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«Ich trage einen langen Bart, habe einen ausländisch klingenden Namen und bin alles in allem definitiv, wenn es um meine Identität als Muslim geht» – Im Gespräch mit Milaim Callaku16 min read

16. November 2019 10 min read

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«Ich trage einen langen Bart, habe einen ausländisch klingenden Namen und bin alles in allem definitiv, wenn es um meine Identität als Muslim geht» – Im Gespräch mit Milaim Callaku16 min read

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Ich habe Milaim Callaku ein paar Tage nach dem Filmscreening und der Podiumsdiskussion unter anderem mit der Regisseurin Esen Isik im Bourbaki zum Interview getroffen. Auch er war Teil der Diskussionsrunde zum Film Al-Shafaq, in dem Identität im Extremismus thematisiert wird. Milaim studiert an der pädagoschischen Hochschule in Luzern und wurde aufgrund seines Engagements in der Moschee für die Teilnahme an der Diskussion angefragt.

 

Flavia Schnyder: Als erstes eine persönliche Frage an dich: Wie sind deine Erfahrungen als Muslim in der Schweiz und speziell in Luzern?

 

Milaim Callaku: Als Muslim in der Schweiz, und noch mehr als Muslima, sehen wir uns immer wieder in der Situation, dass wir mit Geschehnissen aus der Welt konfrontiert werden und gleichzeitig für diese geradestehen müssen, mit welchen wir absolut nichts zu tun haben. Ähnlich wie bei allen marginalisierten Gruppen wird so jede muslimische Person zur Repräsentantin der gesamten Religion. Dabei bin ich noch gar nicht in die strukturelle Islamophobie und Diskriminierung von Muslimen und Musliminnen eingegangen. Spätestens seit 2008 werden Muslime, einzig aufgrund ihrer Religion, durch die Bundesverfassung diskriminiert. Das Minarettverbot war und ist aber nicht das schlimmste Problem für Muslime in der hiesigen Gesellschaft. Das Verbot schränkt die meisten Muslime und Musliminnen ja nicht wirklich in ihrer persönlichen Freiheit ein. Es ist aber Platzhalter für die strukturelle, von Politik und Medien geförderte Islamophobie. Ähnlich sieht es auch mit dem Vollverschleierungsverbot für muslimische Frauen im Kanton Tessin aus. Dort wird effektiv die persönliche Freiheit angegriffen, in Bezug auf etwas, dass wirklich niemanden stören sollte.

Vielleicht kann man sich darüber wundern, warum ich auf eine persönliche Frage zunächst einmal alle Muslime und Musliminnen miteinbeziehe. Der Grund ist eigentlich ziemlich simpel. Als muslimische Person bin ich immer Stellvertreter*in für die gesamte muslimische Gemeinschaft. Kommen wir aber dennoch auf meine persönliche Erfahrung zurück.

Aus meiner Sicht sind solche Verbote und Gesetze nur ein Meilenstein der Islamophobie und des Antisemitismus. Die tägliche Konfrontation macht auch mir zu schaffen. Ich habe noch selten erlebt, dass irgendjemand hinterfragt wurde, warum er oder sie seine oder ihre Hochzeit in der Kirche abhalten will oder warum Personen jüdischen Glaubens am Sabbat sich den Freitagnachmittag freihalten. Aber auch warum Buddhisten die Meditation so hochrangig stellen und warum manche in orangen Gewändern umherwandern. Auch habe ich noch selten erlebt, dass Hindus in ihrem Polytheismus hinterfragt werden. Ich kenne Menschen aus all diesen Kulturkreisen und habe das effektiv noch nie erlebt. Zumindest noch nie aus demselben Grund wie bei uns Muslimen und Musliminnen. Wenn, dann war es das aktive Interesse am Glauben oder der Kultur, aber nicht der Versuch der Denunziation. Oft wird mir dann hingehalten, dass all diese Religionen halt nicht so «ideologisch» seien, wie der Islam. Fair enough. Aber warum werden Menschen nicht wirklich hinterfragt aufgrund ihres Glaubens an die Demokratie oder den freien Markt? Warum hinterfragen dieselben Menschen, welche stets Muslime und Musliminnen hinterfragen nicht ihren Glauben an Gesetze, staatliche Institutionen oder gar Geld? Die Fragen sind eher rhetorisch, ich muss sie nicht wirklich beantwortet bekommen, weil mir die Antwort ziemlich klar ist.

Ich trage einen langen Bart, habe einen ausländisch klingenden Namen und bin alles in allem sehr definitiv, wenn es um meine Identität als Muslim geht. Habe ich Islamophobie auch schon erlebt? Oder Diskriminierung? Ja natürlich. Allein mein Name reicht aus, dass Menschen mit mir sofort auf Hochdeutsch reden. Wenn sie dann noch erfahren, dass ich Muslim bin, dann wird mal als erstes eine kalte Distanz aufgebaut. Menschen, die so etwas noch nie erlebt haben, können sich gar nicht vorstellen wie beleidigend das ist. Für mich ist jedoch immer einer der schlimmsten Aussagen, die man mir als Muslim machen kann: «Du bist ja nicht so wie die anderen! Du bist integriert!» Und obwohl mir eigentlich bewusst ist, dass dies ja quasi ein Kompliment für mich darstellen sollte, ist dies eine der niederträchtigsten Arten rassistisch zu sein, zumindest für mich. Nicht nur werden mit dieser Aussage jeder Muslim und jede Muslima als schlecht bezeichnet, sondern ich auch noch aus dieser Gruppe ausgeschlossen, was mich daran zweifeln lässt, ob ich Muslim genug bin. Alles in allem glaube ich aber auch stark daran, dass muslimische Frauen die grösste Portion der Islamophobie erhalten. Nicht nur das, sondern auch der unglaubliche Sexismus, der damit kommt, dass irgendwelche Männer und Frauen sie von irgendwas befreien wollen. Man nimmt ihnen jegliche Emanzipation, indem ihr die freie Wahl ihrer Kleidung oder sogar die freie Wahl der Religion abgeschrieben wird.

Ich kann halt nicht wirklich sagen, ob da in Luzern ein Unterschied zum Rest der Schweiz existiert. Ich habe halt in Luzern mein Umfeld, ich kenne viele Leute hier. Viele haben mich auch akzeptiert so wie ich bin. Wenn Fragen da sind, dann fragt man mich aus purem Interesse und nicht aufgrund von irgendwelchen Ressentiments, welche man einfach bestätigt haben will. Aber im Vergleich zu Orten wie Bern, Basel oder Zürich oder noch eher Genf, merkt man natürlich auch schon den Unterschied darin, wie einem die Menschen anschauen.

 

FS: Wenn es darum geht herauszufinden, ob jemand «auf dem Weg zur Radikalisierung ist», versuchen manche auf ein klares Muster zu schliessen. Auf einen genauen Ablauf. Was war der Auslöser dafür? Dies ist jedoch nicht möglich, da es verschiedenste Auslöser dafür gibt. Wie meinst du, kann in dieser Hinsicht in der Prävention am meisten bewirkt werden?

 

MC: Hierfür müssen staatliche und religiöse Institutionen zusammenarbeiten. Bevor das jedoch geschehen kann, muss der Staat, sowie die Medien auch, einiges an Wiedergutmachung bei den Muslimen hier betreiben. Es gibt nur wenig bis kein Vertrauen in dieser Hinsicht. Aus meiner Sicht ist aber dieses Misstrauen gegen den Staat nicht unbegründet. Wenn Muslime und Musliminnen, welche sich mehr zu ihrer Religion hinwenden plötzlich Besuch von der Polizei haben, oder vielleicht auch nur eine Vorladung für ein sogenanntes «Präventionsgespräch», dann wächst automatisch das Misstrauen. Wieso soll ich mich gegenüber einer Staatsgewalt über meine orthodoxe Lebensweise rechtfertigen? Wieso werden mir bei Delikten oder einfach nur «normalen» Kontrollen, Fragen über meine Religion gestellt und über die Intensität, wie ich diese auslebe? Ich war beispielsweise einmal bei der Polizei vorgeladen, um eine Aussage zu machen. Während der Befragung ging die Beamtin plötzlich auf das Thema Religion ein. Mir kam es dazumal wie ein Einschüchterungsversuch vor. Sie bot mir erst ein Glas Wasser an, nachdem sie mich gefragt hatte, ob ich am fasten sei. Die Muslime weltweit werden gewissermassen immer paranoider, wenn es um jegliche Staaten geht. Was kann ich sagen? Was wird wahrscheinlich gegen mich verwendet? Wieso soll ich kooperieren? Das sind Fragen, ob man das wahrhaben will oder nicht, die sich viele muslimische Personen stellen, bevor sie mit irgendeiner Beamtin oder einem Beamten zu tun haben.

Die Präventionsarbeit erfolgt noch immer vor allem in den Moscheen. Die meisten Schweizer und Schweizerinnen haben gar keine Vorstellung darüber, wie viel in den Moscheen zu diesen Themen besprochen wird. Bei wie vielen Jugendlichen plötzlich ein Gefühl der Diskriminierung auftaucht. Gleichzeitig sehen diese Jugendlichen, wie in weiten Teilen der Welt die Muslime misshandelt, deplatziert, vergewaltigt, zwangsindoktriniert (wie in China) oder gar getötet werden. Während der Obama-Administratur wurden unzählige Menschen islamischen Glaubens rücksichtslos als Kollateralschaden getötet und bis heute gilt Barack Obama als ein gemässigter, oder gar linker Demokrat. Die Jugendlichen hierzulande befinden sich dann in einem Identitätskonflikt. Einerseits sind sie hier geboren und aufgewachsen, andererseits identifizieren sie sich als Muslime, welche weltweit so behandelt werden wie beschrieben. Wenn dann auch noch die strukturelle Ausgrenzung aus der Gesellschaft zu einem Problem wird, dann kann es sehr wohl sein, dass diese Jugendlichen anfangen daran zu glauben, dass sie hier nicht mehr erwünscht sind und deswegen lieber an einen unsicheren Ort gehen, welcher von Krieg zerfressen ist, nur um da Anklang zu finden und für die Gesellschaft dort nützlich zu sein.

Was die Wege angeht, wie diese Jugendlichen dazu kommen, dass sie von einer Idee zur Handlung kommen, da sind die Sicherheitsdienste grösstenteils selbst verantwortlich. Als Moschee, oder als muslimische Menschen insgesamt, können wir nicht jeden kontrollieren, welcher sich ausserhalb der Vereine bewegt, auch weil wir nicht diese Gewalt und die Überwachungsmittel dazu haben. Wir holen die Menschen dann ab, wenn die Idee anfängt sich zu bilden, also ganz zu Beginn. Wenn sich die Institutionen in diesen Momenten, in welchen sie eigentlich bereits wissen, dass ein Mensch plant auszureisen, an die Moschee und die Familien wenden würden, denke ich, dass einiges verhindert werden könnte. Im Gegenteil dazu, können diese Institutionen nicht erwarten, dass Moscheen oder Familien von sich aus, ihre eigenen Leute so zum Frass vorwerfen. Der erste Schritt muss aber aus staatlicher, medialer Seite kommen. Sie sind nämlich dafür verantwortlich, wie es um die Vertrauensbasis zwischen hiesigen Muslimen und diesen Institutionen steht. Im Film wird dies sehr schön dargestellt, als die gesamte Familie bei irgendwelchen Beamten vorsprechen müssen und dort von denen schuldig gemacht werden über das Verhalten von Burak, dem Hauptprotagonisten. In diesem Moment zeigt sich, dass die Beamten bereits wussten, was Burak vorhatte, aber nichts unternahmen. Für mich ist das auch eine der Schlüsselszenen im Film.

 

FS: Der islamische Diskurs in unserer Gesellschaft basiert wie in anderen Diskursen bei denen es um Differenz geht, sehr stark darauf, dass von äusserlichen Erscheinungen auf das Innere einer Person geschlossen wird. Beispielsweise werden Frauen mit Kopftuch und Männer, die sich einen Bart wachsen lassen sogleich als radikale Muslime/Musliminnen angesehen.

Was meinst du? Was könnte getan werden um Menschen darauf zu sensibilisieren, dass das was von aussen wahrnehmbar ist, eben nur die halbe Wahrheit ist?

 

MC: Das ist sehr schwierig. Ich denke leider, dass die meisten Menschen sich nicht erst bei Kopftuch und Bart anfangen zu denken, dass Muslime sich radikalisieren. Es fängt schon bei Dingen an, die äusserlich gar nicht wahrzunehmen sind. Dinge wie Gebet, Fasten, Moscheebesuch, kein Alkohol, kein Schweinefleisch. Wieso soll ich mich als Mensch dafür rechtfertigen, dass ich kein Alkohol trinke oder Schweinefleisch esse? Wieso wird das Gegenteil als normal bezeichnet? Und warum sollte ich mich erst recht dafür rechtfertigen, ob ich in meiner Freizeit bete oder faste? Wen stört es wirklich? Wenn es jemanden stört, dass ich bete, auch wenn er oder sie nichts von meinem Gebet mitbekommt, dann ist nicht mehr viel zu machen. Diese Person hasst Muslime. Alles andere würde dieses Vorkommnis kleinreden. Ich sehe auch nicht wirklich ein, warum Menschen islamischen Glaubens etwas für die Sensibilisierung tun sollten. Wir waren offen. Wir hätten jeden in der Gesellschaft zum Essen eingeladen und über unseren Glauben geredet. Die Gesellschaft hat sich aber diese Chance vertan. Die Muslime sollen sich integrieren oder gar assimilieren, so werden Stimmen laut. Aber was sollen wir noch machen. Aus der Sicht derjenigen, die ein Problem mit uns haben, werden wir uns auch nicht mehr integrieren können. Mehr Schweizer oder Schweizerin kann man aus uns gar nicht mehr machen. Auch haben viele Muslime schlichtweg keine Lust sich in eine solche Gesellschaft zu integrieren. Vor allem wenn diese Integration das Aufgeben integraler Bestandteile seiner Identität abverlangt. Sachen wie Gebet, Fasten, Kopftuch und Bart, all das gehört zu uns. Und wir werden diese Dinge auch nicht sein lassen, nur, um irgendwelchen Leuten zu passen, welche uns danach sowieso wieder aus irgendeinem anderen Grund nicht akzeptieren. Schlussendlich könnte ich alles ablegen, was mich als Muslim definiert und stünde dann immer noch als Ausländer oder wenigstens Nicht-Eidgenosse da. Was würde sich für mich also verändern?

Jetzt will ich doch noch etwas Konstruktives dazu sagen: Nehmt Kontakt auf mit euren muslimischen Nachbaren und Freunden. Fragt sie, wie es ihnen geht, beglückwünscht sie zu ihren Festen und Feiertagen. Respektiert ihre individuellen Grenzen und macht nicht jeden Muslim und jede Muslima zum Spiegelbild einer Religionsgemeinschaft mit 1.6 Milliarden Anhängern und Anhängerinnen. Wahrscheinlich werden wir zunächst misstrauisch sein, aber das müsst ihr halt verstehen, da wir jetzt nun seit mehreren Dekaden mit Islamophobie und Diskriminierung zu kämpfen haben. Aber sobald diese Barriere weg ist, wird das Vertrauen wiederaufgebaut.

Gleichzeitig möchte ich aber betonen, dass die Muslime ja nicht in der Opferrolle gefangen bleiben sollen. Sie sollen sich wehren gegen diese politischen und medialen Bilder. Dagegenhalten und demonstrieren und nichts von ihrer Identität abgeben, sondern viel mehr darauf achten, wie kann meine Identität zur Verbesserung dieser Gesellschaft beitragen.

 

FS: Die Bemerkung einer Zuschauerin zur Familie des Hauptprotagonisten in der Diskussion nach dem Film war, dass sie bei solchen Zuständen in ihrer Familie, wahrscheinlich auch nach Syrien in den Krieg gezogen wäre. Diese Bemerkung führte sowohl bei der Regisseurin Esen Isik als auch bei dir zu einer bestimmten Erschrockenheit. Du gingst auf diese Bemerkung in dem Sinne ein, dass du sagtest, dass sie hier wohl sehr stark das Bild einer Schweizer Familie im Kopf habe und dass dies nicht vergleichbar ist mit der Struktur einer muslimischen Familie. Dieser Gedanke führt einen weiter und macht einem bewusst wie stark wir in unseren Gewohnheiten verfangen sind. Sie erschweren es uns Dinge und Tatsachen objektiv zu sehen. Wie sind deine Ansichten dazu?

 

MC: Meine Antwort auf die Frage der Zuschauerin soll nicht als wertend betrachtet werden. Ich bezog mich dabei vor allem auf den Aspekt, dass Burak von seiner Familie keine Empathie und Liebe erhalten haben soll. Ich sehe das anders. Der Vater von Burak, Abdullah scheitert eindeutig in der Erziehung Buraks. Sein Sohn vertraut ihm nicht, weswegen er quasi ein Doppelleben führt. Leider ist das die Realität von vielen muslimischen Jugendlichen. Heisst das aber, dass die Liebe fehlt, oder die Empathie? Auf keinen Fall. In jeder Familie gibt es verschiedene Dinge, die einen unterschiedlichen Stellenwert haben. In einigen muslimischen Familien hat die Religion nun mal einen sehr hohen Stellenwert. Dass also Eltern den Fokus daraufsetzen, ist ganz normal. Genauso wie andere Eltern den Fokus auf Bildung setzen. Das Problem ist vielmehr das Vertrauen dafür, über was ich mit meinen Eltern als Jugendlicher sprechen kann und was nicht. Und da müssen Schweizerinnen und Schweizer auch verstehen, dass nicht jede Familie genau gleich ist in Bezug auf Offenheit und das halt gewisse Werte höher gehalten werden als andere. Ob das jetzt besser oder schlechter ist, sei mal dahingestellt. Tatsache ist, dass es so ist.

Aber allein dieses Verhalten in der Familie hat wenig bis nie einen Effekt auf die Radikalisierung dieser Jugendlichen, zumal es meist diejenigen sind die sich radikalisieren, welche eben keine religiöse Tradition in der Familie haben und somit nicht genau zuordnen können, welche Werte wie zu platzieren sind.

Insofern müssen beide Seiten aktiv werden. Aus schweizerischer Seite muss verstanden werden, dass nicht jedes Kind, das geschlagen wird Eltern hat, die dieses Kind nicht lieben. Und dass es in vielen Fällen schlichtweg am Wissen der Eltern fehlt, dass es eine bessere Erziehung gäbe. Auch ist das nicht wirklich ein ausschliessliches Problem der Muslime, sondern vieler Familien, vor allem aus Ländern mit weniger Bildungsstrukturen als die Schweiz, sowie auch Schweizer Familien. Andererseits müssen muslimische Eltern lernen, dass es sich lohnt, seine Werte und Erziehung zu überdenken und zu verbessern. Seine Kinder zu schlagen oder unter psychischen Druck zu setzen ist nie eine gute Lösung!

 

FS: In der Diskussion nach dem Film wurde thematisiert oder auch du hast gesagt, dass dieser Film einfach eine Sicht auf das Thema eröffnet. Diese Sicht ist aber überhaupt nicht einseitig, sondern sie regt an zur Diskussion in unterschiedliche Richtungen. Kannst du anhand von dir bekannten Beispielen einen Einblick geben wie sonst der Islam in Filmen dargestellt wird?

 

MC: Dafür gibt es den sogenannten Riz-Test. Der wurde von Sadia Habib und Shaf Choudry in Anlehnung an den Schauspieler und Rapper Riz Ahmed erfunden und lässt einen sehen, wie Muslime in Filmen dargestellt werden. Dieser Test ist inspiriert vom Bechdeltest, ein Test, um die Darstellung von Frauen zu untersuchen. Der Riz-Test wird in fünf Punkten durchgeführt, an welchen das stereotypische und islamophobe Bild der Muslime gemessen werden soll:

  • Wird über Terrorismus, deren Opfer oder Täter gesprochen?
  • Werden Muslime als übertrieben aggressiv oder wütend dargestellt?
  • Werden sie als abergläubig, als rückständige Kultur oder sogar anti-modern dargestellt?
  • Werden sie als Bedrohung für das westliche Leben präsentiert?
  • Wenn der Charakter männlich ist, ist er dann frauenfeindlich? Wenn weiblich, ist sie dann unterdrückt von ihrem männlichen Partner?

Sollte der Film, das Buch oder die Show eines oder mehrere dieser Punkte erfüllen, dann bedient es Islamophobie und Rassismus.

Ich für meinen Teil schaue nur noch selten bis gar keine Filme über Muslime, die von Regisseuren/Regisseurinnen gemacht wurden, welche nicht islamischen Glaubens sind. Ich sehe das Problem halt vor allem auch darin, dass man damit ein Feindbild immer weiter aufrechterhält und die Förderung dieses Bildes sogar unterstützt, wenn ich solche Medien unterstütze.

Was nun den Film AL-SHAFAQ von Esen Isik angeht, so habe ich mir den Film gerne angeschaut, vor allem auch, weil es eine innerislamische Perspektive einnimmt. Zwar werden im Film im Prinzip alle fünf Faktoren des Riz-Tests erfüllt, jedoch in einer solchen Weise, dass nicht zwingend nur ein Bild vorgefertigt geliefert wird. Natürlich habe ich dennoch einige Punkte, die ich kritisieren kann. So lässt sich am Beispiel von Burak sehr wohl feststellen, wo gewisse Punkte schiefgelaufen sind und wo man hätte eingreifen können. Ich glaube kaum, dass ein Vater und eine Mutter so blind gegenüber den Entwicklungen von ihrem Kind sein können, vor allem auch in Anbetracht dessen, wie krass die Wende von Burak war. Auch scheinen die Beamten im Film ganz klar versagt zu haben, wenn sie Burak und seine Gefährten nicht gehindert haben die Schweiz zu verlassen oder in dem Fall mit der Türkei, den Eltern oder gar der Moschee Kontakt aufgenommen haben, obwohl sie schon im Voraus wussten, dass Burak ausreisen wollte. Auch wird im Film nicht gezeigt, wie Buraks Innenwelt tatsächlich ausschaut. Es gibt keine Hinweise dafür, dass er wirklich in einen Konflikt geraten wäre, oder dass es ein Prozess gewesen wäre, bis die Entscheidung fiel, nach Syrien zu reisen und dort für den IS zu kämpfen. Im Film hätte uns als Zuschauer dieser Prozess durchaus klargemacht werden können.

 

Der Film Al-Shafaq läuft seit dem 31.10.19 im Kino Bourbaki in Luzern.

 

Buchtipp zum Interview:

Max Czollek, «Desintegriert euch»

 

 

 Bild: Milaim Callaku