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Der Autor und seine Welt3 min read

29. Juli 2022 2 min read

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Der Autor und seine Welt3 min read

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Arno Camenisch ist bei Diogenes gelandet und gewährt uns persönliche Einblicke in seine Welt. Eine Welt, die nicht unbedingt eure Welt werden muss.

Der Autor, der für seine knappen (meistens 100 Seiten) Bücher bekannt ist, zeigt uns mit «Die Welt» nun sein persönlichstes Werk. Camenisch ist Bündner und seit über zehn Jahren liefert er jährlich Buch auf Buch. So aber nicht im Jahre 2021. Den Grund kennen wir jetzt. Er wechselte vom kleinen Indie Engeler Verlag zum grossen Schweizer Diogenes. Prinzipiell ein Ritterschlag für alle helvetischen Schreiber:innen.

So auch für den 44-Jährigen, der vor allem für seine Lesungen bekannt ist. Schaute man sich in den letzten Jahren das Tourprogramm an, staunte man nicht schlecht. Über 100 Auftritte jährlich. Meist in der Schweiz, wo man wirklich einen kleinen Geografiekurs dank seiner Performances bekommt. Kein Dorf zu klein, keine Stadt, in der er auch nicht gern zwei- bis dreimal  las.

Von City zu City – von Quickie zu Quickie

Auf diese Lesungen gehe ich gleich nochmals ein. Nun aber zum Werk: Da hat man einerseits den reflektierenden Arno und den jungen, teils wilden, teils milden Arno. Beide wechseln sich ab und berichten von den Jahren, als er in die Welt hinaus möchte. Der Bündner Arbeitsalltag, den er nach erfolgreichem Studium hat, möchte er entrinnen.

Anstatt einem sicheren Fünfjahresvertrag eine «silberne Zukunft» zu haben, will er die Welt sehen. Es geht via Hongkong nach Australien. Ständig wechselt die Perspektive vom Mittzwanziger, der in die grosse Ferne geht, zum Mittvierziger, der am See über sein Leben sinniert.

Das Leben plätschert vor ihm hin, wie die Sätze in diesem Buch

Das alles ist ja prinzipiell lesbares Material, aber Sätze wiederholen sich nahezu wortwörtlich und mehrfach inhaltlich. Oft musste ich nachschauen, ob ich mich nicht aus Versehen verblättert habe. Nein. Es kommen einfach die gleichen Wörter wieder und wieder. Ab und zu werden Lebensweisen dazugegossen, aber richtig flowen tut es nicht.

Eine Affäre hier, eine lange Barnacht da. Egal wo, er dreht sich im Kreis. Die schönen Wortschöpfungen und die Vermischungen der Sprachen, die wir aus seinen alten Werken kennen, vermisst man gänzlich. Teils wirkt es wirklich nur stichwortartig, wie der Linguist seine ganze Welt beschreibt. Midlife-Crisis, Selbstreflexion oder doch nur den Drang verspüren, endlich der Welt seine Welt zu zeigen? Man müsste ihn fragen.

Immer wieder denke ich auch, dass gewisse Szenen so gesetzt wurden, dass er sie einfach nur gut performen kann. Darin liegt nämlich seine Stärke. Die eigenen Texte mit oder ohne Musik hauchend und bedeutungsvoll scheinen zu lassen. Ob ihm das mit «Die Welt» gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist der Verlag an sechsstelligen Verkäufen und einer grossen Lesereise interessiert. Wir werden sehen, ob er diese Erwartungen erfüllen kann.

Camenischs Welt muss nicht eure Welt werden

Mein Fazit bleibt: Es lohnt sich nicht. 30 Franken sind diese 137 Seitlis echt nicht wert. Vielleicht schaut ihr ihn euch lieber Live an diesen «James Dean, der Schweizer Literaturszene» wie ihn Joachim B. Schmidt neulich ironisch-augenzwinkernd in einem Artikel treffend bezeichnete. Eventuell werft ihr aber auch einen Blick in seine alten Werke. Aber «Die Welt» muss nicht zu eurer Welt werden.

Foto: Janosch Abel