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Im Spannungsfeld Krankheit, Medizin und Kunst – Die Ausstellung «Take Care»4 min read

1. Juli 2022 3 min read

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Im Spannungsfeld Krankheit, Medizin und Kunst – Die Ausstellung «Take Care»4 min read

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Ein Himmel gewölbter Körper, ohne Kopf und ohne Arme, auf einer einfachen, mit einem karierten Tuch umspannten Liege, begrüsst alle Besuchenden der Ausstellung «Take Care – Kunst und Medizin» im Kunsthaus Zürich. Die fehlenden Gliedmassen lassen den knochigen Körper scheinbar in die Matratze eintauchen, hinein in eine andere Welt.

Text: Anna Diener

Diese erste Skulptur positioniert das Thema der Ausstellung: Der menschliche Körper als Interesse der Medizin, was in unterschiedlichsten Kontexten von Kunstschaffenden aufgegriffen wurde.

Ausstellungsansicht Take Care – Kunst und Medizin

Die Exposition im Kunsthaus Zürich beschränkt sich aber nicht nur auf den «kranken» oder «mangelhaften» Körper. Sechs Räume widmen sich je thematisch einem Teilaspekt des Verhältnisses zwischen Kunst und Medizin. Die Themen reichen vom «Goldenen Zeitalter» der Medizin, über Prävention und Prophylaxe von Krankheiten bis hin zur Hinterfragung unserer Normvorstellung eines Körpers. Darunter befindet sich auch ein Raum, der sich mit Seuchen und Pandemien befasst und in Bezug auf unsere kollektive Erfahrung der letzten zwei Jahre in einem besonderen Licht erscheint.

Kunst und Medizin – welches ist die Verbindung?

Im ersten Moment mögen sich die Besucher:innen fragen, inwiefern die Verbindung zwischen Kunst und Medizin von Bedeutung ist. Ein Blick auf die 300 Werke, einige erst 2022 geschaffen und andere bis ins 15. Jahrhundert zurückreichend, und es wird schnell klar, dass die Heilkunst schon früh im Interesse der Kunstschaffenden stand und es weiterhin bleibt. Dabei sind den Medien keine Grenzen gesetzt. In den sechs Räumen lassen sich von Zeichnungen und Malereien, über Videoarbeiten und Installationen bis hin zur Performance alles finden.

Darunter zum Beispiel das «Portrait of Paul Schreber (Designer by himself)» von Martin Kippenberger aus dem Jahr 1994 mit einer beachtlichen Grösse von 240 x 200 cm. Es zeigt ein Gehirn von oben auf orangem Untergrund, wobei die unterschiedlichen Teile mit mäandrierenden Linien verbunden sind.

Portrait of Paul Schreber (Designer by himself), Martin Kippenberger, 1994, 240 x 200 cm

Die Darstellungsmöglichkeit einer Nervenkrankheit

Paul Schreber, der Sohn des Mediziners Daniel Gottlob Moritz Schreber, nach welchem die Schrebergärten benannt sind, litt zeitlebens unter einer Nervenkrankheit. Er verfasste darüber seine Memoiren «Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken», woraufhin Sigmund Freud eine Abhandlung über Letztere schrieb. Jene wurde zu einer der meistdiskutierten klinischen Fälle der Psychiatrie. Kippenberger, der in diesem Gemälde eine von Schreber angefertigte Skizze aufgreift, reflektiert die Darstellungsmöglichkeit einer Nervenkrankheit. Der Rückgriff auf Material des Betroffenen sowie das Grossformat zeigen, wie mit dieser Thematik auf respektvolle Weise umgegangen werden kann.

Die Arbeitsutensilien eines Mediziners als Kunstwerk?

In der Ausstellung finden sich aber nicht nur Überlegungen über den Körper, sondern auch über das medizinische Material. Meret Oppenheim designte im Jahr 1936 Handschuhe, die auf ihrer Oberseite das Kapillarsystem der Hand wiedergeben. Im Jahr 1985 gab sie davon eine Serie von 150 Paaren in Produktion. Hände sind das Arbeitswerkzeug von Kunstschaffenden, genauso wie von Medizinern. Damit schlägt dieses Werk eine Brücke zwischen den beiden Tätigkeiten, die scheinbar weit voneinander entfernt sind, jedoch über die Art der Arbeit näher miteinander verbunden sind als gedacht.

Handschuhe (Paar), Meret Oppenheim, 1985, 22 x 8.5 cm

Einen anderen Ansatz verfolgt Michael Günzburger. In einer Serie von acht kleinformatigen Gemälden zeigt er unterschiedliche Varianten von Falschfarbentafeln, die von Mediziner in bildgebenden Verfahren verwendet werden. Die verschiedenen Ausführungen zeigen, dass das Erscheinungsbild dieser Tafeln von ästhetischen Präferenzen der ausführenden Person abhängig ist.

Schliesslich bildet der Raum «Prophylaxe, Komplementärmedizin und Selbstheilung» ein Highlight der Ausstellung. Der Wunsch nach der heilenden Wirkung der Kunst wird dabei ausgelegt und gleichzeitig hinterfragt. Darunter sticht Talaya Schmids «Healing CUNT» hervor. In einer aus vier einzelnen sich ergänzenden Teilen bestehende Tuftarbeit, traditionell weiblich und nebensächlich konnotiert, behandelt sie in diesem Werk die heilende Kraft der sexuellen Intimität.

Eine andere Sichtweise der Medizin

Die Ausstellung «Take Care – Kunst und Medizin» verfolgt ein neuerdings beliebtes Konzept, ein uns alle betreffendes Thema in Bezug zu künstlerischen Arbeiten zu setzten. Es gelingt darin, sie in einen Dialog zu setzen, der die Wichtigkeit und Unerlässlichkeit von beiden für unsere Gesellschaft unterstreicht. Die Ausstellung öffnet den Blick, schafft unerwartete Verbindungen und bereichert die Besuchenden in einer nachhaltigen Weise. Gerade nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre ist dies von besonderem Wert.

Die Ausstellung «Take Care – Kunst und Medizin» ist noch bis zum 17.07.2022 im Kunsthaus in Zürich zu sehen.

Bilderquelle: Zvg. Kunsthaus Zürich