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1984, fast vierzig Jahre später: George Orwells Klassiker unter der Lupe5 min read

3. Juli 2022 3 min read

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1984, fast vierzig Jahre später: George Orwells Klassiker unter der Lupe5 min read

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«1984»: Ein Klassiker der Literaturgeschichte. Von vielen gelesen, von vielen auch als Verfilmung gesehen. Die düstere Gesellschaftstopik der totalen Überwachung diente gar als Vorbild für Fernsehformate, so stand die Parole «Big Brother is watching you» gleich Pate für gleichnamige Reality Show. «1984» hat mittlerweile schon über 70 Jahre auf dem Buckel. Weshalb wir also Orwells Werk nun rezensieren und welche Aktualität es noch heute besitzt, erfahrt ihr hier.

Die Version, die ich in Händen halte, ist im letzten Jahr erschienen. Es ist eine von Lutz W. Wolff neu übersetzte Fassung. Die Rezension macht aber keinen Vergleich der Versionen, dazu müsste ich auch die originale Übersetzung überhaupt gelesen haben. Vielmehr möchten wir den und der Nichtkennenden das Werk näherbringen und etwas detaillierter besprechen.

Zuerst aber ein kleiner Wissensexkurs, weshalb nun eine neue Auflage erhältlich ist: George Orwell, gebürtig Eric Arthur Blair, machte sich einen Namen mit düsteren Gesellschaftssatiren. Seine bekanntesten Werke sind «Farm der Tiere» und eben «1984». Dieses veröffentlichte Orwell im Jahre 1949. Nur ein Jahr später verstarb er im Alter von 46 Jahren. Nun sieht das Urheberrecht einer geistigen Schöpfung im Literaturbereich eine Schutzdauer von 70 Jahren vor. Konkret endete der Schutz am 31. Dezember 2020, am Ende des 70. Todesjahres des Urhebers. Womit wir nun eben bei unserer Ausgabe sind.

«1984» könnte genauso gut auch «2015» heissen

Die Geschichte handelt von Winston Smith. Dieser lebt in einem dystopischen London einer Welt, welche in drei grössere Territorien eingeteilt ist. Die Gesellschaft selber ist eingeteilt in Prolls, die einfachen Arbeiter und die elitäre Schicht. Smith gehört der Arbeiterschicht an und verdient seinen Lebensinhalt mit dem Bearbeiten von schriftlichen Dokumenten jeglicher Art. Genauer gesagt: jedes Zeitzeugnis wird stets den aktuellen Geschehnissen angepasst und korrigiert. Die «Vergangenheit» wird also laufend neu geschrieben. Durch die umfängliche «Geschichtsfälschung” kontrolliert der Staat das Wissen respektive Nichtwissen der Gesellschaft. Hier sind durchaus Parallelen zur heutigen Informationsverbreitung und -überflutung zu erkennen.

Welche Machtkontrolle der Staat weiter hat, zeigt sich an einem «normalen» Tag in Smiths Leben: Alles wird mit Kameras überwacht, selbst die privaten Wohnungen. Überall werden Parolen über Banner und Werbetafeln eingetrichtert. Und der Alltag folgt strikten, zeitlich geregelten Riten, an denen alle teilnehmen müssen und von Staatsleuten beobachtet werden. In der Gesellschaft gibt es im Grunde genommen keine Emotionalität und Intimität mehr.

NeuSprech oder die Indoktrinierung der Sprache

Auch die Sprache wird mittels der Staatsorgane immer mehr reduziert. In der linguistischen Symbolik ist am stärksten ausgeprägt, dass die Gesellschaft über Nichtdenken, eine sprichwörtliche tote Passivität der Individuen, unter Kontrolle gehalten werden soll. Orwell hat diesbezüglich ein eigenes Wörterbuch, ja gar eine eigene Sprache, das «NeuSprech», entworfen. Die Sprache soll innerhalb von 9 Jahren auf ein Minimum reduziert werden. Begriffe wie «HassWoche», «DenkSchreib» oder «DoppelDenk» bestimmen die neuen Konventionen.

Schön, wie Orwell direkt im Namen des Protagonisten den Charakter abbildet. Denn Smith zweifelt immer stärker am Staat und der «Historie» und versucht das System zu umgehen. Durch sein Querdenken gerät er in den Konflikt mit der Obrigkeit und wird zu einem Problem, welches im System «behoben» werden muss. Sein Namensvetter Churchill galt auch als Revoluzzer und Querdenker, der das System hinterfragte. Zugleich trägt er mit Smith aber auch einen Allerweltsnamen, was seine Nichtbedeutung ebenso zur Geltung bringt. Er ist völlig austauschbar und steht hier nur für einen einzelnen Fall von vielen.

Im Konflikt mit dem System

Smith wird zunehmend zu einem Fremdkörper, welcher das System entfernen will. Er stellt sein ganzes Dasein in Frage und weicht immer mehr vom Staat ab. Er lässt sich sogar auf eine Liebesgeschichte ein, welche in seiner toten Hülle wieder Gefühle entfacht und seinen Glauben an ein richtiges Leben schürt. Smith plant, mit ihr abzuhauen oder gar weitere gleichgesinnte Aussteiger zu finden, um gegen das System vorzugehen. Bis diese verbotene Liebe entdeckt wird und er sein Schicksal beinahe selbstverschuldet besiegelt…

Die Geschichte ist in drei Teile gegliedert. Während der erste Teil dem Leser und der Leserin die Welt erklärt, widmet sich der zweite Teil der Liebesgeschichte, welche Winston mit Julia eingeht. Im dritten Teil schliesslich wird das unausweichliche Ende geschildert. Die Welt ist spannend aufgebaut und man kann mit Winston mitfühlen und möchte aus dieser Umklammerung ausbrechen. Die Spannung, etwas zu verändern und zu revolutieren, ist spürbar. Hier folgt aber leider ein starker Bruch: Der Roman enthält ein Buch im Buch. Dieses stellt das Manifest der «bösen» kommunistischen Seite dar, dem Feind des Systems. Über gut 50 Seiten wird hier staatsfeindliches Gedankengut relativ langweilig geschildert. Dies riss mich leider komplett aus der Geschichte. Und auch das zugegebenermassen vorhersehbare Ende zieht sich über weitere 70 Seiten.

Orwells Werk wird auch in 20 Jahren noch aktuell sein

Trotz dieser Kritikpunkte ist es faszinierend, wie stark Orwells Welt unserer gleicht. Die ständige Zersetzung der Geschichte kommt Fake News gleich. Und dies täglich permanent geändert und neu eingehämmert, so dass der Einzelne abstumpft und beginnt, daran zu glauben. Auch die Überwachung, Kontrolle mittels Kameras: so sehr anders ist das heute auch nicht. Siehe nur das logarhythmisch gesteuerte Internet, welches unser Verhalten spiegelt und uns manipuliert.

Und deshalb besitzt Orwells «1984» einen zeitlosen Aspekt, welcher das Buch auch in kommenden Jahren lesenswert machen. Es wäre vermessen von mir, unserer Zukunft eine Prognose aufzudrücken. Aber die Entwicklung, welche in den letzten Jahrzehnten erfolgt ist, unterstützt die Bedenken, dass sich unsere Welt mehr dem dystopischen London nähert als sich davon entfernt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…