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Bad Bonn Kilbi: Ein Flirt mit dem Weltschmerz3 min read

7. Juni 2022 3 min read

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Bad Bonn Kilbi: Ein Flirt mit dem Weltschmerz3 min read

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Zwischen dürftigen Cardinal-Schirmen und Coca-Cola-Bänken gestaltet ein stets abenteuerliches Programm die heurige Ausgabe der Bad Bonn Kilbi in Düdingen. Ein geradliniges Festival ohne definierbares Highlight, dafür mit einem herausragenden Programm, das uns viel über die Gegenwart erzählt.

Gegensätzlichkeiten und musikalische Herausforderungen werden an der Bad Bonn Kilbi seit eh und je gross geschrieben, ja zelebriert. An der diesjährigen Ausgabe des international renommierten Musikfestivals Bad Bonn Kilbi in Düdingen macht es ihm das Wetter gleich. Wer in der Nacht von einem kompromisslosen Gewitter überrascht wurde, den erwartet am nächsten Festivaltag ein ebenbürtiges Musikprogramm.

Wenn Musik Furcht und Angst auslöst

Daniel «Duex» Fontana, Gründer und Booker des jährlichen Musikeldorados verzichtet in seiner Programmierung des Dreitägers auf grosse Banger und setzt dafür auf wilden Avantgarde-Tumult. Da sind Landmaschinen aus Indonesien, die Gebet und Hardcore-Musik gemeinsam mit furchteinflössenden Psalmen vereinen. Und kreischende Gitarren von den Idles, Film 2 und Machine Girl.

 

Sie stossen uns vor den Kopf, fordern heraus, bringen die in unseren Hirnen vorhandene Sortierung durcheinander. Darbietungen, die mit zu viel Rationalität nicht gefasst werden können. Hier werden heuer Trommeln nicht nur geschlagen, sondern auch verprügelt.

Destruktivität und Exzess gelten hier als Kunstform, immerzu mit einem grossen Herz fürs Publikum. Und dennoch trifft diese Rohheit und Aggressivität auf eine schon fast unanständige «Smoothness», die von Künstlerinnen wie beispielsweise dem Publikumsmagnet Oklou über das Gelände schweben. Scheinbare Unvereinbarkeiten, die die Kilbi so schön kontrovers werden lassen.

Es sind Scheisszeiten

Die Moral der Gegenwart scheint dem Festival dieses Programm abzuverlangen. Es ist ein Flirt mit dem Weltschmerz, der in den Adern des kollektiven Gemütszustands kursiert. Es sind richtige Scheisszeiten. Erzählt uns das die Kilbi 2022? Insbesondere die ersten zwei Tage sind geprägt von jähzornigen Schreien und überspannt bespielten Instrumenten. Sie sind ein Befreiungsschlag für viele Künstler:innen und halten den einen oder anderen Waterloo-Moment für das Publikum bereit.

Vierdimensionaler Erholungsakt

Auch viele der ruhiger anmutenden Acts, die die Kilbi dieses Jahr zieren, kommen tendenziell mit einem Ballast daher, derauch Tage nach dem Festival noch auf der Seele des einen oder anderen Gastes haften bleiben dürfte. Die Musik fährt richtig ein – auf welcher Schiene auch immer. Doch nicht nur Schwere hat das Festival dominiert.

Das Programm auflockern tun Acts, die leichtere Kost auf der Menükarte stehen haben. Konzerte von «Kamaal Williams», «Los Bitchos», «Black Country, New Road», oder auch jenes von «Kid Sebastian» verschlingt das Publikum regelrecht mit vollen Löffeln, um wieder genügend Energie für die kommenden Gewitter zu tanken.

Die Exzentrik im Festivalprogramm stellt das Publikum vor eine mittelgrosse Herausforderung. Ähnlich wie das Wetter über dem Schiffenensee. Doch nebst der wie gewohnt überaus hohen Qualität der Musik in stets überraschender Manier lässt es auch immer wieder Zeit zum Verschnaufen.

Beim Baden im See kann man Musik von Hans Koch, Martin Schütz und Julian Sartorius nicht nur hören, sondern auch im Wasser geleitet erfahren. Mit dem Joyfull Seeorchester laden die drei Komponisten zur Teilnahme an einer so noch nie gesehenen Performance.

Knapp zehn Boote kreuzen in der Bucht vor Düdingen auf und ab, auf jedem von ihm wird ein Instrument gespielt. Dirigiert wird vom Sandstrand aus, wo sich das Publikum im lauen Schatten unter der Mittagssonne sein erstes Dosenbier oder einen Schluck Prosecco genehmigt. Eine Seeoper der anderen Art, 4D und garantiert genügend ausgefallen, um dem Kilbi-Programm alle Ehre zu machen.

Man bekommt, was man bekommen will – und muss

Die Bad Bonn Kilbi 2022 war brutaler und intensiver als auch schon. Auch in der ersten Ausgabe nach zwei Jahren (quasi) Pause bleibt sie ein Festival ohne Pardon, das musikalisch herausfordert und überrascht. Der Programmierung gelingt es einmal mehr, mit gewollten emotionalen Hochs und Tiefs zu verblüffen, die den Nerv der Zeit innert drei Tagen zu treffen vermag. Und das tut halt manchmal ein bisschen weh.

Bilder: Jan Rucki/frachtwerk