Ein Strassenakrobat hat uns von seiner Odyssee nach Europa erzählt, erklärte uns wieviel er verdient und wie er auf die Akrobatik gestossen ist

Samstag in Mailand, der Abendverkehr rauscht am Simplonpark vorbei, inmitten der Hektik und der stressgepeitschten Grossstadt zaubert Andrés López Rico mit einer bewundernswerten Ruhe den Autofahrenden ein Lächeln ins Gesicht. Bevor die Fussgängerampel von orange auf grün schaltet, betritt Andres mit seinem Einrad, den Keulen und dem Fussball die Strasse.

Spontan können wir ihn für ein Interview mit uns gewinnen:

Gregory Li: Ich habe dir da zugeschaut auf der Strasse und eine Frage kam mir in den Sinn. Machst du das als Nebenjob oder brauchst du das Geld?

Andrés López Rico: Okay, es gibt zwei Gründe. Ich brauche das Geld, weil ich reise und das der einzige Weg ist, das Geld für das Reisen aufbringen zu können. Aber auch gefällt es mir sehr, diese Energie, meine Energie mit den Leuten zu teilen in diesen Städten wo die Leute normalerweise über Arbeit und solche Sachen denken und manchmal haben sie keine Zeit, um an Orte zu gehen wo sie Kunst finden. Also wenn ich zu ihnen ginge, um meine Kunst zu zeigen und sie es mögen, wollen sie mit mir Geld teilen. Wir teilen miteinander und finden Sachen, die uns glücklich machen. Und für mich diese Sachen zu machen, Jonglieren an der Ampel, ist sehr schön, um mich so auszudrücken und mich auch selber zu finden. Denn jeder Tag ist anders, jeden Tag findest du verschiedene Situationen, also immerzu lernen, lernen, lernen und Sachen finden und verstehen.

Maurice Koepfli: Reist du durch Europa? Wo beginnst du, wo hälst du?

A.R: Ich habe vor fünf Jahren mit reisen begonnen und ich kam hier nach Italien, ich ging nach Frankreich, Spanien, Deutschland und andere Länder, aber es hört nie auf, weil ich zurückgehe nach Mexiko, drei Mal oder so und ich war da für eine Weile, aber dann hatte ich wieder das Bedürfnis um zurückzukehren und an andere Orte zu gehen. Im Moment würde ich sehr gerne nach Asien gehen. Es ist ein bisschen schwieriger, auf diesem Weg dort zu leben, da es nicht zu viel Geld gibt, aber wir können hierhin kommen, um das Geld zu machen und dorthin gehen, damit wir entspannt sind und reisen und die Energie finden können. Den Weg, dass wir uns selber finden können. Ich habe die Mentalität, dass man gute und schlechte Sachen überall finden kann und dann können dir diese Dinge helfen dich selbst wieder zu finden. Ich denke die ganze Zeit daran, denn für mich ist es wichtig uns zu treffen, verschiedene Sachen zu tun. Für mich ist es mein Weg – ich bin hier, um es zu tun.

M.K: Also du bist ursprünglich von Mexiko?

A.R: Ja, ich bin von Mexico City, von Tláhuac. Tláhuac ist der Name meiner kleinen Stadt in Mexico City. Für mich ist es sehr schön, ich bin sehr gerne dort.

M.K: Hast du Jonglieren und Einradfahren in Mexiko gelernt?

A.R: Ja, also ich lernte es, weil mein Bruder begann jonglieren zu lernen und ich machte Musik und immer noch, aber als ich ihn sah wie er es lernte und mochte, wollte ich es auch lernen. Und irgendwann lernten wir zusammen und machten eine Show miteinander und anderen Freunden. So fingen wir an zu reisen, weil wir eine Jonglier-Gruppe gründeten und wir begannen Shows zu geben und ein bisschen durch Mexiko zu reisen und dann als wir zusammen eine Verbindung gemacht haben, entschieden wir uns hierher zu kommen und es so zu beginnen und es war unglaublich. Für mich als mexikanischer Junge ohne Geld war es wirklich schwierig ans Reisen und solche Dinge zu denken, denn wir hatten kein Geld es war wirklich schwierig, aber als wir diesen Weg fanden, war es erstaunlich herauszufinden, dass es machbar ist. Es ging nicht ums Geld oder nichts, es ging nur darum: Wenn du es willst, wirst du einen Weg finden es zu machen. Es ist wirklich unglaublich.

G.L: Wie haben deine Eltern und die Leute deiner Stadt darauf reagiert?

A.R: Wirklich gut – zu Beginn war es schwierig für meine Familie zu verstehen, weil sie dachten, dass wir es nicht durchziehen werden wegen dem Geld und solchen Sachen und meine Familie war anfänglich ein bisschen besorgt. Eigentlich war es schwierig, denn als wir das erste Mal nach Europa gingen, haben sie uns nicht hereingelassen, sie haben uns am Flughafen abgefangen und uns zurückgeschickt, weil wir nicht zu viel Geld hatten und nicht das Touristenprofil hatten. Sie sagten also, dass wir nicht hereingelassen werden, wir gingen zurück und haben alles Geld verloren, das wir zu dieser Zeit hatten. Wir trafen auf richtig tolle Menschen in Cancún, weil wir von dort aus das Flugzeug nehmen wollten. Wir fanden dort Arbeit und Leute, die uns helfen wollten und wir schafften es mehr Geld zu bekommen und machten es in drei Monaten, kamen zurück und zogen es endlich durch – wir kamen. Um diese Zeit herum fingen wir an zu reisen und trafen Menschen und begannen zu verstehen, wie es ist.

M.K: Und seit fünf Jahren reist du schon?

A.R: Mehr oder weniger – ich begann vor fünf Jahren, letztes Jahr war ich ein Jahr in Mexico City, ich kam ein bisschen in Mexiko herum aber nicht gross. Ich habe letztes Jahr wieder angefangen.

M.K: Zusammen mit einer Gruppe oder alleine?

A.R: Ich ging alleine, denn mein Bruder ging nach Australien und mein anderer Kollege kam nach Italien und an einem Punkt trennten wir uns. Nun kommt mein Bruder und mein anderer Kollege ist auch hier, also werden wir zur italienischen Versammlung des Jonglierens gehen in Brianza. Es wird wirklich schön sein, sie wiederzusehen und eine Show mit ihnen zu machen. Das ist grundsätzlich meine Situation.

M.K: Wie lange arbeitest du am Tag?

A.R: Es kommt darauf an, zum Beispiel jetzt muss ich sehr viel Geld verdienen, weil ich das Ticket für die Versammlung zahlen muss, aber ich weiss nicht ob ich es schaffen werde. Die Leute fragen die ganze Zeit, wieviel ich an einem Tag oder so machen kann, aber jeder Tag ist anders. Manchmal mache ich nur 10 Euros. Aber an manchen Tagen, zum Beispiel an Weihnachten wenn die Leute wirklich glücklich sind und so, geben sie viel Essen und auch viel Geld, also einmal brachte ich es fertig 70 Euro zu verdienen – es ist viel, aber es ist nicht so, dass du es jeden Tag schaffst. Es ist abhängig davon, wieviel Energie du hast.

M.K: Ja, du musst alle 30 Sekunden strahlen – das ist hart.

A.R: Ja, das ist das Wichtige, du musst es wirklich geniessen, weil wenn die Leute nicht fühlen, dass du es wirklich geniesst, denke ich, dass sie dir nicht glauben und sie geben dir nichts. Es geht darum, Energie und was du machst zu teilen und es auf eine ehrliche Art zu tun. Du musst sicher ehrlich sein mit dir selber und mit den Menschen von meiner Perspektive her. Alles ist meine Sichtweise, natürlich ist jede Person anders und du kannst andere Leute finden, die andere Perspektiven haben, aber es ist das Ding herauszufinden, wie die Leute die Dinge sehen – aber das ist meine Art.

M.K: Campierst du? Zum Beispiel in der Nacht, gehst du da campieren?

A.R: Zum Beispiel das erste Mal als ich hier nach Mailand kam, schlief ich ringsum, ich ging zum Hauptbahnhof, um dort ein paar Nächte zu schlafen und so, aber mittlerweile habe ich Freunde hier, manchmal schlafe ich in den Häusern von Freunden oder auch habe ich einen Weg gefunden, in Squads zu sein und für Festivals oder andere Sachen, die sie machen zu performen und die Kunst zu teilen und so einen Ort zum Schlafen und zum Sein zu finden.

M.K: Es ist wirklich inspirierend was du tust.

A.R: “Thank you, Bro”. Es ist wirklich schön Leute wie euch zu treffen, denn wenn ich das teilen kann, lade ich meine Energie neu auf, um es weiterhin zu machen und gut darüber zu fühlen, weisst du. Manchmal ist da die andere Seite, dass die Leute es nicht zu fest mögen. Persönlich kümmert es mich nicht, aber wenn ich Leute wie euch finde, fühle ich mich wirklich wirklich gut, also danke.

M.K: Thank you too very very much.

G.L: Thank you.

Nach dem Interview hat er uns dann noch erzählt, dass er 3 oder 4h pro Tag, je nach dem sogar 4 ½ Stunden arbeite. Das ist sehr lang, wenn man die harte, körperliche und auf Konzentration basierende Arbeit bedenkt. Vor zwei Jahren sei er von der Polizei noch weggeschickt worden, seit dem politischen Wechsel in Italien werde er nun aber toleriert.

 

Text und Bild: Gregory Li

Interview: Maurice Koepfli und Gregory Li

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