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«Es gibt Künstler, die schnell an einem gewissen Ziel sein wollen. Diesen Druck verspürte ich nie» – Stereo Luchs im Interview8 min read

15. November 2022 5 min read

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«Es gibt Künstler, die schnell an einem gewissen Ziel sein wollen. Diesen Druck verspürte ich nie» – Stereo Luchs im Interview8 min read

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Der Zürcher Hip-Hop und Dancehall Musiker Stereo Luchs ist seit über zwölf Jahren ein fester Bestandteil der Schweizer Musikszene. Am diesjährigen Spoken Word Festival «Woerdz» stellte er sich einem neuen Publikum. Wir trafen ihn vor seinem Auftritt auf ein Gespräch.

frachtwerk: Stereo Luchs, deine Musik lässt sich zwischen Dancehall, R&B, Hip-Hop, Afrobeat und Pop einordnen. Nun trittst du an einem Spoken Word Festival auf. Verlässt der Stereo Luchs heute Abend sein natürliches Habitat?

Stereo Luchs: Gute Frage. Es ist tatsächlich mein erstes Booking in solch einem Rahmen. Ich stellte mir dieselbe Frage und kam zum Schluss, dass es heute Abend um Text, Poesie und Kunst im weiteren Sinne geht. Mir sind meine Texte sehr wichtig. Insofern denke ich, dass es gut passt.

frachtwerk: Bei der letzten Ausgabe des Woerdz-Festivals trat Lee Scratch Perry auf. Perry galt als eine der wegweisenden Figuren für die Erfindung des Dub und Reggaes. Du selbst hast mit dem Schweizer Reggae Künstler Phenomden zusammengearbeitet. Auch deine eigene Musik hat teilweise Reggae-Elemente in sich. Hat dich Perrys Musik jemals in deiner Arbeit beeinflusst?

Stereo Luchs: Lee Perry ist klar einer der Gründerväter des Dubs. Ein sehr wichtiger Produzent. Seine ganzen Produktionen sind legendär. Als ich früher als DJ auflegte, spielte ich auch seine Singles. In der näheren Zukunft habe ich ihn aber nicht mehr so fest verfolgt. Er wurde auch eher etwas skurrilerer über die Jahre. Das meine ich nicht wertend, aber ich hatte eher seine alten Sachen auf dem Schirm.

«Musik machen oder Kunstschaffen im Allgemeinen hat für mich immer etwas mit dem Ausbrechen aus der «erwachsenen», im Sinne von fertig-konstruierten Welt zu tun.»

frachtwerk: Vor zwei Jahren betonte Lee Scratch Perry im Interview, dass es wichtig sei, sein eigenes Kind in sich zu behalten. Wie viel Kind steckt noch im 41-jährigen Stereo Luchs?

Stereo Luchs: Ich denke, er hat recht. Klar, dieser Satz kann auch kitschig klingen, aber es ist wichtig. Kinder haben den Erwachsenen eine gewisse Unvoreingenommenheit gegenüber der Welt voraus. Ich denke, dieser Blick ist sehr wichtig, wenn man Kunst macht. Das man die Dinge aus einem ungewohnten Winkel beobachtet und offen ist für Inputs, Vibes, Düfte – was auch immer von der Welt empfangen werden kann. Musik zu machen hat insofern auch etwas Kindliches an sich. Man beobachtet die Welt, nimmt Dinge auf, probiert aus und versucht etwas Neues zu schaffen. Musik machen oder Kunstschaffen im Allgemeinen hat für mich immer etwas mit dem Ausbrechen aus der «erwachsenen», im Sinne von fertig-konstruierten Welt zu tun.

frachtwerk: Lee Perry betonte im Interview, wie wichtig es ist, im Leben Fehler zu machen. Hast du viele Fehler gemacht in deiner Karriere?

Stereo Luchs: Nein, nicht extrem. Es gibt Künstler, die schnell an einem gewissen Ziel sein wollen. Diesen Druck verspürte ich nie. Dies half mir.

«Die Musik musste für mich nie etwas sein oder etwas erreichen.»

frachtwerk: Du hattest nie einen klaren Fünfjahresplan?

Stereo Luchs: Genau. Ich machte meine Musik sehr lange als Hobby. Die Musik musste für mich nie etwas sein oder etwas erreichen. Dadurch konnte ich alles abwehren, was mir nicht behagte oder ich nicht cool fand. Ich blieb dadurch immer sehr bei mir. Ich machte es so, wie es sich gut anfühlte und hörte stets auf mein Bauchgefühl. Darum gibt es auch nicht viele Dinge, an die ich zurückdenke und sage: «Das bereue ich jetzt».

frachtwerk: Du hast dein Bauchgefühl angesprochen. Hörst du stark auf deine innere Stimme?

Stereo Luchs: Künstlerisches Schaffen kommt für mich aus einer emotionalen Welt, und ob etwas richtig oder falsch ist – wer soll einem das sagen, wenn nicht das eigene Bauchgefühl. Ich habe deshalb immer sehr stark auf mein Gefühl gehört. Und dieses Gefühl ist tendentiell ein zurückhaltendes. Ich habe mich nie darum gerissen, ein Star zu werden. Ich lebe auch nicht dafür, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Mein Bauchgefühl sagte mir oft, wenn sich etwas nicht stimmig anfühlte: «Da muss ich nicht mitmachen». Es hat vieles mit «Nein sagen» zu tun.

«Ab einem gewissen Punkt fühlte sich die Annäherung nicht mehr gut an.»

frachtwerk: Du sprachst die öffentliche und private Rolle an. Gewisse Künstler:innen spielen ihre Rolle 24/7. Andere wiederum werden zu ihrem Künstler:in-Ich, sobald sie die Bühne betreten. Wie ordnest du dich selbst ein?

Stereo Luchs: Ich denke, zwischen Stereo Luchs und Silvo Brunner gibt es eine grosse Schnittmenge. Aber sie sind nicht dieselben Personen. Stereo Luchs galoppiert sicher ein wenig selbstbewusster und lauter durch die Dancehalls als Silvio Brunner. Dieses Verhältnis zwischen den zwei Personen habe ich auch in meinem letzten Album untersucht. Ich merkte, dass mit zunehmenden Alter Stereo Luchs und Silvio Brunner sich annäherten. Ab einem gewissen Punkt fühlte sich die Annäherung nicht mehr gut an.

frachtwerk: Kam Stereo Luchs Silvio Brunner etwas zu nahe?

Stereo Luchs: Ja, irgendwie schon. Diese Skizzen fühlten sich nicht richtig an und blieben auf der Harddisc liegen. Auf dem Album «Stereo Luchs» glaube ich dann aber meine ideale Schnittmenge gefunden zu haben. Ein Song ist ein Song und kein Tagebucheintrag. Das Zeugs, das man im echten Leben erlebt, gilt es immer noch zu übersetzen und in eine musikalische Form zu bringen. Für mich braucht es dieses Milchglas dazwischen. Ein Song ist dann stark, wenn er von einem echten Ort kommt, und dann in ein universelleres Szenario transferiert wurde, ohne auf dem Weg dahin die spezifischen Bilder zu verlieren.

frachtwerk: «Find out what they have to say» lautet der Slogan des diesjährigen Woerdz-Werbeteasers. Hast du selbst die «eine Botschaft», die du verkünden möchtest?

Stereo Luchs: Ich hätte den Teaser so verstanden: «Höre es dir lieber selbst an, als dass wir es für euch zusammenfassen». Ich selbst habe nicht die eine «Hashtag Botschaft». Doch ich versuche so klar in meinen Songs Position zu beziehen, dass wenn man meine Musik verfolgt, ziemlich gut weiss, woran man ist. Doch ich renne nicht mit dem Zeigefinger in der Welt herum und male meine Message überall an die Wand. Ein bisschen zwischen die Zeilen hören muss man.

«Mein Leben ist von Album zu Album ein anderes.»

frachtwerk: Würdest du sagen, dein Werte und Einstellungen haben sich im Verlauf deiner Karriere weiterentwickelt?

Stereo Luchs: Ich würde sagen, ich befinde mich in einer konstanten Weiterentwicklung. An dem Tag, an welchem dies aufhören würde, wäre es für mich auch nicht mehr interessant. Das Leben ist immer eine Auseinandersetzung. Mein Leben ist von Album zu Album ein anderes. Das müssen auch nicht immer radikale Änderungen sein. Der Wandel kann auch in kleinen Schritten vonstattengehen. Dennoch: Von meinem ersten bis zu meinem letzten Album sind zwölf Jahre Abstand. Es wäre absurd, wenn ich mich in dieser Zeit nicht weiterentwickelt hätte. Ich denke, wenn man eine:n Künstler:in über längere Zeit verfolgt, liegt das Interessante gerade in der Entwicklung. Man kann als Hörer:in Teil dieses Prozesses werden. Natürlich gibt es immer auch Stimmen, die immer gerne nochmals dasselbe wie auf dem letzten Projekt hätten. Das zu umschiffen ist Teil des Jobs.

frachtwerk: Gibt es  einen Kern in deiner Musik, der sich über die Jahre durchzog?

Stereo Luchs: Ich denke schon. Ich mache nicht den «Happy happy, go lucky» Sound. Ich habe fast ausschliesslich Moll Tonarten in meinen Songs und mir gefallen die schwereren Harmonien, die zum Nachdenken anregenden. Gleichzeitig wollte ich nie Musik machen, die negativ ist. Wenn ich meine «Struggles» habe, versuche im am Ende was zu machen, worin die «Silverline» am Horizont zu sehen ist. Ein Song beginnt vielleicht mit einem bewölkten Himmel, hört aber mit einem durch die Wolken dringenden Sonnenstrahl auf. Ich möchte nicht, dass man ein Album von mir hört und sich anschliessend schlechter fühlt als vorher. Musik ist für mich auch Ventil, eine Form der Selbsttherapie und Selbstauseinandersetzung. Und dieser Prozess braucht seine Zeit.

«Den Trennungssong schreibt man vielleicht besser ein Jahr nach dem «break up» als einen Monat danach.»

frachtwerk: Hast du ein Beispiel dafür?

Stereo Luchs: Es tut manchmal gut, beim Schreiben eine gewisse Distanz zu seinen Erfahrungen zu gewinnen. Wenn man in einem Moment der «Sadness» schreibt, ist das nicht immer einfach. Den Trennungssong schreibt man vielleicht besser ein Jahr nach dem «break up» als einen Monat danach. Weil in diesem Moment ist man oft voller Emotionen. Vielleicht verspürt man Selbstmitleid oder besitzt etwas Selbstzerstörerisches. Aus diesem Gefühl kann man Musik machen, aber es ist immer eine krasse Momentaufnahme eines Gefühls. Die Welt kann einige Monate später bereits wieder komplett anders aussehen. Und die Gefühle sind auch noch nach einem Jahr gespeichert, aber halt mit einem gewissen Abstand. Dieser Abstand kann einem helfen, einen klareren Blick zu erlangen.

frachtwerk: Welche Projekte warten darauf umgesetzt zu werden? Worauf dürfen sich Stereo Luchs Fans zukünftig freuen?

Stereo Luchs: Wir sind noch auf Tour bis Ende des Jahres. Auch im 2023 werden wir einige Auftritte haben. Sonst bin ich im Studio. In solchen Zeiten wird es immer etwas Stiller um mich. Wenn man also nichts hört, arbeite ich an neuen Sachen. Und dann wird es früher oder später wieder etwas zu hören geben.

 

Bild: Goran Basic