Aufgemischt Gepresstes Musik

«Ohne grosses fancy Zeug drumherum» – Anna Erhard über ihre Musik5 min read

27. März 2022 4 min read

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«Ohne grosses fancy Zeug drumherum» – Anna Erhard über ihre Musik5 min read

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Am vergangenen Mittwoch trat Anna Erhard in der Schüür auf. Wir nutzten die Gelegenheit, ihren Klängen zu lauschen und gleich noch mit der bezaubernden Churerin zu plaudern.

Ich möchte gleich zu Beginn mit dem grossen Dämpfer anfangen: Leider fanden sich für Anna Erhards Konzert nur gerade 13 Leute ein. Das ist schade und teils noch ein Effekt der Corona-Pandemie. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Anna vor gut vier Jahren nach Berlin zog, sich quasi der ländlichen Aufmerksamkeit entzog. Dies aber aus gutem Grund, wie sie uns erzählt:

«Mir war ehrlich gesagt ein bisschen langweilig in Basel und die Band (Anm. d. R.: Serafyn) war im Begriff «auseinanderzubröseln». Ich spürte, dass mich hier nichts mehr hält, um meine Musik weiter zu vertiefen. Mein Produzent, Pola Roy, hat in Berlin sein Studio. Ich dachte mir, das wär doch was. Natürlich wirkt es auf den ersten Blick naheliegend zu sagen, gerade wenn man aus der Schweiz kommt…und ich dachte anfangs auch «wöööhhh, gehen eh alle nach Berlin». Ich wollte aber in eine grosse Stadt und Berlin ist rückblickend eine gute Idee für mich gewesen.»

Wer nicht weiss, wie Anna Erhard klingt, erhält hier noch eine Kostprobe.

Anna selber findet es schwierig, ihre Musik definieren zu wollen: «Pppfffffftt…schwierig. Stilistisch vielleicht am ehesten als Indie Pop, aber der Begriff sagt mir selber nicht viel. Auf jeden Fall sehr reduziert und es soll in einem Trio aus Bass, Gitarre und Schlagzeug funktionieren, ohne grosses fancy Zeug drumherum.»

Anna Erhards erste Gehversuche als Einzelkünstlerin

So war es dann auch: begleitet von Drum und Bass begann sie das Konzert. Keine grossen Vorworte oder Ankündigungen. Dafür alles sehr gediegen und ohne Hektik oder fancy aufgesetztem Krimskrams. Die Songs versprühen eine melancholische Leichtigkeit, die zum Augenschliessen und Wegdriften einladen. Die innerliche Reduziertheit der Lieder zeigt sich auch in der Person Anna Erhards. Sie verliert kein Wort zu viel zwischen den Stücken und wirkt beinahe schon etwas scheu. Sicherlich eine persönliche Qualität, vielleicht aber auch, weil sie nun erstmals als Solokünstlerin live tourt:

«Ich spiel im Prinzip eigentlich noch immer mit einer Band (auf Tour), aber es ist sicher im Aufnahmeprozess für ein Album ein Unterschied, weil ich alles selber schreibe und mit dem Produzenten über meinen Ideen kreise und denen gezielter nachgehen kann. In der Band gab es sicherlich öfter Diskussionen wer was spielt, aber es war zugleich wohl auch entspannter, da sich alles verteilt auf mehrere Köpfe. Solo steht natürlich gross mein Name und dies bringt eine andere Aufgabe mit sich. Das Songschreiben liegt mir so mehr, weil ich stärker merke, was mir wirklich gefällt und mich mehr entfalten kann. Live zu spielen ist noch am Beginn, da werde ich noch rausfinden, ob mir das mehr gefällt als als Teil einer Band.»

In ihren Texten geht es um die direkte Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen und das Umfeld um sich herum. Es wirkt alles pur und dies bringt sie auch live rüber. Sie variert den Gesang, manchmal klingt es beinahe schon nach einer Lesung mit Musikunterstützung. Aber stets harmonisiert die Stimmung mit dem Gesagten. Halt sehr persönlich. Und gerade deshalb hat es mich neugierig gemacht, weshalb sie die persönliche Note nicht verstärkt, indem sie in ihrer Muttersprache Bündnerdeutsch singt.

«Das war keine bewusste Entscheidung, das ist wohl mehr, weil man selber vor allem englische Musik gehört hat. Man imitiert ja in allem was man macht, was man von aussen aufnimmt. Mundart habe ich schon probiert, aber es hat noch nicht so richtig gefunkt. Die Melodien funktionieren nicht so gut wie im Englischen, man müsste andere Wörter wählen und somit irgendwie auch andere Musik machen. Die meisten Bündner rappen ja. Ist ja auch cool. Siehe zum Beispiel Sophie Hunger, aber auch da scheint für mich dass die schweizerdeutschen Lieder ganz anders klingen als die englischen. Sicher interessant aber, mal damit zu experimentieren in der Zukunft», erzählt uns Anna Erhard.

Für Anna war dies erst der Anfang

Nach gut einer Stunde und einer Zugabe verabschiedet sich Anna Erhard von der Bühne. Das Gehörte hat mir sehr gut gefallen und das Tolle daran, das vieles neue Stücke waren. Gut die Hälfte des Sets ist noch relativ frisch. Anna verriet uns, dass in den nächsten Monaten häppchenweise Songs erscheinen werden und im Herbst ein neues Album in den Startlöchern steht. Wir dürfen also gespannt sein, was uns noch alles aus Berlin erwartet. Trotzdem wollte ich noch wissen, ob sie nicht auch was aus der Schweiz vermisst: «Es richtig guets Zmorge (lacht). Hier in Berlin ist es so hipsterfancy, so eben Poached Egg Avocado, ist ja auch easy. Aber wenn ich bei meinen Eltern bin, dann gibt es einfach so gutes Brot und richtig feinen Käse. Auch ein bisschen die Natur, die die Schweiz bietet, die Berge, meine Grossmutter in den Bergen besuchen. Und sicherlich ein paar meiner engeren Freunde.»

Was zum Abschluss nicht fehlen durfte, war die Frage nach einem Lieblingswort im Schweizerdeutschen?

«Hmm, ich könnte hier nun Bündner Klischees bedienen. Aber durch Berlin fällt mir persönlich auf, welche Schweizer Worte man oft gebraucht, die für Deutsche nicht geläufig sind. Zum Beispiel unser «huere», und die Reaktion war so «Waaaaasss? Was ist das für ein Wort?» (lacht laut). «Schuufle» (Schneidezähne) haben wir heute gerade herausgefunden, dass dies bei Deutschen nicht bekannt ist. (Nach langer Pause noch) Ahhh, Bissoguet sag ich ganz gern und oft.»

Wie schon erwähnt folgt im Herbst ihr zweites Solo-Album und wird den Titel «Capside» tragen. Bis dahin empfehlen wir euch, regelmässig auf ihrer Homepage nach neuen Auftritten zu schauen. Ein Besuch lohnt sich wirklich. Für jene, die selber oft über das eigene Leben reflektieren. Oder einfach für alle, die für eine kurze Ewigkeit aus dem Trott ausbrechen wollen und in Träumen schwelgen möchten.

 

Bild: Silvio Fischer