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„Also wenn es Konflikt gibt, dann entsteht der Konflikt nur von einem Ort der Liebe…“ sagt Bow vor dem einmaligen Auftritt der Band IDLES

19. November 2018 5 min read

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„Also wenn es Konflikt gibt, dann entsteht der Konflikt nur von einem Ort der Liebe…“ sagt Bow vor dem einmaligen Auftritt der Band IDLES

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Dieses (vielleicht) eine Mal muss ich mit dem Schluss des Konzerts beginnen. Wir, das Kollektiv im Raum, schweissdurchnässt, Lachen auf dem Gesicht, umarmen uns alle zusammen. Wahnsinn! Liebe! Hoffnung! Joe, die ernste und lustige, ausdrucksvolle und starke Persönlichkeit hat uns mitunter dazu gebracht, uns zu vereinen, „Unity“ zu werden. Mit seiner lauten, ausdauernden und starken Stimme singt er von seinem schönen Freund, der Immigrant ist. Er schreit „Fuck TV“ in dem Lied in dem er will, dass jede und jeder sich selber liebt. Und er singt „This is why you never see your father cry“.

Es ist wunderbar, wie IDLES mit uns interagiert, Joe nimmt das Individuum im Raum ernst und geht z.B auf Dani ein, der „Love yourself“ nach vorne ruft und widmet ihm den Love Song. Bow, kommt mit seiner Gitarre zu uns und lässt auch die, die weniger nah dran sind und näher an der Bad Bonn Bar, teilhaben an diesem Freudenfest. Lee übergibt seine Gitarre dem Abmischer während Bow, Joe und Jon zusammen Schlagzeug spielen.

Sie bringen eine grosse Reihe an Emotionen aus sich heraus. So viel Hass den Faschisten, Liebe zu sich selber, das Offensein für neues, die Langeweile im Heimatort, die Traurigkeit über den Brexit etc. Der Text ist genauso wichtig wie die Musik, es ist klar dass Joe genau das singt, was er denkt. Allgemein sind sie extrem bodenständig, so will Joe inmitten des Spektakels Bier und so bekommt er dann fünf Biere. Nie habe ich eine Band angetroffen, die so viel Wert darauf legt, dass alle Leute glücklich nach Hause gehen. Die Musik verliert jedoch trotz vielerlei Ablenkung keineswegs an Professionalität und gerade die zwei unterschiedlichen Gitarrentypen, der eine mit viel Reverb und Distortion, der andere sehr crunchig und fuzzig, die Snare die and die guten Zeiten des Punks erinnert und der Bass der mit dem aggressiven Kick die tieferen Frequenzen satt und rund abdeckt, machen ihren instrumentellen Sound aus.

Die Vorband John möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, sie genossen es spielen zu können, mit verzerrten Gitarrenmelodien, rau-lautem Schlagzeug und der tiefen und kratzigen Stimme Johns. Sicher auch interessant sie mal kennenzulernen.

Feststeht: Ein Sonntagnachmittag wie diesen wird mensch nie mehr wieder erleben, so viele Gefühle, solch stimulierende Musik und diese starke Darbietung wichtiger Texte.

 

Interview mit IDLES

 

Im Vorfeld wurde ich vom sehr sympathischen Dev in ihren riesigen Tourbus geführt, dort mit Bow’s Stratocaster allein gelassen. Lee erzählte mir dann, dass es sie störe wie sie in der Schweiz ihre Amps nicht voll aufdrehen können. Auch liess er mich wissen, dass sie früher immer nach den Gigs zuerst ins Hotel fahren mussten und daher jeweils wenig Schlaf hatten, was sich mit ihrem neuen Tourbus verändert hat, da sie gerade nach der Show dort schlafen können und in der nächsten Stadt aufwachen.

Mit ihm, Bow und Joe führte ich dann das Interview.

Gregory Li: Wenn du in erster Person Singular singst, meinst du dann auch dich selber? 

Joe: Nicht immer, manchmal. Aber manchmal singe ich in Charakteren, aber nicht sehr oft, manchmal. Stendhal Syndrome ist zum Beispiel nicht so.

Bow: Faith in the City, Gram Rock, manchmal sind es Karikaturen von dir denke ich.

Joe: Ja, also immer wirklich. Ich denke die schlimmsten Teile von mir, sind die Teile die ich am meisten mag.

GL: Ist also die Mutter im Lied Mother deine Mutter?

Joe: Ja.

GL: Das ist also die Realität deiner Mutter.

Joe: Nein, es ist eine Mythologie. Es ist die Rolle von Frauen, gespielt von meiner Mutter. Sie hat nie 17 Stunden 7 Tage die Woche gearbeitet, sie arbeitete 14 Stunden 5 Tage oder 6 Tage die Woche. Aber die Idee war, dass sie heimkam und dann war sie Mutter, also arbeitete sie 17 Stunden am Tag, nur um sich um mich zu kümmern. Also, ist es eine andere Sache. Aber ja es ist ihre Realität, meine Realität auf eine Art.

GL: Wer ist Danny Nedelko?

Joe: Er ist mein Kollege. Ja, er ist ein Freund von mir, der ein in Ukraine geborener britischer Bürger ist. Ich habe ihm versprochen, einen Song über ihn zu machen und er versprach mir, ein Lied über mich zu schreiben. Also dachte ich, dass ich das als perfektes Beispiel benütze, um das menschliche Element hinter der Debatte von Immigranten und die Leute an die Individuen, das Mitleid und Empathie zu erinnern, kommt mit dem Denken an die Menschen hinter den Debatten in der Politik.

GL: Weshalb hat das Stück Colossus gegen Ende einen so abrupten Wechsel?

Bow: Es kam von einer Idee bezüglich des Songs, weil wir das Lied begannen zu schreiben als grundlegendes Crescendo das sich aufbaut mit einer Intensität, auf eine Art besorgniserregend. Wir schrieben den Song Colossus sehr schnell und als wir ihn schrieben, fühlte es sich an, als ob wir zu weit weg kamen von dem was die Leute von IDLES erwarten. Es war recht post-rockig, es war recht filmisch, was nicht das Gehabte für uns als eine Art direkte Pop-Song-Band ist. Als wir diesen Punkt erreichten, realisierten wir das untereinander und wir dachten, wir sollten das als eine Art „roter Hering“ (falsche Fährte), wir sollten vom filmischen in den sehr gemeinen Garage-Rock, Iggy and the Stooges, direkt, direkt ohne Kompromisse, The Monks, skandierender, naiver Rock n‘ Roll. Und das ist, wieso wir auf eine Art das Lied in zwei Stücke geteilt haben. Es ist auf eine Art ein roter Hering für das Publikum, aber auch ein ausschlaggebender Moment von Selbstbewusstsein auf dem Album.

Joe: Und Selbstsicherheit und Glaube an sich selbst.

Bow: Und wieso nicht. Es funktioniert gut.

GL: Wie schreibst du deine Texte?

Joe: Ich höre mir das Stück an, wir schrieben die Musik zusammen und dann gehe ich weg und höre den Song vielleicht zweihundertmal bis eine Phrase oder ein Wort oder etwas in meinem Kopf auftaucht und dann schreibe ich das Lied in einem Stück. Ich probiere so wenig wie möglich zu denken.

GL: Hattet ihr jemals die Idee mit einer Sängerin zu arbeiten?

Joe: Nein. Wir haben keine Sängerinnen in der Band.

Bow: Es gibt einen Aspekt zum Gesang in der Musik, was ich persönlich sehr wichtig finde, es kommt von einer einzelnen Stimme. Ich denke es ist wichtig, dass die Person die das Lied singt, die Person ist, die die Texte geschrieben hat. Und es ist ein singuläres Ding, weil du als Hörer, kannst die Musik nur als singuläres Ding wahrnehmen. Du erkennst die Wahrheit die davon kommt, da die Person die die Texte geschrieben hat, es dir zusingt. Wohingegen es für uns nicht stimmen würde, wenn andere Personen das Stück schreiben würden oder wir den Song für andere schreiben würden. In unserer künstlerischen Sprache würde es keinen Sinn ergeben.

GL: Wie geht ihr mit Konflikt in der Band um? 

Lee: Sofort.

Joe: Mit Wahrheit und Erbarmen, weisst du und Selbstbewusstsein und Achtsamkeit, das ganze Album Joy as an Act of Resistance. ist eine Reflektion über unser Lernen mit Konflikt umzugehen; persönliche Konflikte, Band-Konflikte, familiäre Konflikte, politische Konflikte gehen darum zu verstehen, dass wir nur unserer eigenes Verhalten steuern können. Also aufmerksam und respektierend zu leben und demokratisch zu arbeiten für eine bessere Zukunft, also wenn wir etwas nicht mögen, sagen wir das und wir sagen wieso wir das nicht mögen und dann schauen wir, dass wir es fair verändern können.

Bow: Wir sind sehr reagierende und sehr emotionale Menschen, also hilft uns mit Achtsamkeit damit umzugehen, weil wir viele Emotionen mit unseren Interaktionen und Reaktionen binden, aber es geht darum zu realisieren, dass das nur vorübergehend ist und dass wir alle im gleichen Boot sind. Wir alle teilen eine Erfahrung in der Band, da ist ein Kollektivismus und wir wollen alle das gleiche. Joe will genau das Gleiche für mich, wie ich für mich will und Joe will das Gleiche für sich, was ich für ihn will. Wir wollen Erfolg untereinander, wir wollen dass wir glücklich sind. Also wenn es Konflikt gibt, dann entsteht der Konflikt nur von einem Ort der Liebe, der einzige Grund wieso wir hässig aufeinander wären, wäre weil wir uns genug lieben so viel Zeit miteinander zu verbringen. Also ist es das, woher das kommt. Wir alle drängen zum Gleichen und es geht darum das zu erkennen und „we are in it together“.

GL: Danke euch.

 

Übrigens könnt ihr IDLES heute Montag im Mascotte in Zürich sehen et mardi dans Les Docks à Lausanne. Sich so was entgehen zu lassen, wäre ultraschade.

Der Techniker der Band spielt bei DITZ hatte uns Joe noch gesagt:

Bild: principe.photo