Musik

Ein Abend mit der Jazzkantine in der Jazzkantine4 min read

18. Dezember 2022 3 min read

Autor:in:

Ein Abend mit der Jazzkantine in der Jazzkantine4 min read

Reading Time: 3 minutes

Die kultige Jazzkapelle Die Jazzkantine aus den 90er-Jahren gibt es immer noch. Definitiv ein Anlass in die Altstadt zu gehen und die gleichnamige Venue aufzusuchen. Wir nehmen euch mit.

Im schnelllebigen Jahrzehnt des ausgehenden letzten Jahrhunderts war ihr Jazzsound vor allem im Hip-Hop Bereich nicht üblich. Doch die Braunschweiger von Die Jazzkantine hatten immer einen besonderen Stellenwert. Die Konstellation aus Rappern und Jazzmusikern war damals sehr frisch und fast ein Unikat.

Wie die Zeit zeigte, konnten sie dies auch gut überstehen und haben sich stets neu erfunden. Eine Weiterentwicklung und verschiedene Veränderungen folgten. Mit «Discotheque» entstand während der Pandemie das 16. Album, welches Ende September erschien. Offensichtlich muss bei dem Titel Tanzbares hinter dem Namen stecken. Klar gibt es nach der Durststrecke eine Tour, die auch Halt in Luzern machte. Auf der Bühne in der Jazzkantine standen: Heiner Schmitz (Sax), Andy Lindner (Drums), Tom Bennecke (Gitarre), Stefan Grawe (Keys). Am Mikrofon: Cappuccino, Albert und Tachi.

Schön an der Diskokugel drehen

In der Jazzkantine hat dann die Jazzkantine ihren vorletzten Gig der Tour. Band und MCs sind aber motiviert, wie wir bereits beim Start feststellen. Gemütlich und passend wirkt der Konzertsaal im Löwengraben. Die rund 90 Gäste haben im vorderen Bereich Platz gelassen. Um das Tanzbein besser schwingen zu können, oder weil sie noch auf ihre Freunde warten? Rapper Tachi bittet direkt als er ans Mikro tritt darum, näher zu kommen. Wird auch brav gemacht und die Klassiker knallen los. Sofort schaffen es die Herren mit ihren Hits, die Menge für sich zu gewinnen. Klappt souverän. Die Band lässig und cool im 70er-Jahre-Haifischkragenhemd, Marke Hawaii, und Rapper im leicht RUN-DMCigen Look lassen die Discokugel strahlen.

Der Discosound der 70er im Jazzmantel

Die Soundgeber bleiben alle auf der Stage. Währenddessen wechseln sich die Rapper um Frontmann Cappuccino munter ab und lassen für Soli oder Crewspielereien die Bühne offen. So erscheint Tachi nach einer guten halben Stunde im Arztoutfit mit türkischem Wappen auf der Brust. Tauscht er nun Stethoskop gegen Mikrofon? Nein, nein. Denn er macht Luzern KRANKENHAUS. Weitere amüsante Einlagen folgen. Auch bei Soli von Cappu werden Outfits und die Stimmung im Raum gewechselt. Alles recht abwechslungsreich, mit grossem Unterhaltungswert. Die Zuschauer:innen sind zwischenzeitlich auch alle noch weiter vorgerückt. Es wird getanzt, gelacht und mitgesungen. So sieht gute Laune aus.

Lediglich im hinteren Drittel wird mehr gequatscht als getanzt, wie wir beim Cover des Klassikers «Take Five» noch besser bemerken. Ein normales Konzertphänomen, was aber bei einer kleinen Crowd und leiseren Tönen schnell auffällt. Kann durchaus stören, aber es hält sich im Rahmen. Die Künstler lassen sich davon keineswegs irritieren und freuen sich über den Applaus. Der wird von Song zu Song lauter. Auch bei Discoklassikern wird munter nach der Anleitung mitgetanzt und lächelnde Menschen fallen sich über die Füsse. Einfach nur herzig.

Emotionale Zugaben

Gut zwei Stunden sind vergangen und die Setlist scheint abgespielt zu sein. Aber: Die Menschen in der Jazzkantine wollen eindeutig und sehr laut eine Zugabe. Auch diese wird mit a-cappella Freestyle und Zusatzsong geliefert. Nun glaubt man als erfahrener Konzertgänger, «das war es dann wohl». Doch nochmal geht es weiter: «Jazzkantine, Jazzkantine» schallt es durch alle Reihen. Wahnsinnig sympathisch, wie der vermeintlich kleine Haufen Menschen so einen Radau machen kann. Sichtlich gerührt stehen die acht Männer wieder da und legen nochmals zwei drauf. Irgendwie ein magischer Moment. Cappuccino macht in einer Ansprache klar, dass die Jazzkantine definitiv wieder in die Jazzkantine kommen muss. Er feiert die Mitarbeiter:innen, insbesondere die Tontechnikerin, das Personal und natürlich die tobende Menge.

Auch ungewöhnlich, aber unglaublich sympathisch baut er die Tontechnikerin  erneut in seine Improvisation ein. Das ganze Publikum beklatscht sie und längst ist ein anfänglich-kleiner Schnitzer mit dem Mikrofon wieder vergessen. Ebenfalls gehen die Props an das Haus und alle Anwesenden. Auch wir möchten diese gerne ausrichten. Ein wirklich einmaliges, in Erinnerung bleibendes Konzert erlebten wir.

Anschliessend können wir dies persönlich bei der Abendverantwortlichen Rahel machen. Ja, sogar ein Feierabendbier können wir gemeinsam mit Tachi trinken. «Hey Luzerner, ihr seid ja’n geiler Haufen. Wir kommen wieder. Keine Frage.» Dann bleiben wir gespannt, wann es wieder heisst: Die Jazzkantine in der Jazzkantine.