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Wie Optimismus zur kompromisslosen Dystopie wird – «Burning» von actNow2 min read

26. Juni 2022 2 min read

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Wie Optimismus zur kompromisslosen Dystopie wird – «Burning» von actNow2 min read

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Die Erde, sie muss brennen. Die Bestrebung, sich eine bessere Welt vorzustellen, verführt die Menschen und enthüllt eine dystopische Zerstörungsgewalt, die schlussendlich als einzige Zukunft akzeptiert wird. «BURNING» von ACTNOW thematisiert mit radikaler Bildsprache das brandaktuelle Thema der Klimakrise und die Hoffnung(-slosigkeit) der jungen Generation.

Text: Léon Schulthess

An einem geheimen Treffpunkt, genannt Fuchsbau, treffen sich verschiedenste Menschen, die das grosse Ziel verfolgen, die Welt zum Guten zu verändern. Sie kritisieren das bestehende System der herrschenden Konzerne und die Strukturen, ohne welche die Gesellschaft sich gar kein Leben vorzustellen vermöge. «Es esch scho emmer scheisse gsi», wird kommentiert. Die einzige Waffe, den Status Quo über den Haufen zu werfen, sei die Vorstellungskraft. In ihr und Sola, einer popkulturellen Erlöserin, fusst die jugendliche Hoffnung, die Änderung zu bewirken. Das Motto: «Exercise!». Mehr und mehr üben sie ihr Einbildungsvermögen, bis die Grenze zwischen Imagination und Realität verschwimmt.

Die momentanen Hitzetage verleihen der Produktion, für welche die Regie aus Gian Leander Bättig und Annina Polivka verantwortlich zeichnet, ein noch nahbareres und aktuelleres Setting. Obwohl die Wissenschaft warnt, Klimastreikende demonstrieren und Naturkatastrophen sich häufen, ignoriert die Politik die Tatsachen – dieses Unverständnis und die Verzweiflung aller Menschen, die die Welt gesund weitergeben möchten, wird auf der Bühne des Theater Pavillon spürbar. Die Ausweglosigkeit eröffnet den radikalen Weg, nichts mehr retten zu wollen, sondern alles neu aus der Asche aufsteigen zu lassen. Eine Schlussfolgerung, die so furchtbar und realistisch gleichzeitig ist.

Die Aufopferung des Ichs fürs grössere Ganze

Geschickt spielt die Produktion mit dem zentralen inhaltlichen Aspekt der Vorstellungskraft, welche durch das Nicht-Präsentieren des Gesagten dem Publikum aufgezwungen wird. Anhand visueller Bruchstücke, Off-Stimmen, Klängen und Musik oder gestischen Bildern, die alle das Geschehen andeuten, müssen die Zuschauer*innen ihre eigene Vorstellungskraft anwenden, um die gesamte Handlung wahrzunehmen. Das schlichte, archaische Bühnenbild, welches durch Licht und Animationen neue Szenerien erschafft, kommt der Stimmung des Fuchsbaus gerecht. Der inhaltliche Fokus auf Sola und das grosse Ziel lässt leider teils die verschiedenen Charaktere untergehen. Wiederum entspricht diese Gleichheit einem Kollektiv, welches das eigene Individuum zugunsten der Erlösung aufgibt.

Der von der hochangesehenen Sola verbreiteten Parole «Imagine a new world!» folgen die jungen Revolutionär*innen marionettenhaft. Ihre Verbissenheit zieht sie immer tiefer in ein Zukunftsbild, welches aus Wut, Hoffnungslosigkeit und unkritischer Ideologie besteht. Die Tragweite ihrer vermeintlichen Utopie wird ihnen erst bewusst, als es zu spät ist und die Doppeldeutigkeit von «humans make the world glow» ein flaues Magengefühl hinterlässt. Dennoch fällt der lange Premieren-Applaus des Publikums tosend aus. Die Eigenproduktion trifft einen Nerv der Zeit!

ACTNOW spielt «BURNING» noch am 29. Juni und 1., 2. Juli jeweils um 20 Uhr im Theater Pavillon Luzern.

Fotos: Benno Lottenbach

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