer davon ab, welche Leute man trifft und welche Abenteuer man erlebt. Ich müsste es in verschiedenen Kategorien einteilen. Die besten Strände: Fidschi, Philippinen und Sansibar. Das beste Essen: Mexiko, Thailand, Indien und Argentinien. Den größten Spass: USA. Das hat vielleicht was mit meinem Job als Stripper zu tun gehabt. (lacht) Natur: Kanada, Peru, Bolivien, Vietnam, und Südafrika. Der beste Lifestyle: Australien.

In Kuba wirst du als laufende Geldmaschine angesehen

Welches wiederum ein Reinfall?

Mir schmeckte das Essen in Kuba nicht sonderlich. Generell ist es mir in diesem Land anfangs etwas schwergefallen, mit den einheimischen Menschen Kontakt zu knüpfen. Bedingt durch den Sozialismus und Kommunismus, aber auch verständlich, dass Reisende oftmals als laufende Geldautomaten angesehen werden.

Welches Land erschien dir als sicherstes? Immerhin ist eine Reise in unbekannten Gegenden nicht immer ganz so ungefährlich – insbesondere leider wenn man als junge Frau unterwegs ist.

Generell bist du als Reisende nie «alleine». Du knüpfst schnell neue Freundschaften oder kommst schnell in Kontakt mit anderen Reisenden. Aber auf deine Frage bezogen: Thailand, Mexiko, Indonesien, Westeuropa, Peru, Argentinien, Boliden, USA, Kanada und Uganda. Hier will ich aber auch anmerken, dass man mit gesundem Menschenverstand viele «dumme» Situationen vermeiden kann. Du solltest dich trotzdem vorab informieren und nicht unbedingt dein Glück absichtlich herausfordern. Beispielsweise nachts allein in unbewohnten Gegenden mit Kamera um den Hals herumstreunen. Eher nicht so klug.

Der mittlerweile 35-jährige Unterfranke, kommt bald auf eine Schweiztournee und gastiert am 5. April im Südpol. Credit: Nick Martin

Wieso kam Europa in deinem Buch nicht vor? Gab es spezielle Gründe? Wie wäre es denn mit der Schweiz? Ist doch ganz schön hier.

Europa habe ich schon bereist. Ob Schweden, Niederlande, Spanien, Portugal, Italien, Tschechien, Slowenien, Ungarn, Bosnien, Kroatien, Dänemark oder Irland. Aber sehr oft werden unsere Nachbarländer nicht als «exotische» Ziele angesehen. Und ja, die Schweiz ist «hueregeil». Ich durfte 2014 in Zürich wohnen und auch während meiner Touren bin ich immer super gerne in der Schweiz. Die Shows sind dort immer superlustig und das Schweizer Publikum feiere ich total. Da kommt schon Vorfreude auf die bevorstehende Tour mit Explora auf.

Nach welchen Kriterien wählst du die Länder aus? Kannst du unseren Leser:innen dazu Tipps geben?

Unterschiedlich. Meistens bin ich sehr spontan unterwegs. Mittlerweile habe ich auch ein paar Länder, die ich gerne öfters bereise. Es kommt immer auf den Zweck an. Mehrmals war ich schon in Mexiko, El Salvador, Indonesien und Portugal. Meist habe ich auf meiner Bucketlist eine Erfahrung notiert und suche mir dahingehend das passende Land aus. Zum Beispiel der «Irontrain» in Mauretanien, Wandern im Yukon (Kanada), Roadtrips durch Schottland und so weiter.

Wenn es eine längere Reise sein soll, recherchiere ich natürlich auch die Wetterbedingungen, ungefähre Routen und was es dort so zu erleben gibt. Bei einem Trip durch Asien einfach mal Freunde in Bangkok besuchen. Danach ein Bootstrip durch Laos, gefolgt von einer Motorradtour in Vietnam und dann noch surfen in Lombok.

Was hast du aus deiner Heimat vermisst? Und gab es deiner Heimatstadt Würzburg gegenüber Wermutstropfen, wenn man so lange weg ist?

Klar vermisst du deine Freunde, wenn du länger unterwegs bist. Aber du hast dich ja selbst entschieden, reisen zu gehen. Daher ist das Heimweh auch mal mit einem Telefonat mit Freunden zu bewerkstelligen. Ansonsten gibt’s immer ein paar Momente, an denen man sich gerne mal zurück in die Heimat «beamen» würde. Ob ein Cliquentreffen am Main mit Bier und Grillen. Oder mal eine Geburtstagsfeier meiner Neffen oder der Gurkensalat von der Mama (lächelt).

Hast du im Laufe der vielen Reisen zum Thema Heimat oder mit dem Begriff ein anderes Verständnis entwickelt?

Der Begriff Heimat definiert sich tatsächlich neu bei so vielen Reisen. Es wird eher ein Gefühl als ein fester Ort. Würzburg wird immer meine Heimat sein. Mit all seinen Facetten. Aber «zu Hause» fühl ich mich eher mit Boardshorts und Surfbrett an den abgelegenen Stränden mit gleichgesinnten Menschen aus aller Welt mit tiefen Gesprächen und einem kalten Pale Ale in den Händen, Salz und Sand in den Haaren mit Blick auf einen pazifischen Sonnenuntergang.

Credit: Nick Martin

Du bist momentan von Südafrika via Uganda gereist, richtig? Was hast du in Uganda gemacht und liegt der Fokus auf Surfen in Südafrika?

Der ursprüngliche Plan war, von Uganda über Ruanda und Kenia nach Südafrika zu reisen. Da ich die letzten drei Monate aber mit Bandscheibenvorfall «zu Hause» verbracht habe, ging es mit einem Kurztrip in die Dominikanischen Republik nach Südafrika. Hier in Südafrika liegt der Fokus nicht nur auf Surfen (aber ist definitiv ein großer Teil davon). Aktuell geniesse ich hier den Sommer, Natur, Kulinarik und die unendlichen Möglichkeiten der kleinen Ausflugsziele rund um Kapstadt mit meiner Freundin. Hier werde ich noch einen Monat verbringen, bevor ich für einen Monat dann wieder in Deutschland und in der Schweiz ein paar Auftritte habe.

Du hast viele Lesungen und Vorträge zu deinem Buch gehalten. Warst du überrascht, dass so viele Menschen zu deinen Auftritten kamen? Wie bist du damit klargekommen?

Tatsächlich ist das Buch erst 2019 erschienen und meine Liveshows habe ich 2016 gestartet. Aber ja, ich war völlig überrascht, dass ich mit der Thematik einen solchen Zeitgeist getroffen habe. Es zeigt auf, dass sich viele Menschen mehr damit beschäftigen, eher ein «freieres» Leben zu führen als für den Kontostand und materiellen Reichtum zu arbeiten. Natürlich kommt nach dem Erfolg meiner Show und meinen Büchern viel Aufmerksamkeit von allen Richtungen.

Ich glaube damit gut klarzukommen. Klar, langsam wird es Zeit, damit mir jemand bei meiner Vision und in meinem Unternehmen als rechte Hand zu Seite steht, damit ich weiterhin meine Mission verfolgen kann, meine Mitmenschen dabei zu unterstützen, ihr Leben mehr als Abenteuer zu gestalten.

Das Reisen ändert sich natürlich im Laufe der Zeit. In 20er-Dorms muss ich heute nicht mehr schlafen (was auch nicht so geil für meinen Rücken wäre), dennoch bleibe ich wohl im Herzen immer Backpacker (schmunzelt).

Im Herzen bleibe ich immer Backpacker

Hast du im Lauf der Jahre neue Sprachen gelernt?

Als Franke kann ich ja heute angeblich kein richtiges Deutsch sprechen (lacht herzlich). Auf meinen Reisen konnte ich mein «Schulenglisch» erweitern und verbessen und habe dazu noch Spanisch gelernt. Damit kommt man als Basis schon gut in der Welt zurecht. Wenn man «Bula» auf den Fidschis spricht, kann man gefühlt komplette Gespräche mit dem Wort führen. Ein paar Wortfetzen in Französisch, Schwedisch und der Klassiker wie «Danke, bitte, nein, ja» und so weiter in gefühlt jedem Land, wo man reist, sollte jeder bei Ankunft mal gehört haben. Es geht nicht darum, jede Sprache perfekt zu beherrschen, eher darum, den Locals auch zu zeigen, dass man sich bemüht. Außerdem kommt man so viel schneller in Gespräche mit Einheimischen.

Besitzt du ein Lieblingswort, oder auf deinen Reisen womöglich eins gefunden?

«Bula!»

Was würdest du einem 20-Jährigen, oder einer 20-Jährigen heute empfehlen, wenn er oder sie für ein halbes Jahr verreisen möchte? Sagen wir nach Mittelamerika.

Lerne Spanisch! Geh unbedingt nach Guatemala und plane nicht zu viel im Voraus. Die schönsten Momente im Leben passieren immer spontan. Die besten Reisetipps gibt’s immer vor Ort. Oder ich würde meinem 20-jährigen ich einfach eine Fistbomb geben und sagen «have fun und enjoy the ride!»

Titelbild: Luca König

Weitere Informationen zu seinem Buch findet ihr hier im Artikel.