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Calman: von der Verantwortung selbst zu denken3 min read

6. September 2020 2 min read

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Calman: von der Verantwortung selbst zu denken3 min read

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Calman ist Wichtig. Seine Kunst ist wichtig. Sein neues Album „Kann Grad Nich“ ist wichtig. Denn in diesem geht es um Verantwortung. Verantwortung der Vergangenheit. Verantwortung der Zukunft. Verantwortung der Gegenwart. Verantwortung von Kunst. Verantwortung von ihm.

Im albumnamensgebenden Song beschreibt Calman beispielsweise die Verantwortung Vieles tun zu müssen, Vieles tun zu wollen, Vieles sich vorzunehmen, aber es ja eigentlich gar nicht zu können. Zumindest redet er es sich ein.
Dabei bleibt er so ambivalent, dass nie klar wird, ob es in diesem Text wirklich um ihn geht. Oder doch um einen selbst. Oder doch alle anderen? Ambivalenz im Text, Ambivalenz in der Interpretation, Ambivalenz bei der Projektion.

Und diese Ambivalenz zieht sich durch das ganze Album: Zu keinem Zeitpunkt ist man sich als Zuhörer*in sicher, ob Calman tatsächlich über sich selbst redet oder über alle anderen. Und doch ist er dabei persönlich.

Im Lied „Jan hat sich das Leben genommen“ wird Calman in seiner Erzählung, wie er einen sehr guten Freund verloren hat, so persönlich und direkt, dass es fast schon unangenehm wird. Das wird auch musikalisch unterstützt, indem der zugrundeliegende Beat eher anstrengend, als entspannt.
Die Fragen, die dann im Text aufgeworfen werden, überträgt man direkt auf sich selbst. Calmans Fragen werden zu den eigenen.

„Wer sich Sorgen macht, malt den Teufel an die Wand. Wer sich keine Sorgen macht, ist scheinbar nicht sehr einfühlsam.“

Musik für die Loopstation

Musikalisch ist Calman oft minimalistisch, jedoch setzt er einen klaren Fokus auf seine eigene Stimme und damit auf den Text. Fast schon monoton flowt er über Beats, die meist an klassische HipHop-Tracks mit Technoeinfluss erinnern. Dabei fühlt sich nichts wirklich neu an, aber trotzdem unverbraucht.

Die musikalischen Highlights erfolgen dann vor allem, wenn Calman bewusst etwas nach oben setzt: Zum Beispiel im ersten Song des Albums „All Laid Out“, in dem die unfassbar schöne Stimme von Sophie Ricshar zur Geltung kommt. Oder in „Taifun“, wenn plötzlich die Gitarre laut und Calman schon fast chorartig unterstützt wird.

Das Album bietet sich zum wiederholten Anhören an. Jedes einzelne Lied hat sein eigenes Gefühl. Seine eigene Musik. Seine eigene Bedeutung. Seine eigenen Bezüge. Und jedes Mal, wenn man die 14 Lieder noch einmal anhört, fällt etwas Neues auf. Eine neue Ebene erschließt sich. Neue Interpretationsebenen eröffnen sich.

Dabei fällt es schwer, die Genialität dieses Albums in Worte zu packen. Es empfiehlt sich, jedes einzelne Lied anzuhören und für sich selbst eine Interpretation aufzuschreiben. Die dafür notwendige Tiefe ergibt sich in fast jedem Song, wobei für jeden einzelnen Menschen diese Tiefen anders verlagert sein werden. Die Interpretationen des Artikelautors findet ihr hier.

Calman wird als Künstler zur Projektionsfläche seiner Hörer*innen. Er zeigt auf, dass man durch ganz wenig Konkretes ganz viel sagen kann, wenn denn irgendjemand richtig zuhört. Was jedoch richtig und was falsch ist, beantwortet Calman zu keinem Zeitpunkt.

Mehr Tiefgang, mehr Ambivalenz, mehr Interpretationsspielraum ist wichtig. Muss wichtig sein, damit Menschen ihre eigenen Gedanken zulassen können. Und dazu wird man von Calman geradezu gezwungen, wenn man seine Musik verstehen möchte.

Und das Kunst produziert wird, die das will ist wichtig… Wichtig. Wichtig. Wichtig. Wichtig.

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