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Unproblematische Pornografie: aber wie?4 min read

23. Mai 2022 3 min read

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Unproblematische Pornografie: aber wie?4 min read

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In den vergangenen Jahren hat die Thematik der ethisch vertretbaren Pornographie immer mehr an Aufmerksamkeit erlangt. Das Ziel, auf eine Weise erotische Inhalte zu produzieren, die sowohl für Performe:innen als auch Konsument:innen ein gutes Gefühl gibt, verfolgt die Produktionsfirma «OIL Productions» aus Lausanne. Wir haben uns vor Kurzem mit Nora Smith, eine der Gründungspersonen von OIL unterhalten, um mehr über die Arbeit hinter den Kulissen zu erfahren.

Die Pornoindustrie ist eine der grössten Geldmaschinen der Filmbranche – ihr globaler Wert wird auf mehr als 97 Milliarden Dollar geschätzt. Seiten wie Pornhub, Redtube oder XVideos verzeichnen täglich Millionen aktive User:innen auf ihren Plattformen, erstere teilweise sogar mehr als der Streaming-König «Netflix». Das Angebot an Inhalten ist riesig: Sämtliche Vorlieben werden abgedeckt, jeder Fetisch wird bedient. Doch die Videos stammen oftmals von Privatpersonen oder es handelt sich um illegale Wiederhochladungen. Dabei werden zahlungspflichtige Videos raubkopiert und dann gratis auf anderen Plattformen gezeigt – Performer:innen gehen dabei leer aus.

Das wird unweigerlich problematisch. So kursieren im Netz Inhalte, die Minderjährige zeigen oder solche ohne Konsent der gezeigten Personen. Pornhub musste aus diesem Grund vor etwa eineinhalb Jahren mehrere Millionen Videos löschen. Um genau solche Umstände in der Welt der Pornographie zu verhindern, setzen sich Kollektive und Produktionsfirmen wie OIL Productions ein. Doch wie kann man sich das vorstellen?

Irgendwo zwischen Pornoproduktion und Liebesbeziehung

«OIL Productions ist eine Gruppe von Freund:innen und Liebhaber:innen. Unser Umgang gleicht dem einer grossen (romantischen) Beziehung: Manchmal gibt es Spannungen, manchmal hast du wenig Zeit oder du steckst all deine Zeit und Energie für die Produktion hinein. Wir sprechen offen miteinander und sprechen untereinander Probleme an.», erklärt uns Nora. OIL besteht aus sechs Personen, früher aus sieben. Nora erzählt, dass die Leute, die bei OIL dabei sind, kommen und gehen dürfen, wie sie wollen. Die Hierarchie im Kollektiv sei «dekonstruiert».

In OIL-Filmen spielen oft Menschen mit, die im Kollektiv mit dabei sind. So kann man einerseits sichergehen, dass sich die Leute bereits gut verstehen, und zweitens braucht es kein ‘Casting’. «Anfänglich haben wir einfach über die Dinge geredet haben, die uns interessierten. Diese Diskussionen leiteten uns dann zur Performance. Wir haben mit Selbstversuchen gestartet, um zu sehen, wie wir auf die Präsenz einer Kamera reagieren. Das war alles Teil des Prozesses, auch um unser Filmschaffen kritisch zu beurteilen.»

Ein ‘echter’ Porno

«Wir haben ein Konzept für jeden Dreh, aber ein sehr abstraktes, damit sich die Idee noch weiterentwickeln kann. Wir schreiben jede Szene eigentlich laufend um. Manche Dinge machen wir nicht nochmal, weil sie beim ersten Versuch nicht funktioniert haben. Auch arbeiten wir viel mit Paaren, die regelmässig Sex miteinander haben können. Wenn es aber Personen sind, die noch nie miteinander Sex hatten, dann diskutieren diese im Vorhinein, was ihre Vorlieben sind. Das sind aber Gespräche, die auch Menschen, die regelmässig miteinander schlafen, haben sollten. Es ist dasselbe, auch ohne Kamera – einfach offen darüber reden, wie man es mag. Es ist also wie «in echt».»

Was Nora sagt, ist leider nicht die Norm in der Pornoindustrie. Die «klassische» Pornoszene, wie man sie vor Allem aus den USA vor den Augen hat, ist geprägt von Machismo und Missbrauch.

Von Pinkwashing profitieren?

Zum Glück hat die Globalisierung durch das Internet in punkto Pornographie und ethischer Produktion auch gute Seiten: Plattformen wie OnlyFans ermöglichen es Privatpersonen, die Sexarbeit leisten, ihren eigenen Content zu produzieren, mit oder ohne Partner:innen, und damit Geld verdienen können. Ebenso wichtig sind auch Produktionsfirmen wie OIL Productions, für die das Wohl der Performer:innen an erster Stelle steht. Auch grosse Produktionsfirmen haben angefangen, ihre Inhalte spezifisch an bestimmte Personengruppen zu vermarkten, wie zum Beispiel an queere und nonbinäre Personen.

«Es ist eine Art von «Pinkwashing», Inhalte spezifisch für queere Personen zu produzieren, nur weil diese nun sichtbarer sind. Auf der anderen Seite ist es aber auch gut, wenn grosse Firmen sich von der Community inspirieren lassen. Das ist vor allem gut, wenn es darum geht, die Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. Ich denke, wenn diese Entwicklungen schon ein oder zwei Menschen auf dieser Welt dazu bringen kann, ihre Sicht auf das Thema Sexualität zu überdenken, ist das schon toll.»

Grundsätzlich sieht die Zukunft der Pornoindustrie besser aus, als deren Vergangenheit. Viele Probleme bleiben dennoch bestehen: Pornoproduktionen mit Fokus auf Ethik sind noch klar in der Unterzahl und die Ausnutzung von Sexarbeiter:innen durch das unbefugte Wiederhochladen deren Contents hält an. Aber genau deswegen ist es wichtig, dass sich Firmen wie OIL Productions ihren Platz nehmen und eine neue Sicht auf eine Branche ermöglichen.