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„Wir brauchen andere Plattformen, auf welchen noch immer Qualitätsinformation stattfinden kann.“ – Im Gespräch mit Casper Selg

3. Oktober 2019 11 min read

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„Wir brauchen andere Plattformen, auf welchen noch immer Qualitätsinformation stattfinden kann.“ – Im Gespräch mit Casper Selg

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Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie oft Sie von den Geschehnissen um den Brexit erfahren? Achteten Sie sich schon einmal darauf, woher Sie wissen, wer im Oktober für die National- und Ständeratswahlen kandidiert? Vielleicht eher selten, oder? Dass ein Grossteil der Menschen seine „News“ über das Internet bezieht, sollte nun jedoch nicht allzu überraschend wirken. Doch wo es viel Information und Freiheit gibt, da ist auch vieles falsch und unwahr. Ob Leichtsinn, Unsinn oder gar absichtlicher Betrug; wie und vor allem ob überhaupt man heute noch qualitativ hochwertigen Journalimus konsumieren und definieren kann, ist eine sehr vielschichtige und schwierig zu beantwortende Frage.

Casper Selg, einer der renommiertesten Journalisten der Schweiz, ehemaliger Korrespondent im Weissen Haus und im Deutschen Bundestag, sowie jahrzehntelanger Mitpräger des SRF-Formats „Echo der Zeit“, hat sich Zeit genommen, um mit uns über diese Frage zu sprechen. Daraus entstanden ist ein langes Gespräch.

Casper Selg im Gespräch

Jan Rucki: Wir leben in einer Welt, in der sehr viel Information, beziehungsweise Desinformation über das Internet verbreitet wird. Was macht für Sie in diesem Zusammenhang ein Qualitätsmedium noch aus?

Casper Selg: Ein Qualitätsmedium ist eine Zeitung, eine Zeitschrift oder Radio und Fernsehen, welches in einer attraktiven Form relevante Inhalte behandelt, also Dinge, die für die Gesellschaft von Wichtigkeit sind. Bearbeitet von fachkundigen, professionell arbeitenden Journalisten und Journalistinnen.

JR: Sie sind ausgebildeter Jurist. Wieso sind Sie vom Juristen zum Journalisten geworden?

CS: Weil ich schon immer ein politischer Mensch war. Ich bin in den 68er-Jahren politisiert worden, ich habe diese ganze wilde Entwicklung miterlebt damals und mich enorm für diese Themen interessiert: Was ist eine gerechte, menschliche Gesellschaftsform? Damals gehörte übrigens auch schon völlig selbstverständlich das Thema Umwelt dazu. Es hat leider nur 50 Jahre lang viel zu wenig bewirkt.

Ich habe dann Jus studiert und daraufhin noch den Anwalt gemacht. Als ich aber auf diesem Beruf zu arbeiten begann, merkte ich, dass diese Tätigkeit nicht das war, was ich suchte. Ich wollte politischer arbeiten. Ich hatte schon während der Studienzeit viel geschrieben. Damals, 1979, habe ich die Möglichkeit gesehen, mich für einen Volontär-Job bei Radio DRS (heute SRF) zu bewerben, da bin ich dann mit einigem Glück auch hingekommen und habe so einen Beruf gefunden, der meinen Fähigkeiten und Interessen viel besser entsprach: Politischer arbeiten, schneller arbeiten.

JR: War das damals schon das Format «Echo der Zeit» oder wie sind Sie dann dazu gekommen?

CS: Ich habe mich bei der Auslandredaktion gemeldet, die auch das «Echo» produzierte, weil mich internationale Politik sehr interessiert hat und was damals für uns Junge auch sehr aktuell war. Das war die Zeit des Vietnam-Krieges, das war die Zeit von Umbrüchen in Deutschland, in Frankreich. Ringsherum haben sich gesellschaftliche Veränderungen abgespielt und das hat mich alles sehr interessiert. Und weil ich damals im Gegensatz zu meiner heute belegten Stimme eigentlich Glück hatte mit meiner Art zu sprechen, war ich schon nach einigen Monaten am Mikrofon. Und von da an, das war 1980, habe ich dann das «Echo» moderiert.

«Weil ich damals im Gegensatz zu meiner heute belegten Stimme eigentlich Glück hatte mit meiner Art zu sprechen, war ich schon nach einigen Monaten am Mikrofon.»

JR: Damals hatte Journalismus, im Gegensatz zur Gegenwart, einen etwas anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Wieso wird man heute noch Journalist? Würden Sie diesen Beruf heute nochmals wählen?

CS: Ich glaube schon, aber die Bedingungen sind andere. Ich habe früher für ein Medium gearbeitet, welches das Medium war. Man hat sich damals primär am Radio informiert, man hat um halb sieben «Morgenjournal», um halb eins am Mittag «Rendez-Vous» oder, eben, um 18 30 das «Echo» gehört um mitzubekommen, was in der Welt geht. Wir beim Radio waren auch mit Abstand das schnellste Medium. Damals hat man Fernsehbeiträge teilweise noch mit Film aufgenommen. Der Fernsehmann musste erst einmal noch ins Studio rennen und den Film entwickeln lassen bevor man ihn schneiden konnte und so weiter. Das heisst, das Radio war das mit Abstand schnellste Medium und von daher war der Stellenwert schon ein bisschen ein anderer, aber die Aufgabe ist letztendlich dieselbe geblieben und soll es auch bleiben, nämlich innerhalb dieser demokratischen Gesellschaft möglichst viel wichtige, relevante und interessante Informationen anzubieten, welche es den Hörern erlauben, als Bürger an dieser Gesellschaft teilzuhaben. Das können sie nur, wenn sie etwas wissen.

«Es ist quasi ein Hobby gewesen, das zum Beruf geworden ist: erfahren zu wollen, was weshalb los ist.»

Casper Selg war unter anderem Korrespondent im Weissen Haus in Washington. Hier sitzt er bei uns im Büro.

JR: Journalist könnte man als einen Traumberuf bezeichnen, er zeigt sich aber auch als sehr grosse Herausforderung, besonders heute. Was spornte Sie in all diesen Jahren dazu an, Journalist zu sein?

CS: Neugierde. «Wunderfitz». Wenn ich Leute ausgebildet oder eingestellt habe, war das etwas vom ersten was ich ihnen immer gesagt habe, «verliert nie euren Wunderfitz. Das ist das A und O in diesem Beruf. Mehr wissen wollen, es genauer wissen wollen. Auch nicht nur das wissen zu wollen, was man gerne hätte und über diejenigen zu berichten, die man toll findet, sondern ganz speziell auch das Andere. Immer auch das Andere suchen.» Es ist quasi ein Hobby gewesen, das zum Beruf geworden ist: erfahren zu wollen, was weshalb los ist.

JR: Mir ist bekannt, dass Sie unglaublich grossen Wert auf gut recherchierten Journalismus legen, dabei sind Sie der Ansicht, dass persönliche Meinung, wenn überhaupt, nur im Hintergrund einer Berichterstattung zur Geltung kommen darf. Haltung zu einem Thema ist jedoch nicht zu vermeiden. Wo sehen Sie hierbei den Unterschied zwischen Haltung und Meinung? Können Sie dies anhand eines Beispiels aus Ihrer Praxis aufzeigen?

CS: Ich muss vorausschicken, dass diese Maxime «wir wollen Haltung sehen aber keine Meinung» speziell für das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen gilt. Ich habe das meinen Leuten ständig predigen und darauf achten müssen als Vorgesetzter. Bei einer Zeitung ist das anders. Die kann auch eine Meinung äussern im Kommentarteil und so weiter. Das ist bei SRF, dem Sender, der «allen gehört», weniger gefragt.

Aber zu Ihrer Frage, wo der Unterschied sei: Nehmen wir das Beispiel «Trump». Ich finde Herrn Trump eine unsägliche Figur und würde dies auch gerne in jedem Beitrag herausstreichen, das ist ein sehr stark persönlichkeitsgestörter Mensch. Aber das ist meine Meinung. Meine Haltung muss neugierig und kritisch die sein, so, dass ich nicht meine Meinung erzähle, sondern dass ich neugierig bin zu erfahren, was denn da los ist. Wie war das möglich? Wie kann man dieses Phänomen erklären? Was steckt dahinter? Wie war es möglich, dass so ein Mensch gewählt wurde? Was hat wer für eine Rolle gespielt, dass dies so weit kam? Also der Unterschied zwischen Meinung und Haltung: Meinung ist, dass Trump eine katastrophale Wahl war und Haltung ist, dass ich herausfinden möchte, wie das möglich wurde und immer kritisch hinterfrage, was er sagt, aber auch was man über ihn sagt.

Auch das SRF-, beziehungsweise DRS-Format „Echo der Zeit“ hat Selg jahrzehntelang stark mitgeprägt.

JR: Ich habe das Buch «Deadline» vom Republik- und ehemaligen WOZ-Journalisten Constantin Seibt gelesen, in dem es unter anderem auch um die Vereinheitlichung der Berichterstattungen in Schweizer Redaktionen geht und dass die Individualität der einzelnen Journalisten oftmals zumindest etwas verlorengeht. Nehmen Sie eine solche Entwicklung auch wahr? Und falls ja, sehen Sie dies als ein Hindernis für eine vielfältige und ausgewogene Berichterstattung?

CS: Ja, ich sehe das Problem und ich glaube, dass es primär ökonomische Gründe hat. Die Zeitungen haben immer weniger Geld, sie müssen schauen, dass sie günstiger hergestellt werden, sie müssen schauen, dass sie attraktiver sind, damit sie das immer stärker schwindende Publikum halten können. Das heisst, man macht kürzere, anspruchslosere, schneller gelesene Formate. Es sind auch praktisch nur noch drei Redaktionen da, wenn es um Inlandjournalismus geht. Wir haben CH-Media, wir haben Tamedia und wir haben Ringier. Das ist schon fast alles. Die machen sozusagen die ganze Inlandberichterstattung. Bald wird das vermutlich noch extremer werden.

Es gibt nicht mehr zehn, fünfzehn verschiedene Inlandredaktionen, die das Geschehen aus verschiedenen Standorten, Blickwinkeln verfolgen, aus der Grossstadt, der Kleinstadt, der ländlichen Gegend, der Romandie. Es kommt bald alles nur noch aus Zürich oder Aarau. Wir haben zwar vergleichsweise noch keine Verschlechterung in der Qualität der Zeitungen in der Schweiz, das muss man sehen, aber die Berichterstattung ist entschieden weniger vielfältig. Das ist das Problem.

JR: Und das andere Problem könnte sein, dass sich die Informationsbeschaffung auch immer mehr in Richtung Social Media bewegt, wo ja auch Desinformation stattfindet. Worin sehen Sie die Risiken aber auch Chancen dieser Entwicklung?

CS: Social Media sehe ich jetzt nicht nur spezifisch unter dem Gesichtspunkt des Journalismus, sondern generell der gesellschaftlichen Entwicklung als ein Problem. Natürlich bringt das ganze Internet gewaltige Möglichkeiten, die wir vorher nicht hatten, das ist völlig klar. Aber das Internet, mit Social Media inklusive, ist ein riesengrosser Bottich mit unendlich viel Elementen von Information, von Falschinformation, von Lustigem, von Quatsch, von Querem, von Erlogenem, von bewusster Manipulation und so weiter. Der durchschnittliche User ist erwiesenermassen überfordert, er kann dies nicht auseinanderhalten. Das sage ich nicht im überheblichen Sinne, sondern weil ich selber viele Jahre gebraucht habe, bis ich ein wirklich sicheres Urteil gehabt habe, was das Beurteilen von Quellen und von Meldungen angeht. Wo ich also sofort sage, dass dies nicht sein kann, dass jenes mich stutzig macht und dass ich etwas viel genauer wissen möchte.

«Der Trump-Gegner geht – um jetzt das amerikanische Beispiel zu nennen – sicher nicht zu Fox-News um zu sehen, was die an Lob über den Präsidenten ausschütten, sondern sie gehen zu denen, von welchen sie glauben, dass sie recht haben.»

Diese ganzen Dinge vermag der Einzelne nicht, da ihm die Ausbildung und Erfahrung dazu fehlt. Trotzdem müsste er das aber können, um mit diesem riesigen Bottich Internet umgehen zu können. Zweiter Punkt: Wenn man so viel Angebote hat, dass man sich gar nicht richtig zurechtfinden kann, was macht man dann? Man geht dahin, wo man sich zuhause fühlt. Zum Beispiel zu den Meinungen, die einen bestätigen. Der Trump-Gegner geht – um jetzt das amerikanische Beispiel zu nennen –sicher nicht zu Fox-News um zu sehen, was die an Lob über den Präsidenten ausschütten, sondern sie gehen zu denen, von welchen sie glauben, dass sie recht haben.

Man geht also zu dem, was man kennt und dem man glaubt. Und nur noch zu denen. Und so bilden sich diese Blasen von Leuten, die alle gleicher Meinung sind und sich gegenseitig bestätigen und die Informationen, welche das Ganze infrage stellen müssten, damit ein gesellschaftlicher Diskurs stattfindet, die kommt nicht mehr an. Die gemeinsamen Plattformen gehen verloren. Deswegen war es auch für denjenigen, die wie ich damals gegen «No-Billag» gekämpft haben, ein grosses Anliegen, dass in der Gesellschaft noch ein paar gemeinsame Plattformen erhalten bleiben, wo wir uns austauschen und wo nicht nur die Blocher-Freunde und die Blocher-Gegner separat untereinander reden.

JR: Sehen Sie aber auch Chancen, die Social Media mit sich bringt?

CS: Natürlich! Die eröffnen Möglichkeiten, Kontakte, Gedankenaustauch, Methoden zu kommunizieren, die so vor zwanzig Jahren nicht denkbar waren! Ich komme eben von einer Reise durch Georgien zurück, ich hatte keinen Laptop dabei und auf dem Hinflug habe ich mein Handy verloren, ich war zwei Wochen ohne irgendwelche Media: das war schon fast so schlimm wie mein Raucher-Entzug…

JR: Worin sehen Sie die Zukunft von Qualitätsmedien? (Audiofile)

JR: Wenn ich nochmals bei den Fachzeitschriften nachhaken darf: Sehen Sie denn eine Zukunft in diesen Zeitschriften und Zeitungen? Dabei handelt es sich ja auch um Informationen, die nur für eine ganz bestimmte Zielgruppe gedacht sind.

CS: Ich verstehe zu wenig von dieser Branche. Aber ich glaube schon, dass das möglich ist und ich glaube, dass die fast eher eine Chance haben, weil ich denke, dass das Bedürfnis, etwas in der Hand halten zu können, immer noch stark ist. Und wenn jetzt der Motorrad-Fan die neuen Ducatis, den Testbericht und den Vergleich zum BMW anschauen will, dann hat der doch lieber ein Hochglanzpapier in der Hand, wo er nach hinten und vorne blättern und die Bilder anschauen kann. Die Frage ist halt nur, wer bezahlt das? Respektive wie unabhängig ist das? Gerade wenn ich das Beispiel Motorrad oder Auto nehme, da gibt es zwar ganz schöne Fachzeitschriften, aber einen kritischen Journalismus gibt es da weniger. Die sind alle stark von ihren Inserenten abhängig, von denen, die ihnen ihre Testfahrzeuge zur Verfügung stellen und so weiter. Ähnliches gilt wohl – lasse ich mir sagen – im Bereich der Kunstzeitschriften. Dort sind es immer mehr die Galerien selber, welche sich diese Zeitschriften leisten, immer weniger unabhängige Verlage.  Aber ich muss sagen: Ich bin kein Spezialist auf dem Gebiet. Ich habe öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemacht und bin nicht genügend sachkundig, wenn es um diesen Bereich geht.

«Wenn der Motorrad-Fan die neuen Ducatis, den Testbericht und den Vergleich zum BMW anschauen will, dann hat der doch lieber ein Hochglanzpapier in der Hand, wo er nach hinten und vorne blättern und die Bilder anschauen kann. Die Frage ist halt nur, wer bezahlt das?»

JR: Aber gerade weil Sie vom Öffentlich-rechtlichen kommen, sehen Sie vielleicht eine Option, wie man auch in Zukunft Qualitätsjournalismus betreiben und dem Mainstream-Journalismus entgegenwirken kann.

CS: Ja, das ist ganz schwierig. Man muss Wege finden, gegen den ökonomischen Strom anschwimmen zu können. Gerade diese Geschichte mit den Hypes, das Übersteuern einzelner Themen, das ist meiner Optik zufolge, nach meinem Erleben in den Achtziger- und insbesondere in den Neunzigerjahren ganz stark geworden. Das hat schon früher existiert, es hat ja in der Schweiz schon seit den Sechzigerjahren die Boulevard-Presse gegeben: den Blick mit seinen nackten Frauen und den klassischen Boulevard-Geschichten. Aber dass es dann auf sämtliche Medien übergreift, das hat für mich dann in den Achtzigern und Neunzigern begonnen. Das erste grosse Ereignis, bei dem wir uns gefragt haben, wo das denn hinführe, war Lady Di. Das war eine relativ schöne Frau, eine Prinzessin und tot. Sonst nichts. Die gesellschaftliche Relevanz war dabei plus-minus null. Das lief jedoch überviele Wochen Tag und Nacht ohne Ende, das war völlig wahnsinnig. Es entstand eine regelrechte öffentliche Hysterie.

«Wenn wir der Gesellschaft genügend relevante Informationen liefern wollen, damit die Demokratie funktioniert, dann darf die Rentabilität nicht das einzige Kriterium sein.»

Bis vor Kurzem hat der Journalist noch fast täglich aus dem Deutschen Bundestag berichtet. Zumeist jedoch im Radio. Quelle: SRF

JR: Durch den Online-Journalismus haben sich nochmals neue Möglichkeiten ergeben, solche übersteuerten Nachrichten zu «streuen». Haben Sie denn ein Rezept, wie man guten Online-Journalismus machen könnte?

CS: Die bei SRF geben sich da sehr viel Mühe, haben auch einen gewissen Erfolg. Sie versuchen schnell zu sein, sie versuchen das Know-How der Fachredaktionen, also der Auslandredaktion, der Inland-Wirtschaftsredaktion, möglichst schnell anzuzapfen. Sie haben aber nicht den Ehrgeiz, unbedingt als erste zu kommen, was unter Journalisten immer ein sehr grosses Kriterium darstellt, jedoch für die User nicht so relevant ist. Sie versuchen die knappen, zum Teil winzigen Formate, welche das Internet erheischt, mit dem Sachverstand zu kombinieren und bemühen sich, Hintergrund zu liefern und relevant zu bleiben. Ich glaube, dass es nur in diese Richtung gehen kann, auch wenn es sich nicht rentiert.

Da kommen wir eigentlich wieder zum selben Thema: Wenn wir der Gesellschaft genügend relevante Informationen liefern wollen, damit die Demokratie funktioniert, dann darf die Rentabilität nicht das einzige Kriterium sein.

JR: Lassen Sie uns noch etwas mehr über Ihre persönlichen Erfahrungen sprechen. Sie waren zweimal Washington-Korrespondent und auch im Berliner Bundestag als Korrespondent tätig. Ausserdem haben Sie jahrzehntelang das Format «Echo der Zeit» stark mitgeprägt. Gibt es in Ihrer Karriere eine Geschichte, die für Sie ganz speziell in Erinnerung geblieben ist?

Und dann natürlich Einschnitte wie 9/11, als zwei Flugzeuge in die beiden Wahrzeichen von New York, die Twin Towers gesteuert wurden. Und ins Pentagon bei Washington. Das bleibt einem aus zwei Gründen: zum einen, weil man damals sofort merkte: das ist ein Ereignis, das die Welt verändern wird. So wurde Amerika – auf eigenem Territorium – seit dem Zweiten Weltkrieg nie mehr angegriffen und es wird reagieren müssen oder wollen. Das wird ungeahnte Konsequenzen haben. Und zum anderen, weil man damals von einer Minute auf die andere alle Abläufe im Studio auf den Kopf gestellt, endlos improvisiert hat, um eine ständig laufende, aufdatierte Berichterstattung zu gewährleisten. Ich hätte eigentlich das «Echo» moderieren sollen an jenem Tag, machte aber schliesslich alle halbe Stunde eine News-Sendung, und als mich um 18 Uhr erschöpft auf ein Sofa fallen liess, rief man mich in das Echo-Studio und sagte «geh rein und erzähl alles was du zum gegenwärtigen Stand weisst». Ich war überhaupt nicht vorbereitet und erfuhr nachher, dass der Korrespondent in Washington zwar bereit war mit einem ausführlichen Bericht, dass aber die Telefon- und Datenleitungen alle zusammengebrochen waren. Sowas interessiert natürlich ausserhalb des Studios keinen Menschen, aber für einen selber sind das prägende Ereignisse.

Das sind übrigens auch Momente, wo man Erfahrung gewinnt. Wenn man solche Dinge erlebt hat, dann wird man später etwas ruhiger in solchen Situationen.

JR: Als Kulturmagazin interessiert uns natürlich auch, was Casper Selg ausserhalb seiner Journalistischen Tätigkeit macht. Gibt, beziehungsweise gab es das überhaupt?

CS: Naja, noch immer nicht zur Genüge. Ich versuche mir ein bisschen mehr Zeit zu nehmen, indem ich beispielsweise mehr lese. Ich schaue noch immer relativ viel fern, ich schaue gerne Dokumentationen auf arte und 3sat, das hat auch mit meiner Gesundheit zu tun. Ich muss oft auf dem Ergo sitzen und das halte ich nur aus, wenn ich mir dabei etwas Vernünftiges anschauen kann. Das hilft aber meinem Kulturkonsum. Dadurch dass ich jetzt aber Mitglied des Presserates bin, befasse ich mich jedoch schon immer noch viel mit journalistischen Fragen.

Und sonst erlaube ich mir etwas mehr Freizeit als früher.

JR: Vielen lieben Dank Herr Selg für Ihre Zeit und das schöne Gespräch.

CS: Gern geschehen.

 

Interview & Text: Jan Rucki
Bilder: Kaj Bossard