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«Julian ist eine Meerjungfrau» und «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» – im Gespräch mit Livia und Annina von der Lotte8 min read

21. Juni 2022 6 min read

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«Julian ist eine Meerjungfrau» und «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» – im Gespräch mit Livia und Annina von der Lotte8 min read

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Schon seit einem Monat steht die kämpferische Bibliothek Lotte nicht mehr neben dem RäZel (Revolutionäres Zentrum Luzern). Momentan ist sie an der Industriestrasse einquartiert. Im Gespräch verraten uns Livia und Annina aus dem Lotte-Kernteam, wie ihre Zukunftspläne aussehen und empfehlen ihre Lieblingsbücher.

Wir treffen Livia und Annina, beide im Kernteam der kämpferischen Bibliothek Lotte aktiv. Im wohligen Bauwagen, umgeben von rund 1000 Büchern, erzählen sie mir wie das Projekt Lotte zustande gekommen ist. Lange stand die rollende Bibliothek beim RäZeL (Revolutionäres Zentrum Luzern), gleich am Freigleis. Nun musste sie vor rund einem Monat wegziehen und wird das in Zukunft wohl öfters tun.

frachtwerk: Lotte ist die kämpferische Bibliothek in Luzern… Wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Annina: Wir wollten, dass es um widerständige Literatur geht. Das heisst darum, verschiedene Kämpfe zu beleuchten und an einem Ort zusammenzubringen. Lotte kommt ja von Lotta, was Kampf bedeutet auf Italienisch. Der Begriff wurde vor allem durch die Arbeiter:innenkämpfe geprägt. Wir haben die Mehrzahl verwendet, da schliesslich verschiedenste Kämpfe zusammengebracht werden.

Livia: Es geht vor allem auch um das Gesellschaftskritische und empowernde Kämpfe. Nicht, dass es nur um Strassenschlachtenliteratur gehen würde. Wir sehen den Begriff des Kampfes sehr breit.

frachtwerk: Was hat euch inspiriert und motiviert eine mobile Bibliothek zu erschaffen?

Livia: Das mit dem Mobilen war ganz zufällig. Vor bald drei Jahren kam an einem stadtweiten Vernetzungstreffen die Idee auf eine alternative Bibliothek zu schaffen. An diesem Treffen wies eine Person auf einen alten Bauwagen in Biel hin, der bereits eine Bibliothek enthielt. Dieser wurde nicht mehr gebraucht und so durften wir ihn ausleihen. Er ist auch bis jetzt noch ausgeliehen…

frachtwerk: Ist ja auch etwas Einzigartiges, so eine fahrbare Bibliothek, oder?

Livia: Das liegt jetzt nicht unbedingt an der Mobilität aber dadurch, dass die Lotte ein eigenständiger Raum ist, ist die Zugänglichkeit sehr niederschwellig. Sie befindet sich nicht in einem Gebäude wo du zuerst noch rein musst. Du stösst wirklich direkt von draussen an die Bibliothek. Im Sommer, wenn es schön ist, kannst du die Tür offen haben und von aussen ist gleich ersichtlich, dass da eine Bibliothek ist.

frachtwerk: Könnt ihr uns erzählen wie ihr die Lotte organisiert?

Livia: Wir sind ein Kernkollektiv von momentan sechs Leuten, das seit Anfang mehr oder weniger konstant ist. Einmal im Monat treffen wir uns und organisieren Schichteneinteilung, beantworten Mails, bestellen neue Bücher. Wir nehmen uns dem ganzen Adminaufwand an. Für die Betreuung der Lotte während der Öffnungszeiten können wir auf einen relativ grossen Pool von Leuten zählen.

Annina: Sowohl das Kernteam als auch die Helfer:innengruppe ist immer offen für neue Leute. Wir verstehen uns als offenes Kollektiv und da können und sollen immer neue Menschen dazukommen die Ideen haben und zur Weiterentwicklung beitragen.

frachtwerk: Wie organisiert ihr das mit den Büchern? Wie kommen neue Bücher und wie habt ihr es geschafft, dass jedes einzelne seinen Platz im Wagen findet?

Annina: Als wir den Wagen übernahmen, hatte es schon Bücher drin. Die waren aber alle relativ alt. Da haben wir ziemlich aussortiert. Es besteht ein Archiv in dem ein Teil davon noch vorhanden ist. Im Wagen hätten wir zu wenig Platz. In den letzten zwei Jahren schrieben wir viele verschiedene Verlage an, welche uns Bücher spendeten oder zu guten Konditionen verkauften. Auch Freund:innen und Leute, welche die Bibliothek besuchen, bringen Bücher vorbei.

Livia: Wir haben schon ein Platzproblem. Trotz Aussortieren kommen wir wieder an den Anschlag. Manchmal müssen wir, wenn ein Buch zurückkommt etwa zehn Minuten schieben um es am richtigen Platz einzuordnen.

frachtwerk: Bezüglich des grossen Angebots und der Diversität an Büchern… Welche Resonanz bekommt die Lotte?

Annina: Es gibt halt die öffentlichen Bibliotheken in Luzern und das hier zieht schon eher Menschen an, die etwas Anderes suchen. Ich habe mir im Hinblick auf Lotte sehr gewünscht einen Ort zu kennen oder auch aufbauen zu helfen, bei dem ich weiss, dass ich Bücher finde, die meinen Horizont erweitern. Auch werde ich durch eine Vorauswahl auf schwierige Inhalte vorbereitet bevor ich das Buch lese.

frachtwerk: Es besteht ja schon dieser Kanon an gelesener Literatur. Da ist die Frage wer gelesen wird und wer eine Stimme bekommt oder eben nicht in öffentlichen Bibliotheken, die viele Besucher:innen zählen. Wie seht ihr das?

Livia: Die Verfügbarkeit ist bei uns schon ein Kriterium. Wenn wir Bücher aussortieren, nehmen wir jene raus, die zwar ihren gesellschaftskritischen Anspruch haben, jedoch in jeder öffentlichen Bibliothek zu finden sind. Auch wenn diese Bücher in öffentlichen Bibliotheken zu finden sind, muss man die suchen. Klar, wenn es nach Themen geordnet ist und man etwas Feministisches sucht, dann findet man das. Aber wir haben auch ziemlich viele Romane und die findest du zwischen all den Lovestories nicht.

frachtwerk: Für längere Zeit war die Lotte an der Horwerstrasse gleich neben dem Freigleis einquartiert. Nun musste sie vor etwas mehr als einem Monat weg. Wo steht die Lotte jetzt und wie geht es in Zukunft weiter?

Annina: Jetzt gerade steht sie an der Industriestrasse. Den Wechsel haben wir zum Anlass genommen zu überlegen, wie es weitergehen soll. Da kam die Idee, dass wir herumziehen wollen in der Stadt um dadurch verschiedene Orte kennenzulernen und zusammenzuführen. Momentan wäre die Idee verschiedene Orte, Räume, Gruppen anzufragen um für drei Monate den Wagen hinstellen zu können.

frachtwerk: Also ihr wollt in der Stadt bleiben und nicht in die Agglomeration?

Livia: Das ist noch nicht klar. Es gäbe in Kriens eins bis zwei Orte, die wir uns überlegen anzufragen. Die Frage ist halt, ob die Leute, die jetzt Bücher ausleihen, noch kommen. Vor allem fragen wir uns auch, ob die Helfer:innen das mitmachen würden. Auf diese Leute sind wir wirklich angewiesen. Ich denke, solange wir Orte in der Stadt finden, bleiben wir in der Stadt.

frachtwerk: Jetzt ein bisschen weg vom ganzen Organisatorischen und zu euch persönlich: Welches ist euer Lotte-Lieblingsbuch, das ihr gerne an die Leser:innen weiterempfehlen würdet?

Livia: Schwierig da eines rauszupicken… Aber ich entscheide mich für Sprache und Sein von Kübra Gümüsay. In ihrem Buch geht sie der Frage nach, wie wir als Gesellschaft über unsere Probleme sprechen können, ohne den Hass der Rechten zu nähren – respektvoll, wohlwollend, ohne Angst vor Fehlern. «Sprache und Sein» ist gut zugänglich geschrieben, unterhaltsam und voller spannender Gedankengänge der Autorin. Obwohl es ein Sachbuch ist, schafft es die Autorin durch ihre Sprache und die vielen persönlichen Beispiele, nicht eine Zeile lang das Gefühl von trockener, staubiger Theorie aufkommen zu lassen. Wirklich sehr empfehlenswert.

Ich kann auch «Julian ist eine Meerjungfrau» von Jessica Love wärmstens empfehlen. Es ist ein Bilderbuch über Julian. Auf dem Nachhauseweg mit seiner Oma im Bus oder Zug treffen sie Meerjungfrauen an. Er findet, er sei auch eine Meerjungfrau und fängt an sich zu verkleiden. Er wird erwischt von der Oma. Sie reagiert mega cool und hilft ihm beim fertig verkleiden. Dann gehen sie zusammen raus. Eine sehr schöne Geschichte und wunderschön illustriert.

Annina: Es heisst «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch», geschrieben von Usama Al Shahmani. Es ist ein Roman und ich nehme an, dass dieser autobiografisch ist. Ich habe es sehr genossen die Sicht einer Person auf den Ort, an den sie hingekommen ist und sich irgendwie eingefunden hat, mitzuerleben. Für mich ist es ein Buch, das sehr sorgfältig erzählt. Es ist sprachlich sehr schön geschrieben.

«Wolf werden» von Katharina Morello ist ein weiteres Buch, das ich vor kurzem gelesen habe und weiterempfehle. Ich war da zuerst etwas skeptisch aufgrund der Erzählperspektive. Die Autorin beschreibt nicht selber, sondern erzählt von jemandem. Mit den Hintergrundinformationen am Ende des Buches erfährt man aber wie das Buch entstanden ist. Diese Person, die erzählt, das erzählerische Ich, hat der Autorin alles erzählt und diese hat gleichzeitig angefangen aufzuschreiben und dann wieder vorgelesen. Das gab dann einen Austausch. In diesem Buch geht es auch überhaupt nicht darum wie die Person in die Schweiz gekommen ist oder was hier geschehen ist, sondern einfach darum, was in ihrer Kindheit geschehen ist.

frachtwerk: Was waren denn eure schönsten Begegnungen im Zusammenhang mit Lotte?

Livia: Wir waren am Lettera Literaturfestival im Neubad mit Lotte. Da hatten die Verlage Stände und wir drehten eine Runde um uns bei ihnen vorzustellen. Es gab da ein bis zwei Verlage, die uns alle Bücher schenkten, die nicht mehr verpackt waren. Die Freude, welche die Menschen von verschiedenen Verlagen zeigten und so Wertschätzung für unser Engagement zu erfahren, war sehr schön!

Annina: Für mich war ein solches Ereignis der Feministische Streik letztes Jahr, als wir an der Demonstration mitgefahren waren. Da habe ich eine Zeit lang den Wagen betreut und fand es sehr schön wie viele Menschen da waren und Freude hatten, dass es diesen Ort gibt. Darauf freue ich mich auch, wenn wir jetzt wieder ein bisschen mehr umherziehen.

 

Good to know:

Das Kernkollektiv sucht Menschen, die Lust haben die Lotte zu betreuen und wären auch froh um Unterstützung im Kernkollektiv selber. Wichtig ist auch: Im Juni bleibt die Lotte am Samstag geschlossen, da momentan die Schichten nicht abgedeckt werden können. Momentan ist sie immer dienstags und mittwochs von 17 bis 19 Uhr geöffnet.

Auf der Webseite von Lotte findest du Rezensionen zu den Büchern und falls du gerne rezensieren würdest, melde dich gerne per Mail.

Als Abschluss der Solidaritätswoche findet am 2. Juli  das Himmelr(e)ich Strassenfest statt. Auf dem Programm von HelloWelcome steht unter anderem eine Lesung mit Gespräch zu «Wolf werden» mit Katharina Morello.

 

Bild: Flavia Schnyder