Kultur Theater

„ecco RONDO ist nicht ein Projekt, welches nur auf der Bühne stattfindet.“ – Lisa Bachmann und Leon Schulthess im Interview10 min read

11. Mai 2020 7 min read

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„ecco RONDO ist nicht ein Projekt, welches nur auf der Bühne stattfindet.“ – Lisa Bachmann und Leon Schulthess im Interview10 min read

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Von der Choreographie zu Kawasaki bis hin zu einer Chor-Performance, welche einem Plastiksack gewidmet ist: Nach dem düsteren Brüdermord in „Abel vs. Kain“ bewies die junge Truppe von ecco RONDO in ihrer letzten Produktion „ShowBiss“, dass sie nebst schauspielerischem Talent auch musikalische Begabung an den Tag legen kann. Geprägt von Konkurrenzkampf und Intrigen kämpfen acht junge Leute um eine Nebenrolle in einem Musical. Das junge Theater produziert unter der Leitung von Lisa Bachmann regelmässig Theaterstücke mit dem Ziel, bei jungen Menschen die Freude am Theaterspielen zu wecken und sie kontinuierlich und gezielt zu fördern.

frachtwerk traf Lisa Bachmann und Leon Schulthess, eines der zehn Mitglieder von ecco RONDO, noch vor dem Lockdown zum Interview auf ein Bier. Sie erzählten von Ideenfindung, dem familiären Verhältnis der Gruppe und worauf wir uns diesen Frühling hätten freuen dürfen.

Linda Lustenberger: Wie kann man sich den Vorbereitungsprozess eurer Stücke vorstellen?

Lisa Bachmann: Dieser Vorgang ist eigentlich ein Markenzeichen von mir. Da ecco RONDO schon seit längerer Zeit „meine“ Gruppe ist, gehe ich auch mit dieser Methode an die Menschen heran. Es liegt nicht in meinem Interesse, ein Theater mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu machen, um mich in erster Linie selber als Regisseurin zu verwirklichen. Viel wichtiger ist mir, was ihnen im Moment unter den Nägeln brennt oder welches Thema sie mal auf der Bühne sehen möchten. So sind wir letztes Jahr vom Thema „Manipulation durch soziale Medien“ plötzlich, über einen riesen Umweg, beim Ende des Zweiten Weltkrieges gelandet.

Leon Schulthess: Normalerweise treffen wir uns mehrere Male in der Frühlingszeit zu Brainstorming-Sitzungen, bei welchen wir miteinander quatschen, etwas trinken und überlegen, welches Thema uns gerade interessiert, was wir spannend finden und wir mal auf der Theaterbühne sehen möchten. Dann entwickelt sich das über mehrere Treffen zu einem gewissen thematischen Rahmen. Zusätzlich überlegen wir uns auch, welche Figuren wir gerne spielen möchten. Anhand von diesen Inputs füllt Lisa dann den Rahmen mit Text.

LB: Ich schreibe ihnen ein fertiges Stück. Ich gehe nicht so weit mit der Basisdemokratie, dass sie ihre Texte selber erfinden können, weil ich doch ziemlich viel Erfahrung mit Dramaturgie und dem Rhythmus, welcher ein Stück haben muss, habe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass beim ersten Lesen noch Skepsis da ist. Finden das die Leute wohl gut? Sobald man jedoch anfängt, daran zu arbeiten, beginnt man auch die dramaturgischen Zusammenhänge zu verstehen. Das Ganze ist eigentlich immer ein Prozess, auch noch bei den Proben. Ich glaube gerade als Spieler*innen müssen sie es auch aushalten können, dass ich nicht so direktiv Regie führe. Ich sage immer: „Macht! Wenn es ausufert, dann greife ich ein.“ Sie sind so gut, dass ich ihnen eigentlich die Zügel recht locker lasse.

„Für mich ist es eine Win-win-Situation.“

LL: Wie ist es denn für dich mit jüngeren Leuten zu arbeiten?

LB: Horror! Nein, ich empfinde das so, dass wir wahnsinnig voneinander lernen können. Ich von ihnen, indem sie mir auch sagen, wenn etwas zu old-fashioned oder nicht mehr akzeptabel ist. Auf der anderen Seite können sie auch von mir und meiner Erfahrung lernen. Sie sollen darauf vertrauen, dass ich sie in diesem Sinn schon führe, auch mit allen Freiheiten, die ich ihnen lasse. Ich selbst profitiere enorm von ihnen und es hilft mir auch – in meinem fortgeschrittenen Alter – im Kopf nicht „einzurosten“. Für mich ist es eine Win-win-Situation.

LS: Das kann ich im Namen von uns allen total unterzeichnen. Ich kenne niemand anderen, der solch ein unglaubliches Wissen über alle Leute von Luzern hat. Lisa ist wie ein lebendiges Lexikon. Es ist immer lustig und spannend, was man bei ihr lernt und erfährt. Meiner Meinung nach ist es auch eine Win-win-Situation und wir können Lisa auch immer wieder sehr viel vom „Modern Life“, den Jugendthemen und anderen Aktualitäten beibringen. Das ist eine sehr harmonische Beziehung.

LB: Es ist mir aber ein sehr grosses Anliegen, dass ich das nicht mache, weil ich mich selbst noch für jung halte. Ich bin nicht so juvenil. Mein ganzes Leben lang war ich schon neugierig auf Menschen. Ich kann nicht im Zug fahren und lesen; das geht meistens nicht. Ich sehe dann ein Pärchen oder höre etwas und dabei beginnt bei mir schon eine Geschichte. Deshalb bin ich unglaublich froh um diese Anregung, das ist spannend!

„Es hat viel Witziges drin, aber es hat auch viele himmeltraurige Dinge drin. Ich denke, diese Mischung braucht es und ich war dankbar dafür.“

LL: Im Vergleich zu eurem letztjährigen Stück „Abel vs. Kain“ habe ich das neuste Stück „ShowBiss“ als lustiger empfunden. Habt ihr euch bewusst dazu entschieden oder ist das einfach so entstanden?

LB: Bei „Abel vs. Kain“ gab es zum Teil auch lustige Sequenzen, bei welchen die Leute gelacht haben. Ich kann nicht Theaterstücke schreiben, welche nicht bei aller Ernsthaftigkeit auch einen Witz drin haben. Eigentlich wäre „ShowBiss“ eine ernsthafte Sache. Diese acht Leute kommen und reissen sich den Arsch auf. Sie werden gnadenlos ausgenutzt und sie wollen es nicht merken. Jeder, der diese Botschaft mitnehmen wollte, hat sie mitgenommen. Die anderen kommen ins Theater und finden, dass Theater eine geile Kunstform ist und das gefällt ihnen. Ich finde es genauso wichtig, dass die Leute merken, dass live Theater auch etwas ganz Spezielles ist. Als sie am Schluss im Chor dieses schräge Plastiksack-Lied sangen, dachte man trotz des Inhaltes einfach „Wow!“. Es hat viel Witziges drin, aber es hat auch viele himmeltraurige Dinge drin. Ich denke, diese Mischung braucht es und ich war dankbar dafür.

LS: Bei den Produktionen, welche ich bisher miterleben durfte, war der Kern immer etwas Ernstes, etwas Tragisches oder ein Thema, welches eigentlich nicht zum Lachen ist. Meistens war es dann komödiantisch verpackt, um das etwas locker aufzugreifen. Sodass man darüber lachen kann aber dann vielleicht doch merkt, dass es eigentlich gar nicht so lustig wäre. Ich weiss noch, als wir „Abel vs. Kain“ vorbereitet haben, haben die meisten gesagt, sie wollen mal etwas Dramatisches. Nicht nur der Kern, welcher ein schwieriges Thema ist, sondern auch die Verpackung, die eher etwas düster und dramatisch ist, da auch die vorherigen Jahre lustiger „verpackt“ waren. Für mich persönlich unterscheidet sich das Stück schon ziemlich von den anderen. Nur schon die Reaktionen vom Publikum während dem Stück, aber auch danach waren völlig anders als bei vorherigen Produktionen oder jetzt bei „ShowBiss“. Gewisse Zuschauer haben auch gesagt, sie würde es gerne nochmal schauen, aber können nicht, weil es für sie zu schwer war.

LB: Man hat sich von dieser Zeit und von dieser Düsterkeit hineinziehen lassen. Wir wollten den Rechtsdrang thematisieren, auch in früheren Produktionen ging es bereits um Rechts und Links. Ich fand es genial, dass wir das in die 40-er Jahre transportieren konnten, weil wir es dadurch viel mehr zuspitzen konnten. Das ging dem Publikum viel näher.

Leon Schulthess und Jill Lustenberger in „ShowBiss“

LL: Bei „ShowBiss“ ging es um das Vorsprechen für ein Musical und dadurch kamen auch Komponenten wie Tanz und Gesang dazu. Das war wahrscheinlich eher etwas Neues. Wie war das für euch?

LS: Vor der Premiere hatten Gewisse wirklich schon zwei bis drei Stunden vorher Lampenfieber. Einige haben gesagt, sie waren noch nie so aufgeregt, wie dieses Mal. Auch bei den Proben hat man gemerkt, dass wir uns von vorherigen Jahren gewohnt waren, Theater zu spielen und nicht zu singen oder zu tanzen. Das waren schon zwei neue Bestandteile.

LB: Ich habe schon mit vielen von ihnen an der Kantonsschule Musegg gearbeitet und dort haben wir auch Stücke erarbeitet, welche zum Teil mit Gesang und Tanz ergänzt wurden. Ich wusste daher von einigen, dass sie singen und tanzen können. Eigentlich wollten es alle auch, da wir fanden, es wäre eine neue Challenge. Es war aber klar, dass es ein Casting ist. Wenn etwas in die Hose geht, dann können die Manager-Figuren die Augen verdrehen und man weiss: „Aha, das muss so sein.“ Das nahm natürlich sehr viel Druck perfekt zu sein weg.

LL: Hat das lange gedauert? Habt ihr viel extra dafür geübt?

LB: Ich denke schon, ja. Sie haben auch Zuhause geübt. Edith (Knüsel), welche uns musikalisch unterstützt hat, hat die einzelnen Stimmen aufgenommen und den jeweiligen Schauspielern zugeschickt. Damit konnten sie das auf diese Art und Weise lernen. Es war aber natürlich eine riesige Herausforderung, gerade das Tanzen mit Choreographien, wie die zu Kawasaki, zum Beispiel.

LL: Den Schluss mit dieser Traumsequenz habt ihr bereits angesprochen. Wolltet ihr damit etwas Spezielles aussagen? Ich war selbst sehr überrascht.

LB: Wir hatten das Gefühl, das ist der Traum von ihnen allen: Jeder kriegt einen Job. Wenn wir das jetzt so enden lassen, dass niemand den Job kriegt, dann ist das genau das, was alle erwartet haben. Es hat niemand mit diesem Schluss gerechnet. Wir haben extrem übertrieben und gedacht, dass dadurch jeder verstehen wird, dass wir einfach den Schalter umlegen. Vielleicht fanden es einige auch doof, aber wir haben es nicht so verkauft, als wäre das die Realität.

„Dadurch möchten wir zeigen, dass wir sehr wohl auf der einen Seite gerne Spass vertragen und auf der anderen Seite auch politisch unsere Ideen und Anliegen haben.“

LL: Habt ihr noch etwas, das ihr loswerden möchtet?

LB: Die Zukunft! Ich wollte dieses Jahr eigentlich etwas Politisches machen. Es gab dann etwas Widerstand, unter anderem auch wegen „Abel vs. Kain“, welches schon etwas politisch war. Nun möchte ich aber ein kleines Zwischenprojekt machen. Die Idee ist, dass wir im Frühling im Pavillon kleine, feine, bissige, witzige, politische Szenen spielen. Zwar wird dies nicht mit allen durchgeführt, sondern nur mit denen, welche auch wirklich Zeit und Lust haben. Im Moment ist das die Hälfte der Gruppe. Dadurch möchten wir zeigen, dass wir sehr wohl auf der einen Seite gerne Spass vertragen und auf der anderen Seite auch politisch unsere Ideen und Anliegen haben. Ich persönlich freue mich sehr darauf. Über das Format sind wir uns noch nicht ganz einig. Witzig, spritzig soll es werden! Wir wollen einfach mit dem, was uns politisch unter den Nägeln brennt, etwas spielen.

LS: Im Frühling werden wir unter einem neuen Namen auftreten, den verraten wir aber noch nicht. Parallel dazu werden wir auch schon mit den Vorbereitungen für das nächste Projekt Ende November beginnen.

„Auch wenn sie Rollen haben, die sich rivalisieren, kommen sie gemeinsam mit dieser Spiellust und Spielfreude rüber.“

LB: Ich finde, man spürt so gut, wie sie eine Einheit sind und miteinander spielen. Auch wenn sie Rollen haben, die sich rivalisieren, kommen sie gemeinsam mit dieser Spiellust und Spielfreude rüber. Wir haben nie Diven und auch hinter den Kulissen packen alle immer zu. Es ist wirklich toll. Sie verbringen auch viel Freizeit miteinander, das finde ich sehr schön. Mir ist es wichtig, dass ecco RONDO nicht ein Projekt ist, welches nur auf der Bühne stattfindet.

Aufgrund von COVID-19 musste ecco RONDO das Polit-Kleinprojekt, welches für diesen Frühling geplant war, leider sistieren. Sie hoffen aber es dennoch einmal durchführen zu können. Die Aussicht auf die Grossproduktion im November sieht jedoch besser aus: „Momentan sieht es so aus, als werden wir unsere Produktion durchführen. Wir konnten aber noch nicht mit der Besprechung darüber beginnen, weswegen ich und alle anderen noch keine blassen Schimmer haben, was wir im Herbst auf die Bühne bringen werden,“ liess Leon Schulthess frachtwerk wissen. Somit bleibt uns im Moment wenigstens die Vorfreude, die Truppe von ecco RONDO im November wieder auf der Bühne vom Theater-Pavillon bestaunen zu dürfen.

 

Dieses Interview wurde aufgrund von Länge und Verständnis überarbeitet.

Interview & Text: Linda Lustenberger
Bilder: Felix von Wartburg