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‚Beauty as a Currency‘ – Nachbesprechung Film Triangle of Sadness6 min read

3. Dezember 2022 5 min read

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‚Beauty as a Currency‘ – Nachbesprechung Film Triangle of Sadness6 min read

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‚Triangle of Sadness’ ist allen zu empfehlen, die sich durch einen satirischen Blick auf die Welt der Schönen und Reichen unterhalten lassen und vor Themen wie Oberflächlichkeit, Menschlichkeit und Anpassungsfähigkeit in Notfällen konfrontiert werden wollen. Mit viel Situationskomik und absurden Konfrontationen zwischen den Figuren, schafft der Film von Ruben Östlund seinen ganz eigenen Humor. Wer offen für eine teils überraschende Erzählstruktur ist und eine auch mal langatmigere Handlung duldet, wird an dieser dreiteiligen Satire-Komödie Gefallen finden.

Ein Beitrag von Maurice Dietziker

Mit Ruben Östlunds neuem Film ‚Triangle of Sadness‘ ergattert sich der schwedische Regisseur nicht nur die ‚Palm d’Or’ in Cannes. Er liefert uns mit der zweieinhalb stündigen Satire-Komödie auch das letzte Stück in seiner losen Trilogie von Filmen, welche einen sozial-kritischen Blick auf die heutige Welt aufzeigen. In ‚The Square‘ 2017 beispielsweise, galt Östlunds zynischer Blick einem Kurator eines Museums und vielen prätentiösen Kunstkennern und bei ‚Triangle of Sadness’ 2022 nun den extravaganten und stinkreichen Gästen einer Luxuskreuzfahrt. 

Die Ökonomie der Sorgenfalte

Eine Titelerklärung bekommen wir bereits zu Beginn des Films geliefert. Das junge Männermodel Carl, gespielt von Harris Dickinson, wird bei einem Casting gebeten, seine Sorgenfalte auf der Stirn, auch Triangle of Sadnes genannt, zu entspannen, um für den Kunden der Fashion-Brand etwas zugänglicher zu wirken. Regisseur Östlund erzählt im Interview, dass die Besessenheit der Gesellschaft mit unserem Aussehen das Wohlbefinden der Menschen zweitrangig macht. Eine Sorgenfalte, die in Schweden auf ein Leben hindeuten soll, indem man viel zu kämpfen hatte, wird in der Schönheitsökonomie durch Botox zunichte gemacht. Es treibt die Oberflächlichkeit der Modeindustrie und dessen Idealisierung von Schönheit in die Absurdität.

Es wird auch nicht das letzte Mal sein, bei dem Carl mit dieser Oberflächlichkeit der Modeindustrie in der Welt der Schönen und Reichen konfrontiert wird. Er und seine ebenfalls modelnde Influencer-Freundin Yaya, gespielt von Charlbi Dean, geniessen durch ihren Beruf und ihrem Aussehen vielerlei Vorteile. So merkt man schnell, dass hinter dem Glamour dieser Beziehung der beiden Protagonisten, eher ein auf gegenseitigem Nutzen basiertes, sexuell aufgeladenes und in ihren Geschlechterrollen gefangenes Verhältnis vorliegt.

In der Welt der Superreichen

Einer dieser Vorteile des jungen Pärchens eröffnet die Handlung, denn die beiden nehmen zusammen in der Gesellschaft von vielen anderen Superreichen an einer Luxuskreuzfahrt teil. So haltet sich der Plot und die Schauplätze des Films übersichtlich. Drei Kapitel teilen den Film auf und so begleiten wir im zweiten Kapitel die Zwei auf jener Yacht und sehen schnell in welchem dekadenten Setting sie sich befinden. Zwischen den vielen eigenartigen Gestalten an Board ergeben sich absurd komische Gespräche über all die verschiedenen ‚Wege zum Reichtum‘. Carl und Yaya treffen so beispielsweise auf einen kapitalistischen Russen, der zum Dünger-Mogul aufgestiegen ist und sich selbst ‚the King of Shit‘ nennt oder machen Bekanntschaft mit einem vorerst harmlos wirkenden britischen Waffenhändler-Pärchen. Der marxistische, selten nüchtern anzutreffenden Kapitän des Schiffs, gespielt von Woddy Harilson, rundet diese ganze Truppe noch ab und trägt so manches zu hitziger Diskussion an Board bei.

Der Film gewinnt zunehmend an Absurdität und kulminiert spätestens, als alle Gäste zum Captain-Dinner eingeladen werden, in Chaos. Der wohl unangenehmste Teil des Filmes wird nun präsentiert. Der Sturm kehrt das Sieben-Gang-Menu im Magen der Schick-gekleideten Superreichen um. Und währenddem der Horror-Trip der Milliardär*innen auch den Zuschauenden ein saures Ziehen im Mund hinterlässt, wird vom Kapitän über die Lautsprecheranlage einen Ausschnitt aus dem kommunistischen Manifest von Marx vorgelesen. Östlund inszeniert den Untergang der Bourgeoisie in ihrer unwürdigsten Gestalt und so gewinnt das Proletariat überhand. Der Film schafft es, die Dekadenz dieser ‚Bubble‘ der Superreichen mit sehr extremen Bildern und Szenen zu dekonstruieren.

Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt

Die Passagiere finden sich bald in einer Situation wieder, in der ihr Geld und ihre Schönheit plötzlich keinen Wert mehr haben. Man lernt bekanntlich mehr über den Charakter einer Figur wenn sie scheitert, als wenn sie erfolgreich ist. Beziehungen und Machtverhältnisse zwischen Besatzung und Gästen werden auf den Kopf gestellt und so auch der ganze Charakter des Films. Das dritte Kapitel stellt eine neue Ordnung her, indem es das bisherige patriarchale, klassistische System zunichte macht. Das Tempo der Handlung verändert sich und sorgt mit dieser überraschenden Wendung für eine anhaltende Spannung.

Unangenehme Spannungen

Eine grosse Stärke des Films ist eben jener unvorhersehbaren Spannung zuzuschreiben. So spielt Östlund beispielsweise mit Situationen, die für die Zuschauenden unangenehm, fremdschämend oder eklig sind und streckt diese bewusst in die Länge. Kombiniert mit schräger Musik entstehen Szenen, welche einen auf Trab halten und es schaffen eine Kreuzfahrt in einem selten zuvor gesehenen Licht darzustellen. Ausserdem verpasst die schauspielerische Leistung der absurden Situation ihren Feinschliff. Viele SchauspielerInnen verkörpern eine Rolle, welche im Verlaufe der Geschichte an eine Grenze geraten, in der sie die höfliche Fassade dieser Passagiere aufrecht zu erhalten versuchen. Zudem haben sie auch physisch einiges zu leisten, denn es gibt für Filmschauspieler bekanntlich einfachere Bühnen als eine sich neigende Kajüten auf einem schwankendes Schiff. Dem herausgeputzten Setting der Geschichte entsprechend, zeigt auch die Bildsprache des Films harmonische Kompositionen auf der Luxusjacht, die allesamt Instagram-tauglich wären und so wieder in jene oberflächliche Welt hineinpassen.

Everyone’s equal

Nebst der zwar sehr deutlichen Kritik an diese Luxuswelt, die teils etwas ‚brav‘ wie ‚Kritik an die Reichen, für die Reichen’ wirkt, spricht Östlund allerdings auch tiefergreifendere Themen an. In einem Interview spricht er unteranderem von ‚beauty as a currency‘. In einer Restaurantszene diskutieren Carl und Yaya über das Bezahlen der Rechnung. Sie reden jedoch vielmehr aneinander vorbei und werfen für das Publikum Fragen nach Geschlechterrollen auf. Muss Carl seiner stereotypischen Männerrolle nachkommen oder soll Yaya zahlen, weil sie als Frau in der Modeindustrie mehr verdient? Mit ‚everyone’s equal‘ werbt auch die Modemarke, für welche Yaya arbeitet und kontrastiert ironisch das eigentliche Leben der Charakteren mit dem, wie sie sich nach Aussen geben möchten. Auch auf dieses pinkwashing von Unternehmen wird Aufmerksam gemacht, welche eigentlich nur gewinnorientierte Absichten haben. Was die Charakteren wirklich dazu bringt darüber nachzudenken, was Gleichstellung bedeutet, wird mit der Einführung des ‚Matriarchats‘ im letzten Kapitel des Filmes geschafft.‘Triangle of Sadness’ wirft das Publikum definitiv in einen Zustand, indem es sich auf eine Art und Weise hinterfragen muss. Imitieren wir nur Rollen, die uns die Gesellschaft vorgibt? Wie wird das eigene Verhalten beeinflusst durch die Schicht, in der wir geboren werden? Und was ist von all dem überhaupt noch wichtig, wenn man auf einer einsamen Insel strandet? Auch wenn durch den schwarzen Humor in gewissen Szenen das Lachen im Hals stecken bleibt, ist der Unterhaltungswert dieses Films sehr lobenswert. Gleichzeitig stellt Östlund auch aktuelle und grundsätzliche Fragen unserer Gesellschaft ins Zentrum und hinterlässt das Publikum amüsiert, irritiert und nachdenklich. 

Triangle of Sadness ist aktuell noch in den Kinos zusehen.
Auch auf Apple TV+, Prime Video erhältlich.

 

Titelbild und Beitragsbilder: xenixfilm